Meinung: Altersvorsorge: Worauf junge Sparer bei der Frühstart-Rente achten müssen

Datum25.07.2026 15:52

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie "Frühstartrente" soll Kindern und Jugendlichen den Zugang zum Finanzmarkt erleichtern und sie frühzeitig an die Altersvorsorge heranführen. Staatliche Förderung und ein automatisiertes Konto durch die Bundesbank sind geplant. Anbieter konkurrieren um junge Kunden mit neuen, kostengünstigen Depotangeboten. Wichtig für Sparer sind niedrige Kosten und eine breite Anlagemöglichkeit, um langfristig Vermögen aufzubauen.

InhaltSparkassen, Banken, Neobroker – alle wollen die jungen Kunden ködern. Die neue Frühstartrente dürfte das Wettrennen im Depotmarkt anheizen. Jetzt geht es in der Altersvorsorge um die Wurst. Diese Woche hat das Bundesfinanzministerium verkündet, wie die Frühstartrente aussehen soll, wie sie strukturiert werden soll und mit welchen Kosten private Anbieter Fonds und andere Produkte an den Start bringen dürfen . Da die Frühstartrenten später nahtlos in richtige Altersvorsorgedepots umgewandelt werden können, wird hier auch ein Eckstein für den künftigen Markt der Altersvorsorge gelegt. Mit der Frühstartrente sollen künftig alle Kinder und Jugendlichen einen Zugang zum Finanzmarkt bekommen, versüßt durch etwas Förderung vom Staat. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip"  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Bei der Frühstartrente gewährt der Fiskus zum Start nur zehn Euro Förderung im Monat und auch nur für einen Geburtsjahrgang – den Jahrgang 2020. Künftig will der Staat allen 6- bis 18-Jährigen die Fördersumme auf ein solches Konto einzahlen. Doch die angelegten Strukturentscheidungen reichen weiter. Der Sachverständigenrat für Wirtschaft hatte im vergangenen Jahr ein Konzept entworfen, von dem sich wichtige Teile im Referentenentwurf wiederfinden . Jeder und jede Jugendliche ab Jahrgang 2020 soll ein solches Konto bekommen, soll herangeführt werden an den Kapitalmarkt, soll schon in jungen Jahren über die richtige Vorsorge fürs Alter nachdenken. Dafür gibt es jetzt zehn Euro im Monat, wie früher die geschenkte Spardose von der Hausbank. Mit Bildungsauftrag inklusive und mit tatsächlicher Chancengleichheit, jedenfalls bei diesen staatlichen Hilfen. Die Älteren bis Jahrgang 2019 gehen allerdings leer aus. Das Ganze soll auch noch quasi automatisch gehen – ohne Antragsstrecke wie künftig auch beim Kindergeld. Und wenn die jeweiligen Eltern an dieser Stelle schläfrig oder unentschlossen sind, übernimmt die Bundesbank einen Teil der Fürsorge und legt die staatliche Förderung für deren Kinder an: in internationalen Aktien und entsprechenden Aktienfonds. Der Bund sammelt solches Geld in einem mehrere Hundert Millionen Euro schweren Sondervermögen "Frühstartrente". Die Jugendlichen können das Konto dann frühestens nach ihrem 18. Geburtstag selbst bei der Bundesbank abrufen. Insgesamt soll die Frühstartrente den Staat im ersten Jahr 2027 knapp 200 Millionen Euro kosten. Die Anlage durch die Bundesbank könnte für den Nachwuchs sogar eine gute Variante sein, Finanzdienstleister in Deutschland bieten schließlich nicht nur günstige und kundenfreundliche Konten an. Aber selbst an dieser Stelle scheint der Staat aufmerksamer zu sein als in der Vergangenheit. Richten die Eltern das Frühstartrenten-Konto für die eigenen Kinder ein, soll