Michel Friedman in Bayreuth: »Der Judenhass ist das Thermometer für den Zustand der Demokratie«

Datum26.07.2026 15:35

Quellewww.spiegel.de

TLDRMichel Friedman sieht Judenhass als Indikator für Demokratiezustand. Er kritisierte bei den Bayreuther Festspielen den Rechtsruck und rief zur Verteidigung der Demokratie auf. Friedman betonte, dass jüdisches Leben nie so gefährdet war wie heute. Nach anfänglicher Absage aufgrund von "Sicherheitsbedenken" sprach er nun über die Notwendigkeit, aktuelle Gefahren für die Demokratie anzuerkennen und aktiv dagegen vorzugehen.

InhaltEingeladen, ausgeladen, wieder eingeladen: Michel Friedmans Auftritt beim 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele sorgte schon im Vorfeld für Wirbel. Nun sprach der Publizist über Demokratie und Diktatur. Der jüdische Publizist Michel Friedman hat in seiner mit Spannung erwarteten Rede zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele zu Engagement für Demokratie und gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft aufgerufen. "Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich verteidigen", fragte der 70-Jährige im Festspielhaus bei einer Gedenkveranstaltung für während des NS-Regimes verfolgte und ermordete jüdische Musiker. Inzwischen sei klar, "dass wir den Anfängen nicht genug gewehrt haben, sondern mittendrin sind", sagte er auch mit Blick auf Sachsen-Anhalt, wo die AfD rund sechs Wochen vor der Landtagswahl laut Umfragen mit mehr als 40 Prozent deutlich vorn liegt. Gerade den Menschen, die heute gern nörgelten, müsse man klarmachen: "Sie müssen demokratisch wählen, damit sie morgen noch entspannt nörgeln können." Friedman, aus dessen Familie seinen Angaben zufolge 50 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet wurden, betonte: Hass auf Juden, Hass auf Muslime, Hass auf Frauen oder Homosexuelle sei vor allem eins: Hass auf Menschen. "Die Diktatur verachtet den Menschen nicht, sie sieht ihn nicht einmal", sagte Friedman. Darum müssten alle überzeugten Demokraten ihre Stimme erheben und Werbung machen für "das bessere Produkt". Der Publizist beschrieb die aktuelle Situation in Deutschland mit drastischen Worten: "Der Judenhass ist das Thermometer für den Zustand der Demokratie. Das Thermometer hat aktuell einen Wert von 40 Grad. Jüdisches Leben war seit 1945 in diesem Land (...) noch nie so gefährdet wie heute", sagte Friedmann laut der "Süddeutschen Zeitung" . "Unser Leben ist in Gefahr. Unsere Kinder sind nicht sicher." Friedmans Rede war vor allem darum mit Spannung erwartet worden, weil es um die Veranstaltung im Vorfeld einiges an Wirbel gegeben hatte. Friedman war zunächst für die Eröffnungsrede eingeladen worden. Im Juni sagten die Festspiele die Veranstaltung am Eröffnungswochenende dann Friedman gegenüber wegen "Sicherheitsbedenken" ab. Der machte den Vorgang öffentlich. Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen zu streichen, sei "in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Es folgte harsche Kritik an den Festspielen, auch aus der Politik – und eine Entschuldigung von Festspielchefin Katharina Wagner, die sie bei der Eröffnung des Jubiläums wiederholte. Friedman nannte die 48-Jährige, mit der er vor seiner Rede noch die Dauerausstellung "Verstummte Stimmen" zu den Biografien verfolgter jüdischer Mitwirkender der Bayreuther Festspiele besuchte, nun "meine Freundin" und sagte, "dass Katharina Wagner gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert". "Heute hab ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören." Der Komponist Richard Wagner (1813-1883), Gründer der Bayreuther Festspiele, verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich antisemitisch. Später galten die Festspiele als eng verflochten mit nationalistisch-völkischem Gedankengut und schließlich mit dem Nationalsozialismus. Adolf Hitler war immer wieder Gast in Bayreuth. Katharina Wagners Großmutter Winifred Wagner, die die Festspiele damals leitete, galt als glühende Verehrerin. Nach dem Krieg und dem Ende des NS-Regimes ging es aus Sicht Friedmans vor allem darum, das dunkle Kapitel zu schließen und nicht mehr aufzuschlagen. Dazu zitierte er den Wunsch der Brüder Wieland und Wolfgang Wagner, die das Opernspektakel 1951 wiedereröffneten und ihre Gäste ganz explizit baten, "von Gesprächen und Debatten politischer Art freundlich absehen zu wollen". Die Festspiele hätten jahrelang viel zu wenig für die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte getan, betonte Friedman, und auch Medien und Politik hätten lieber den Musikgenuss zelebriert als sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob auf ihrem Platz womöglich einst Hitler saß. Friedman sagte: "Wie liebevoll vom Grünen Hügel gesprochen wird in der Hoffnung, dass man die braune Erde darunter nicht sieht." Wagner dankte Friedman für seine Teilnahme an der Veranstaltung, die sich explizit mit dem "Ungeist, der vom Grünen Hügel ausging", befassen sollte. Das sei heute wichtiger denn je.