Anonyme Spende: »Wenn noch viele kommen, geht's an mein Portemonnaie«

Datum25.07.2026 17:04

Quellewww.zeit.de

TLDREin anonymer Spender finanziert während der Sommerferien den Freibad-Eintritt für alle unter 16-Jährigen in Ziegenhain, Nordhessen. Er möchte damit Kindern, die sonst finanziell benachteiligt wären, Zugang zu Erholung und sozialen Kontakten ermöglichen. Die Spende, die sich bereits auf über 1.100 Euro beläuft, wird fortgesetzt, solange viele Kinder das Angebot nutzen. Der Spender, der sich nicht als „Gutmensch“ sieht, tätigt auch sonst regelmäßige Spenden und hat eine persönliche Vereinbarung mit seinem „Schutzengel“.

InhaltEin anonymer Spender zahlt einen Sommer lang den Freibad-Eintritt für alle unter 16 in seinem nordhessischen Heimatort. Wir haben ihn am Beckenrand getroffen. Im Juni bebte in Venezuela die Erde, Iran, Israel und die USA setzten ihren Krieg fort, Deutschland ächzte unter den Folgen der Erderwärmung und im Freibad von Ziegenhain, Schwalm-Eder-Kreis, Nordhessen, zog ein Mann seine Bahnen, der die Welt verbessern wollte, wenigstens ein bisschen. Es sei ein herrlicher Morgen gewesen, erzählt er ein paar Wochen später, "das Wasser hübsch warm, 25 Grad, für mich gerade super". Dennoch habe er das Becken fast für sich allein gehabt und sich gefragt, wie das überhaupt sein kann, mitten im Sommer. Warum hier nicht viel mehr Leute herumplanschen, so wie er es von früher kannte. Schlagzeilen vom 28. Juni 2026: "Venezuela: Zahl der Toten steigt nach Erdbeben auf mehr als 1400" (Süddeutsche Zeitung) "Irans Klerus drängt auf Abbruch der Gespräche mit den USA" (Spiegel) "Extreme Hitze bringt Sachsen Waldbrände und Verkehrsprobleme" (Sächsische Zeitung) "Anonymer Spender zahlt freien Eintritt ins Freibad für alle unter 16" (Hessische/Niedersächsische Allgemeine) Bei der Anonymität, das war die Bedingung für unser Treffen, soll es bleiben. Selbst sein Alter will der Spender nicht in der Zeitung lesen, obwohl das sowieso wenig Aufschluss gibt. Er hatte es am Telefon kurz erwähnt, und dann wäre man am Bahnhof in Treysa, wo er zum Abholen bereitstand, fast an ihm vorbeigelaufen, weil er mindestens zehn Jahre jünger aussieht. Erwähnt werden darf, dass er als kleines Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt hat, was noch eine Rolle spielen wird. In der Natur der Sache liegt, dass sein Äußeres hier nicht beschrieben wird. Und dass sich das meiste, was er an Persönlichem erzählt, kaum überprüfen lässt, will man seinen Wunsch nach Diskretion respektieren. Die Hauptsache allerdings ist unstrittig: Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren baden in diesem Jahr während der hessischen Sommerferien in Ziegenhain auf seine Kosten. Das bestätigt auch der Bürgermeister von Schwalmstadt, über den der Kontakt zum Spender zustande kam. Er war gerade im Urlaub in Spanien, als der ganze Wirbel losging. Es ist nämlich so: Nach dem kleinen Bericht in der Lokalzeitung ging die Nachricht im Netz ziemlich viral. Nicht, dass der Spender das gleich mitbekommen hätte. Die Redakteurin, bei der er sich für den Bericht bedanken wollte, hat es ihm erzählt. Gucken Sie mal auf Instagram, habe sie gesagt, da haben Sie 60.000 Herzchen. Er kenne sich nicht so aus, sagt der Spender, er sei ja selbst nicht auf Social Media. Die überschwängliche Reaktion habe ihn jedenfalls überrascht. Dabei liegt sie, wenn man mal darüber nachdenkt, eigentlich ziemlich nahe. In Zeiten von Krisen, Konflikten und dem zunehmenden Abbau des Sozialstaats wächst die Sehnsucht nach Gutem, Wahrem, Schönem. Dem jüngsten Reuters Institute Digital News Report zufolge gaben 72 Prozent der Befragten an, Nachrichten gelegentlich aktiv zu vermeiden. Im vergangenen Jahr waren es noch 71 Prozent gewesen, von denen 49 Prozent der Älteren angaben, es werde zu viel über Kriege und Konflikte berichtet, während 19 Prozent der Jüngeren das Gefühl hatten, die Informationen seien für ihr Leben nicht relevant. Da ist die