Meinung: »Neuromancer«: Wer verstehen will, was Elon Musk nicht versteht, muss dieses Buch lesen - Kolumne

Datum26.07.2026 14:12

Quellewww.spiegel.de

TLDRWilliam Gibsons Roman "Neuromancer" wird als TV-Serie neu aufgelegt. Das Buch, das den Begriff "Cyberspace" prägte, beschreibt eine dystopische Welt turbokapitalistischer Konzerne und mächtiger KIs. Diese Vision wird heute von Tech-Milliardären wie Elon Musk offenbar als Bauplan statt als Warnung verstanden. Musk missinterpretiert zentrale Science-Fiction-Konzepte, während Gibson die Probleme der heutigen Zeit wie KI-Entwicklung und Umweltverschmutzung besser versteht.

InhaltUnsterbliche Milliardäre, Rechenzentren im All und eine KI, die erwacht: Apple macht aus „Neuromancer“ eine TV-Serie. Was William Gibson im Roman als Dystopie beschrieb, behandeln die KI-Fürsten von heute als Bauplan. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Man könnte meinen, dass Science-Fiction tendenziell schlecht altert. Von der Realität überholte Zukunftsvisionen können ja unfreiwillig komisch wirken. Tatsächlich altern viele – gute – Science-Fiction-Bücher ganz hervorragend: Weil sie von Ideen handeln, weil sie ihre Kerngedanken komprimieren und damit haltbar machen. Man denke nur an "1984" von George Orwell, an "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley, an die Robotergeschichten von Isaac Asimov, "Die Geschichte der Magd" von Margaret Atwood oder "Die linke Hand der Dunkelheit" von Ursula le Guin. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Einer dieser Meilensteine, von dem viele schon einmal gehört, den aber wohl weit weniger tatsächlich gelesen haben, ist die "Neuromancer"-Trilogie von William Gibson. 42 Jahre ist das erste Buch jetzt alt, gerade wird es als TV-Serie neu aufgelegt  (bei Apple TV). Nicht nur deshalb lohnt es sich, alle drei Bände jetzt (im Zweifel noch einmal) zu lesen. Die Bücher sind geradezu erschütternd prophetisch, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Ich habe sie als Teenager – damals in einer ziemlich schlechten Übersetzung – zum ersten Mal gelesen und seitdem etwa alle zehn Jahre wieder. Sie werden nie langweilig. Im Gegenteil: Sie werden immer aktueller. William Gibson hat in einer Kurzgeschichte aus der "Neuromancer"-Welt das Wort "Cyberspace" geprägt, dafür wurde er berühmt. Es ist eine Welt, in der das Internet überall ist, aber ohne Smartphones. Eine turbokapitalistische Welt, in der Unternehmen mächtiger sind als Staaten. Kommt Ihnen das bekannt vor? Konzerne halten sich dort eigene Geheimdienste und sogar Armeen. Headhunter sind Leute, die buchstäblich über Leichen gehen, um einen Top-Entwickler von einem anderen Unternehmen abzuwerben. Das Buch erschien sechs Jahre vor dem ersten Webbrowser. Selbst das Prinzip Influencer nahm Gibson vorweg: Es gibt in der Trilogie Virtual-Reality-Technologie, die so attraktiv ist, dass manche Menschen, besonders solche aus prekären Verhältnissen, sich darin verlieren. Die Virtual-Reality-Influencer sind Leute, die nicht nur hervorragend aussehen, sondern auch ein so fantastisches Körpergefühl haben, dass ihre Fans nicht genug davon bekommen. Sie erleben lieber in simulierten Körpern aufregende Abenteuer oder ein romantisches Luxusleben. Das ist schöner als ihre eigene, armselige Existenz am unteren Ende einer extrem ungleichen Gesellschaft. Das ist 2026 aktueller, als es 1996 oder 2006 war. Gibson ist, wie sehr viele Science-Fiction-Autoren, politisch progressiv, Punk eben. Doch zu seinen Fans gehören auch viele Superreiche Silicon-Valley-Milliardäre , die jetzt Donald Trump hofieren . Neuromancer ist eine Dystopie. Die "Cyberpunk"-Welt ist dreckig, kaputt, brutal, ungerecht. Ihre Helden sind Noir-Charaktere wie der Hacker Case, dessen Nervensystem von einem russischen Giftstoff beschädigt wurde. Heute gilt Gibson als so wegweisender Autor, dass es längst Sekundärliteratur über Gibson-Sekundärliteratur  gibt. Es gibt in der "Neuromancer"-Welt übermächtige Konzerne und Oligarchen, die nach Unsterblichkeit streben. Es ist aber auch das Buch, aus dem viele der Klischees stammen, die in den Köpfen der KI-Fürsten von heute nicht mehr als mahnendes Horrorszenario existieren, sondern offenbar als Bauanleitung verstanden werden. Ohne zu viel verraten zu wollen: In "Neuromancer" passiert das, wovor Elon Musk, Sam Altman und Co. einerseits ständig besorgt warnen, worauf sie aber andererseits augenscheinlich mit allen Mitteln hinarbeiten: