Huthi-Miliz: Was hinter der Seeblockade der Huthis im Roten Meer steckt

Datum24.07.2026 15:53

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Huthi-Miliz hat eine Seeblockade im Roten Meer erklärt, die die wichtige Handelsroute Bab al-Mandab betrifft. Dies geschah nach einem Angriff auf Sanaa und wird als Reaktion auf den Jemen-Bürgerkrieg, die Unterstützung durch den Iran und die Entwicklungen im Gazakrieg gesehen. Internationale Akteure verurteilen die Blockade, die den Ölpreis steigen lässt und Reedereien zur Umleitung ihrer Routen zwingt, was zu höheren Kosten führt. Die EU hat eine Marine-Mission zur Sicherung der Schifffahrt gestartet.

InhaltEine blockierte Meerenge, brennende Öltanker und ein wütender Trump: Im Roten Meer bahnt sich ein Déjà-vu für die Weltwirtschaft an. Warum die Huthis die Lage eskalieren Internationale Reedereien und die Weltwirtschaft blicken sorgenvoll auf einen weiteren Krisenherd in Nahost. Sein Name: Bab al-Mandab – das "Tor der Tränen". Die Meerenge vor der Westküste des Jemen bildet den südlichen Zugang zum Roten Meer. Sie ist ein Nadelöhr für den globalen Schiffsverkehr und viele Öltanker. Anfang der Woche hat die mit dem Iran verbündete Huthi-Miliz genau dort eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien angekündigt. Erste Schiffe wurden bereits angegriffen. Was steht hinter der Eskalation und welche Konsequenzen drohen der Weltwirtschaft? Ein Überblick Die Huthis sind eine religiöse und politische Gruppierung im Jemen. Als Miliz kämpfen sie dort seit Beginn der 2000er-Jahre in einem Krieg gegen die Regierung. Dabei konnten sie wiederholt militärische Erfolge erzielen und den Nordwesten des Landes größtenteils unter ihre Kontrolle bringen. Dabei nutzten sie auch ein Machtvakuum, das durch Proteste gegen die Regierung im Zuge des Arabischen Frühlings entstand. Die Huthis konnten die Hauptstadt Sanaa einnehmen. Ein von Saudi-Arabien angeführtes Militärbündnis griff 2015 allerdings zugunsten der Regierungstruppen ein. Die Folge war ein jahrelanger, schwerer Bürgerkrieg mit rund 400.000 Toten, darunter viele Kinder. 2022 wurden die Kämpfe durch eine von den UN vermittelte Waffenruhe weitgehend beendet. Seitdem herrscht eine Art Pattsituation. Während die Huthis im Norden dominieren, verteilt sich die Macht im Süden des Landes auf ein fragmentiertes Regierungsbündnis. Der Huthi-Miliz gehören mehrere Zehntausend bewaffnete Kämpfer an, einige Schätzungen gehen gar von bis zu 200.000 Kämpfern aus. Die Waffenruhe innerhalb des Jemen hielt auch ​während des Gazakrieges. Allerdings griffen ​die Huthis internationale Schiffe im Roten Meer ‌an und feuerten Raketen auf Israel. Daraufhin starteten Israel und die USA Luftangriffe auf Orte im Gebiet der Huthis, die mit Unterbrechungen bis ins Jahr 2025 andauerten. Im Mai 2025 vermittelte der Oman dann eine Feuerpause zwischen den Huthis und den USA. Im vergangenen Jahr flammte der Konflikt im Land wieder auf. Eine von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützte Separatistenbewegung hatte Gebiete im ‌Süden eingenommen und damit die gegen die Huthis gerichtete Koalition mehrerer arabischer Staaten gespalten. Saudi-Arabien stellte sich dagegen und bombardierte verschiedene Städte im Südjemen. Offiziell hat der Iran eine Zusammenarbeit mit den Huthis in der Vergangenheit wiederholt zurückgewiesen. Dennoch sind sich zahlreiche Experten einig: Das iranische Regime ist der wichtigste Verbündete der Huthis. Vielen gelten die Huthis gar als ein sogenannter Proxy des Iran, vergleichbar mit der Hisbollah-Miliz im Libanon. Dass die iranische Führung die Huthis trotz religiöser Differenzen unterstützt, lässt sich über die gemeinsame politische Ideologie erklären, in der die USA, Israel und das sunnitische Saudi-Arabien die Hauptfeinde darstellen.  Der konkrete Anlass der Seeblockade ist laut den Huthis ein folgenschwerer Zwischenfall aus der vergangenen Woche: ein Angriff der von Saudi-Arabien unterstützten jemenitischen Regierung auf den Flughafen von Sanaa. Offenbar wollte sie ein iranisches Flugzeug treffen, in dem sich eine ranghohe Huthi-Delegation befand – auf dem Rückweg von der Trauerfeier für den obersten Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei. Als Reaktion beschossen die Huthis den Flughafen Abha im Süden Saudi-Arabiens mit Drohnen und Raketen. Am Montag verkündete die Miliz dann die Seeblockade, und zwar explizit für Schiffe, die in Verbindung mit Saudi-Arabien stehen. Die auf maritime Sicherheit spezialisierte Firma Neptune P2P Group berichtet von einem entsprechenden Funkspruch der Huthis. US-Außenminister Marco Rubio brachte eine weitere Lesart ins Spiel: Die Huthis könnten demnach auf Anweisungen des Iran handeln. Bisher habe sich die Miliz im Irankrieg "weitestgehend klug" verhalten und sich aus dem Konflikt herausgehalten, sagte Rubio. "Nun sind sie offenbar dazu verleitet worden, sich einzumischen und Saudi-Arabien und seine Schiffe ins Visier zu nehmen." Nach Angaben der Huthis sind am Donnerstag zwei saudi-arabische Öltanker beschossen worden. Saudi-Arabien selbst bestätigte bislang nur, dass ein Schiff getroffen wurde. Auf dem Schiff sei ein Feuer ausgebrochen.  