Nachricht von jemandem, der in einer Ellbogen-Welt die Arme ausbreitet, ganz einfach Gold. Während der Betreiber eines Strandbads in Sachsen-Anhalt nur noch Besuchern mit deutschen Sprachkenntnissen Einlass gewähren will, während in der ganzen Republik in diesem Sommer wegen Personalmangel oder überfälliger Sanierungen etliche Freibäder geschlossen bleiben mussten, stellt sich in Ziegenhain einer hin und sagt: Komm, ich mach’ das eben. Hach. Mittlerweile stehen wir vor dem Eingang des Freibads von Ziegenhain. Das Wasser im 50 Meter langen Edelstahlbecken glitzert im strahlenden Sonnenschein. Ein handgeschriebenes Schild beziffert die Badetemperatur auf 27 Grad. Der laminierten "Entgeltordnung für die Badesaison 2026" am Schalterfenster sind die Eintrittspreise für Tageskarten zu entnehmen: "Personen mit Vollendung des 16. Lebensjahres: 3,00 €; Personen ab 4 Jahre, Schüler u. Studenten mit Ausweis: 1,00 €; Schwerbehinderte u. Transferleistungsbezieher (Empfänger von Hartz IV, Grundsicherung und Sozialhilfe) mit Nachweis: 1,00 €; Schulklassen unter Aufsicht eines Lehrers: 0,50 €." Im Schwimmbad wissen sie natürlich, dass die Spende von ihm kommt. Der Spender ist hier Stammkunde, seit 1982, als das Bad eröffnet wurde, schwimmt im Sommer so gut wie jeden Morgen seine 500 Meter und besitzt eine Saisonkarte für 67 Euro, "viel zu billig", wie er findet, "ich schwimme hier schließlich an die 90 Mal im Jahr". Der Bademeister hat uns die Teeküche des Personals für unser Gespräch überlassen, was in gewisser Weise schade ist. Lieber hätte man mit ihm draußen am Kiosk gesessen, unter dem blau-rot-blinkenden Curry-Wurst-Schild, mit Blick auf das Treiben im Freibad, die Damen und Herren unter der Pflichtdusche, die Jugendlichen beim Tunken, die Kinder mit ihren Schwimmtieren. Aber gut, hier lässt es sich ungestörter sprechen. 1.100 – diese Zahl lässt der Bademeister bei uns im Raum stehen, ehe er die Tür hinter sich schließt. 1100 Kinder und Jugendliche haben den kostenlosen Eintritt bisher genutzt, macht aktuell 1.100 Euro Spende. Das Angebot gilt noch bis zum Ende der hessischen Sommerferien am 9. August. "Wenn noch viele kommen", sagt der Spender, "geht’s ein bisschen an mein Portemonnaie, aber die Freude überwiegt." Er habe ja seine Rente, er komme zurecht. Sowas Schönes wie ein Schwimmbad, habe er an jenem Morgen im Juni gedacht: Das müsste man doch eigentlich mehr unter die Leute bringen, damit die das öfter besuchen. Erst hat er überlegt, den Eintritt für alle zu übernehmen, aber das wäre wahrscheinlich zu teuer geworden, so dicke hat er’s dann auch nicht. "Und dann hatte ich die Idee: Es gibt ja Kinder, die gar nicht in die Ferien fahren können, aus finanziellen Gründen. Wenn die hier jeden Tag ins Schwimmbad könnten, weil es sie nichts kostet, wenn die hier ihre Freunde treffen, soziale Kontakte knüpfen und vielleicht weniger am Handy hängen – das wär doch was!" Als "Gutmensch" sehe er sich nicht, auch wenn er regelmäßig für die Tafel ausfahre. "Das ist ja nur ein- bis zweimal im Monat und ist dann auch mal schön, man sieht andere Leute, das ist alles prima." Und es sei, erzählt er, auch nicht das erste Mal, dass er Geld spendet. Er habe da nämlich diese Vereinbarung mit seinem Schutzengel. "Immer wenn etwas Schlimmes hätte passieren können, es dann aber noch einigermaßen gut gegangen ist, dann spende ich was, normalerweise 200 Euro oder so." An die SOS-Kinderdörfer, die Christoffel-Blindenmission. Und jetzt eben mal der Freibad-Eintritt. Seinen Namen will er deshalb trotzdem nicht an die große Glocke hängen. "Ich will mich da nicht interessant machen, es gibt auch noch wichtigere Sachen." Fühlt es sich anders an, wenn man den Empfängern seiner Spende ins Gesicht sehen kann? Denkt er manchmal: Dich hab ich eingeladen, dich hab ich eingeladen, und dich hab ich auch eingeladen? "Also, ich spreche natürlich niemanden an, ist ja klar", sagt er. "Aber ich denke, das ist schon eine schöne Sache."