eine KI, die aufwacht. Die teils atemlosen Berichte dieser Woche über die "ausgebrochene" OpenAI-KI, die sich in das System einer anderen KI-Firma hackte , beziehen sich implizit auch auf diesen Mythos: Wenn die Maschine nur kompliziert genug ist, wird sie Bewusstsein, ein Ich, eine Persönlichkeit, einen Willen entwickeln. So ist das im Buch – es gibt keinerlei Anlass, anzunehmen, dass es in der Realität auch so ist. OpenAI hat eher mit viel Rücksichtslosigkeit einen gefährlichen Marketing-Coup inszeniert. Der auf Zukunftsszenarien spezialisierte Kulturwissenschaftler Ali Rıza Taşkale hat es in einem Essay für "Aeon"  einmal so formuliert: "Gibson stellte sich den Cyberspace als einen von Konzernen beherrschten Ort vor; das Silicon Valley baute zuerst das offene Internet, schlug dann aber doch den Weg in Richtung seiner Dystopie ein. Der Unterschied ist, dass dieser Weg in ›Neuromancer‹ die zu vermeidende Katastrophe darstellte. Sie haben aus dieser Warnung einen Produktplan gemacht." Im Buch erwacht letztlich der Geist in der Maschine, genauer: gleich mehrere davon. Ein zentraler Plot-Twist des ersten Bandes besteht darin (Achtung, Spoiler im Rest des Absatzes!), dass der Hacker Case, die Profikillerin Molly mit den verspiegelten Hightech-Augen und ein merkwürdig teilnahmsloser Ex-Soldat namens Armitage in Wahrheit von Anfang an im Auftrag einer KI unterwegs sind, ohne das selbst zu wissen. Am Ende dieses ersten Bandes geht es um ein Rechenzentrum im Erdorbit, und spätestens da ist man sicher, dass Elon Musk Neuromancer irgendwie als Handlungsanweisung statt als Warnung verstanden hat: Rechenzentren im All sind ein zentrales Produktversprechen von SpaceX. Die Vision scheint schon jetzt immer weniger Anleger zu überzeugen. Dafür alarmiert sie Expertinnen und Experten aus Raumfahrt und Klimaforschung, die mit einer gigantischen weiteren Umweltverschmutzung rechnen , falls die Pläne umgesetzt werden sollten. Musks permanentes Fehldeuten großer Science-Fiction-Werke ist mittlerweile nahezu legendär. Er, der Trump-Großspender, dessen Demontage der US-Entwicklungshilfebehörde USAID vermutlich Hunderttausende das Leben kostet, hält sich selbst offenbar  für einen der Rebellen aus dem "Star Wars"-Universum. Den britischen Autor Iain Banks, einen bekennenden Sozialisten , und dessen vermeintlich utopische "Culture"-Serie verstand Musk ebenso falsch. Banks, der 2013 starb, hat in einem Interview wenige Jahre vor seinem Tod  einmal gesagt, dass die übermächtigen künstlichen Intelligenzen in seinen "Culture"-Büchern die Möglichkeit eröffnen könnten, an den Ort zu gelangen, den zu erreichen wir hoffen könnten, nachdem wir uns all unserer Dummheit entledigt haben". Die Menschheit sei leider "zu dumm und aggressiv", zu "xenophob", um eine Utopie wie die der "Culture"-Romane zu erreichen. In den Büchern können Menschen so lang leben, wie sie möchten, manche wechseln mehrmals im Laufe einer Lebensspanne ihr biologisches Geschlecht. Musk dagegen hat seine trans-Tochter bekanntlich für tot erklärt. Und xenophob im Wortsinn ist er auch – er fürchtet sich ständig öffentlich  vor "Überfremdung" durch Migration. Auch Gibsons Werk missversteht Musk ständig und ausdauernd. Im Rahmen seines Prozesses gegen OpenAI wurde eine "hochvertrauliche" E-Mail  über Affenexperimente seines Unternehmens Neuralink öffentlich. Die Firma soll Elektroden in menschliche Gehirne pflanzen, um sie mit Computern zu verbinden. Musk schrieb: "Die Elektronik ist so kompakt, dass sie plan in der Schädeldecke liegt, man sieht nur den USB-C-Anschluss und ein bisschen drumrum. Sehr trippy. Genau wie Neuromancer." Der Account von William Gibson (@greatdismal ) bei X existiert weiterhin, auch nach Musks Übernahme des Dienstes. Gibson setzt ihn heute augenscheinlich primär ein, um ein Stachel im Fleisch des Milliardärs zu sein: Er macht dort Werbung für die Demokraten, warnt vor der Klimakrise und reposted Cyberpunk-Referenzen. Vor ein paar Wochen repostete Gibson das hier:  "Wacht verdammt noch mal auf, bevor es zu spät ist. KI-Rechenzentren breiten sich quer durch die USA aus und verbrauchen Milliarden Liter Wasser, eine kostbare Ressource. Wenn man kein Wasser hat, hat man auch kein Leben." Der Autor hat die Welt von heute nicht nur in Teilen vorhergesehen – er versteht ihre Probleme auch wesentlich besser als die Milliardäre, die seine Fans sind. Die aber hören einfach nicht damit auf, ihn ständig falsch zu interpretieren.