das nur in einem Standardprodukt möglich sein. Dessen Verwaltungskosten müssen pro Jahr unter einem Prozent des Vermögens auf dem Konto liegen. Weil auch Vertriebs- und andere Kosten nicht erlaubt sein sollen, sieht diese Vorschrift tatsächlich nach Fortschritt aus. Auch wenn wir bei Finanztip für staatlich geförderte Depots einen Deckel von 0,5 Prozent Kosten pro Jahr verlangen und 0,2 Prozent für angemessen halten. Bis zur Entnahmephase (Rente) bleiben alle Erträge, das Überführen des angesparten Geldes in ein Altersvorsorgedepot und das spätere Verkaufen und Umschichten innerhalb dieser Depots steuerfrei. Das heißt also, das Geld aus der Kindheit kann ohne Abzüge angemessen angelegt werden und sich über die nächsten Jahre und Jahrzehnte ordentlich vermehren. Zinseszins pur. Hier eine kleine Beispielrechnung: Aus monatlich zehn Euro vom Staat im Alter von 6 bis 18 (also 1440 Euro staatliche Einzahlung) werden bei durchschnittlich sechs Prozent Rendite und 0,2 Prozent Kosten im Jahr bis zum 18. Geburtstag rund 2100 Euro. Bleibt dieses Geld bei gleichen Renditen noch mal 50 Jahre stehen, werden daraus 35.000 Euro. Auch 35.000 Euro sind in 50 Jahren natürlich noch keine Altersvorsorge, wegen der Inflation, aber auch, weil die monatliche Summe wirklich klein ist. Zum Vergleich: Eine durchschnittlich verdienende Angestellte und ihr Arbeitgeber zahlen aktuell Monat für Monat mehr als 800 Euro in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Die zahlt davon den heutigen Rentnern die gesetzliche Rente, und die Angestellte erwirbt den Anspruch auf einen Rentenpunkt – aktuell rund 42,50 Euro Rente pro Monat von 67 bis an ihr Lebensende. Mit der richtigen Rente will staatliche Hilfe bei der Frühstart-Rente auch gar nicht konkurrieren, selbst wenn Eltern und Großeltern die zehn Euro im Monat mit bis zu 6840 Euro Einzahlung pro Jahr aus eigenem versteuerten Einkommen aufstocken dürfen. Sie soll ein Stupser sein. Wie ernst die Finanzdienstleister die aktuellen Entwicklungen aber nehmen, kann man an mehreren Stellen beobachten. Die Anbieter glauben: Hier wird gerade der Kuchen verteilt, die junge Kundschaft lebenslang gewonnen oder eben auch nicht. Die Sparkassen zum Beispiel gehen mit einem brandneuen, kostengünstigen Depotkonzept in ihren Apps an den Start. Über 340 der knapp 400 Sparkassen wollen das Depot jetzt direkt in der bestehenden Sparkassen-App anbieten. Das Depot selbst ist normalerweise kostenlos, eine Order von Wertpapieren soll ab 95 Cent erhältlich sein. Das eigene Girokonto wird für die entsprechenden Sparkassenkunden dann zum Verrechnungskonto. Sparkassen könnten auch den bislang schon kostengünstigen S-Broker im Rahmen ihrer Depots anbieten, schrieb mir die Pressestelle des S-Broker ergänzend. Das Angebot richtet sich aktuell nur an die Millionen eigener Kunden, vor allem die jüngeren. Ein Sparkassen-Girokonto ist nämlich noch Voraussetzung, um mit der Sparkassen-App das neue Depotangebot zu nutzen . Natürlich zielt das Angebot auch auf eine Generation künftiger Altersvorsorgesparer, die gewohnt ist, alles per App zu machen. Bei den heute aktiven Depotsparern hatten Sparkassen und Volksbanken ein wenig den Zug verpasst. Ihre relativ günstigen Onlineangebote wie S-Broker und der 2015 gegründete Geno-Broker bedienen zusammen schätzungsweise 300.000 Kunden, vielleicht ein paar mehr. Genauere Zahlen wollte diese