Weitere Angriffe sind bislang nicht bekannt geworden. Schiffsdaten zeigen jedoch, dass mehrere Tanker mit saudi-arabischem Rohöl an Bord im Roten Meer umdrehten, die auf dem Weg nach China und Indien waren. Sie änderten ihren Kurs und fuhren Richtung Norden zum Suezkanal, um die jemenitische Küste zu meiden. Es fahren allerdings auch weiterhin Schiffe durch das Rote Meer. Laut dem Datenanbieter Kpler waren es am Donnerstag 18 Schiffe, Mittwoch 26. Mehrere Schiffe änderten nach Angaben der Website Marinetraffic ihre elektronischen Anzeigen und notierten dort etwa "bewaffneter Sicherheitsdienst an Bord", "von der indischen Regierung erwartet" oder "Eigentümer der Ladung ist China". An der Meerenge Bab al-Mandab selbst ging der Schiffsverkehr nach der Warnung der Huthis zurück.  International wird die Eskalation der Huthis verurteilt. US-Präsident Donald Trump drohte der Miliz mit einer "bedeutenden militärischen Bestrafung". Trump schrieb online, er sei "sehr enttäuscht" über die Miliz. Sollte sie erneut Öltanker angreifen, würden sie und auch der Iran militärisch bestraft. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte die Huthis auf, die Angriffe unverzüglich einzustellen. "Jede Form einer Seeblockade ist inakzeptabel", sagte er. Die "rücksichtslosen Angriffe" gefährdeten die Freiheit der Schifffahrt. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verurteilte den Angriff auf den saudi-arabischen Öltanker als "nicht hinnehmbar" und "illegal". Die Huthis müssten "alle Handlungen einstellen, die die internationale Schifffahrt und das Leben von Seeleuten gefährden". Auch müssten sie das "Völkerrecht einhalten", forderte Kallas. Der Ölpreis ist auch durch den neuen Huthi-Angriff wieder auf über 100 Dollar gestiegen. Der Grund: Das Rote Meer ist nach der Blockade ‌der Straße ⁠von Hormus durch den Iran zu einer wichtigen Alternativroute für den Export von ​Öl und anderen Produkten aus den Golfstaaten geworden.  Die sogenannte Ost-West-Pipeline pumpt das saudische Öl in Richtung Küste am Roten Meer, zum Hafen von Yanbu. Mehr als 70 Prozent seiner normalen täglichen Rohölexporte hat das Land in den Hafen umgeleitet. So sollte die heikle Lage in der Straße von Hormus umgangen werden. Sollte sich jetzt allerdings auch die Lage im Roten Meer zuspitzen, wären beide wichtigen Ölexportrouten im Nahen Osten gleichzeitig unterbrochen. Schiffe aus Yanbu mit Ziel Europa fahren ​zwar nach Norden durch den ägyptischen Suezkanal. Die Frachter nach Asien müssen aber südlich Kurs auf Bab al-Mandab nehmen. Schätzungen zufolge werden täglich rund 2,5 Millionen Barrel Rohöl von Yanbu in Richtung Süden transportiert.  Allerdings hat das Nadelöhr insgesamt an Bedeutung für den Welthandel verloren. Zwar passieren noch immer gut ein Viertel aller Containertransporte das Rote Meer, aber laut Daten der Suezkanal-Behörde ist das Verkehrsaufkommen durch den Suezkanal im Jahr ‌2025 im Vergleich zu 2023 um 52 Prozent zurückgegangen. Seit den Angriffen der Huthi-Miliz im Zuge des Gazakrieges haben große Reeder wie Maersk und Hapag-Lloyd ihre Routen umgeleitet und werden um die Südspitze Afrikas geführt – eine weitaus längere ⁠und rund zwei Millionen US-Dollar teurere Strecke. Nach den Angriffen der Huthis auf Schiffe im Roten Meer im Zuge des Gazakrieges hat die Europäische Union 2024 die defensive Marine-Mission EUNAVFOR Aspides gestartet, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt. Die Abkürzung EUNAVOR steht für European Union’s Naval Force. Das Einsatzgebiet umfasst auch die Meerenge von Bab al-Mandab sowie die internationalen Gewässer im Roten Meer und im Golf. Laut Angaben vom Oktober 2025 sind derzeit drei Marineschiffe an dem Einsatz beteiligt Die EU-Mission warnte diese Woche Handelsschiffe mit Bezug zu Saudi-Arabien, Israel und den USA, das Rote Meer und den Golf von Aden zu passieren, und stufte die Gefahrenlage hoch. Schiffe könnten Unterstützung anfragen, um bei der Passage eskortiert zu werden. Es müsse aber wegen der begrenzten Kapazitäten mit Wartezeiten gerechnet werden. Am Donnerstagmorgen gab Aspides bekannt, dass mehrere Containerschiffe durch eine an der Mission beteiligte italienische Fregatte durchs Rote Meer begleitet worden seien. Die EU-Außenbeauftragte Kallas sagte, die EU-Marinemission Aspides sei weiterhin "fest entschlossen, die Freiheit der Schifffahrt für alle im Roten Meer und den angrenzenden internationalen Gewässern zu schützen". Neben der Eskorte durch Marineschiffe hilft der Einsatzverband auch mit Aufklärungsflügen, um die Lage zu beobachten.  Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters, AFP