Arkadi Dworkowitsch: Schach-Präsident zieht sich wegen EU-Sanktionen zurück

Datum24.07.2026 11:37

Quellewww.spiegel.de

TLDRArkadi Dworkowitsch, Präsident des Weltschachverbands Fide, tritt wegen EU-Sanktionen zurück. Die EU hat ihn aufgrund seiner Verbindungen zur russischen Regierung sanktioniert. Dworkowitsch bezeichnet die Sanktionen als rechtswidrig und fechtet sie an, setzt aber seine Ämterausübung zur Sicherung der Verbandsfunktionen aus. Der frühere Schachweltmeister Viswanathan Anand übernimmt als Interim-Präsident. Zwei deutsche Unternehmer, Wadim Rosenstein und Jan Henric Buettner, kandidieren für die Nachfolge.

InhaltDie EU sanktioniert Arkadi Dworkowitsch, den Präsidenten des Weltschachverbands. Der zieht nun Konsequenzen. Zwei Deutsche wollen ihn beerben. Die Europäische Union hat am Donnerstag angesichts des anhaltenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ein neues Sanktionspaket  verabschiedet. Auf der Liste stehen unter anderem Maßnahmen gegen 48 Einzelpersonen, in diesen Fällen sollen etwa Vermögenswerte eingefroren sowie Reise- und Transaktionsverbote verhängt werden. Eine dieser 48 Personen: Der Russe Arkadi Dworkowitsch, Präsident des Weltschachverbands Fide. Dworkowitsch hatte in der Vergangenheit erklärt, er werde, sollte er auf der EU-Sanktionsliste landen, zurücktreten. Nun teilt er mit, er halte den EU-Beschluss für "rechtswidrig und ungerecht" und werde ihn mit allen möglichen Mitteln anfechten. Bis zu einer Gerichtsentscheidung könne aber die Funktionsweise des Schachweltverbands behindert werden. Deswegen habe er beschlossen, mit sofortiger Wirkung "die Ausübung meiner Befugnisse und Pflichten als Fide-Präsident auszusetzen". Das gelte, solange er den EU-Sanktionen unterliege. Der bisherige Vizepräsident Viswanathan Anand, ehemaliger Weltmeister, hat bereits erklärt, dass er nun wie vorgesehen als Interimspräsident der Fide übernehme. Kurz vor der Veröffentlichung der EU-Sanktionen hatte das Fachportal chess.com bereits über eine interne Nachricht von Dworkowitsch berichtet. Demnach habe er Mitarbeitern geschrieben, dass dies sein "letzter Tag" als Fide-Präsident sein könne. Auf eine SPIEGEL-Anfrage zu der Nachricht hat der Weltverband Fide bislang nicht reagiert. Dworkowitsch ist nicht einfach irgendein Sportfunktionär, er pflegt enge Verbindungen zur russischen Regierung. Von Mai 2012 bis 2018 war Dworkowitsch einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten in der russischen Regierung, zuvor Berater des damaligen russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew. Damit gehörte Dworkowitsch zum Machtzirkel von Wladimir Putin, der ihm später persönlich zu seiner Wahl als Fide-Präsident gratulierte. Schach ist in Russland Nationalsport, das Spiel wurde in der Vergangenheit auch für Propagandazwecke eingesetzt. Der russische Schachverband wurde kürzlich etwa vom internationalen Sportgerichtshof CAS gesperrt, weil er Schachturniere in den besetzten ukrainischen Regionen veranstaltet hatte . Vorsitzender des Kuratoriums des russischen Schachverbands ist Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Weltverbandspräsident Dworkowitsch hatte den russischen Verband lange geschützt und sich für die Rückkehr russischer Schachgroßmeister und -mannschaften zu internationalen Turnieren starkgemacht. Schon länger hatte die EU Berichten und Beobachtern zufolge geplant, Dworkowitsch zu sanktionieren. Lange soll ihn aber die ungarische Regierung unter Ex-Ministerpräsident Viktor Orbán geschützt haben, zu der Dworkowitsch gute Kontakte gepflegt haben soll. Der neue Ministerpräsident Péter Magyar macht da offensichtlich nicht mehr mit. Wie geht es also nun weiter im Weltschach? Dworkowitsch kandidierte eigentlich gerade für eine dritte Amtszeit als Fide-Präsident, die Wahl findet im September statt. Zu der Kandidatur hat Dworkowitsch sich bislang nicht geäußert, dass er antreten wird, scheint aber sehr unwahrscheinlich. Dafür sind noch zwei deutsche Unternehmer im Rennen: Der Düsseldorfer Wadim Rosenstein und der Hamburger Jan Henric Buettner kandidieren bei der Präsidentenwahl. Beide bemühen sich derzeit um Unterstützung der nationalen Verbände. Auf SPIEGEL-Anfrage erklärte Buettner, er spreche Dworkowitsch seinen Respekt aus. "Die jüngsten Ereignisse unterstreichen einmal mehr, wie wichtig es für unseren Verband ist, als unabhängig, politisch neutral und ausschließlich auf den Dienst an der globalen Schachgemeinschaft ausgerichtet wahrgenommen zu werden", so Buettner. Er wolle als Präsident "mit jedem Mitglied der Schachfamilie zusammenarbeiten, unabhängig von Nationalität oder politischem Hintergrund, und gleichzeitig sicherstellen, dass die Entscheidungen der Fide ausschließlich von den Interessen des Schachs und seiner Mitglieder geleitet werden." Wadim Rosenstein, der zweite deutsche Kandidat für die Fide-Präsidentschaft, hat sich bislang nicht geäußert. Für Russland ist Schach ein Werkzeug für Propaganda und politischen Einfluss. Doch die Machtstrukturen reißen ein. Der Weltverband hat Russland nun gesperrt. Welchen Einfluss hat die Entscheidung? Der Überblick.