Woche weder der S-Broker noch sein Volksbank-Pendant – der Geno-Broker – nennen. Die neue Sparkassen-Depot-App ist also auch eine Art Kampfansage an die Neobroker. Die Sparkassenkunden, immerhin 40 Prozent aller Bankkunden in Deutschland, nutzen insgesamt acht Millionen Depots bei den Sparkassen . Kostengünstig sind davon vor allem mehr als 200.000 Depots beim S-Broker , der Wertpapierhandelsplattform der Sparkassen. Zum S-Broker kann man auch wechseln, wenn man kein Girokonto bei der Sparkasse hat. Allein der größte deutsche Neobroker Trade Republic hat europaweit rund zehn Millionen Kunden, nationale Zahlen gibt es nicht mehr. Dazu kommen die Kunden bei Konkurrenten wie Scalable, Traders Place und den Direktbank-Dickschiffen ING oder DKB. Im Winter hieß es, auch die Genossenschaftsbanken arbeiteten an einem Angriff mit einer Depot-App wie die Sparkassen . Diese Woche schrieb mir die zuständige DZ Bank, im Vorbereitungsprozess für die App gebe es von den Genossen dazu keine Zahlen. Trade Republic sieht sich mit Kinderdepot und dem geplanten Altersvorsorgedepot für solche Angriffe gut gerüstet, aber auch die Frühstartrente sei "ein Markt für uns", schrieb man mir. Trade Republic werde ein "leicht verständliches Produkt zu niedrigsten Kosten" als Frühstartrenten-Depot anbieten. Zuletzt haben sich zahlreiche mögliche Anbieter von Frühstartrenten und Altersvorsorgedepots an meine Kolleginnen und Kollegen bei Finanztip gewandt, um über ihre Konzepte für die künftige Altersvorsorge zu reden. Von klassischen Banken, Versicherern und Vertriebsstrukturen bis zu Neobrokern. Quellen behandeln wir natürlich vertraulich. All diese Anbieter wissen, welche Mindestanforderungen Finanztip an geeignete Altersvorsorgeprodukte der Zukunft hat . Im vergangenen Herbst haben wir ein Positionspapier zum Altersvorsorgedepot als E-Paper veröffentlicht. Mit einer Petition und über 250.000 Unterschriften haben wir im Frühjahr niedrigere Kosten bei staatlich geförderten Altersvorsorgeprodukten verlangt. Die wichtigsten Punkte: Kosten von jährlich maximal einem halben Prozent für jedes geförderte Produkt, die Möglichkeit von hohen Aktienanteilen bei der Anlage für höhere Renditen und mehr Förderung für ärmere Haushalte, damit auch sie eine vernünftige Chance auf zusätzliche Altersvorsorge haben . Nicht alles davon wurde im Gesetz tatsächlich umgesetzt. Und ob wir mit den geplanten Veränderungen in der gesetzlichen Rentenversicherung nun tatsächlich einen politischen Herbst der Reformen in der Altersvorsorge bekommen, ist noch nicht ganz klar. Was sich aber ganz klar abzeichnet: Die Republik wird einen Herbst und Winter der Angebote für Depot- und Altersvorsorgekunden sehen. Vor dem Hintergrund sage ich Ihnen: Freuen Sie sich darauf, schauen Sie genau hin, und nutzen Sie die neue und günstige Angebotsvielfalt. Klar, es soll bequem und leicht zu nutzen sein. Schauen Sie aber unbedingt auch auf die Kosten. Denn da geht noch was. Während ich diese Zeilen schreibe, hat Vanguard, der US-Pionier der ETF-Branche, gerade angekündigt, die Verwaltungskosten für einen seiner beliebtesten ETFs von 0,19 Prozent im Jahr auf 0,14 Prozent zu senken . Noch vor fünf Jahren waren bei gemanagten Fonds Kosten vom Zehnfachen die gängige Praxis, und selbst vermeintlich kostengünstige ETFs verlangten noch das Doppelte. Zumindest bei den Kosten brechen also bessere Zeiten an.