Discounter: Wie Bulgarien Lidl und Rewe die Preise diktiert

Datum23.07.2026 14:43

Quellewww.zeit.de

TLDRDie bulgarische Regierung bekämpft die Inflation mit neuen Regeln, die auch gegen die Marktmacht von Discountern wie Lidl und Rewe gerichtet sind. Hohe Preise für Lebensmittel

InhaltOffiziell ist es Inflationsbekämpfung. Doch mit neuen Regeln wehrt sich Bulgariens Regierung auch gegen die Marktmacht der Discounterketten der Gruppen Schwarz und Rewe. Sonja Lazarova hat den Einkaufswagen vollgepackt mit Hühnerkeulen, Brot, Gemüse, Cornflakes. Sie läuft durch einen Lidl-Supermarkt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, von Regal zu Regal wird der Wagen voller. Die Mutter von drei Kindern kennt das, sie hat zwei Teenager-Söhne: "Da wird stets der Kühlschrank aufgemacht, sagt die 44-Jährige. "Ob zum Frühstück, zum Abendessen oder zum Naschen – es kommt wahnsinnig viel weg." Lazarova spürt das im Geldbeutel. Die Inflation lag im Juni bei 5,6 Prozent in Bulgarien, dem ärmsten EU-Land. Lazarova und ihre Familie, die man in Bulgarien zur Mittelschicht zählen würde, schaut inzwischen im Supermarkt genau hin, denn manche Molkereiprodukte oder Eier sind sogar teurer als in Westeuropa. Eine Packung Butterkäse kostet hier 3,88 Euro im Angebot – in Deutschland ist sie knapp zwei Euro günstiger, trotz höherer Einkommen. Der Durchschnittslohn in Bulgarien liegt bei rund 1.400 Euro. Die Haushalte wenden nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik inzwischen ein Drittel ihrer Ausgaben für Nahrungsmittel und Getränke auf – das ist mehr als doppelt so viel wie in Deutschland. "Ich hoffe sehr, dass die neue Regierung die Preise in den Griff bekommt", sagt Lazarova. In der Tat hat sich die neue Mitte-Links-Regierung unter Rumen Radev, die nach den großen Anti-Korruptionsdemos nun seit knapp drei Monaten an der Macht ist, dem Kampf gegen die Inflation verschrieben. Die Regierung fährt einen souveränistischen Kurs. Die Interessen eines prosperierenden Bulgariens gehen vor, wird stets wiederholt. Die Regierung will nun festlegen, was bei der Preisbildung ein "gerechter Wert" ist – und was nicht. Bei "wirtschaftlich nicht gerechtfertigten Preiserhöhungen" drohen Strafen von bis zu 100.000 Euro und bei unlauteren Praktiken von bis zu zehn Prozent des Umsatzes des Vorjahres, steht etwa in den novellierten Gesetzen für Verbraucher- und für Wettbewerbsschutz. Premier  Radev verweist explizit darauf, sich am deutschen Wettbewerbsrecht zu orientieren. "Wir wollen nicht mehr, aber auch nicht weniger als deutsche Verhältnisse", erklärte er. Es sind Regelungen, die ausgerechnet Lidl und Billa betreffen, die Discounter-Ketten der Gruppen Schwarz und Rewe. Beide Konzerne hatten sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gute Lagen mitten in Sofia und in anderen bulgarischen Groß- und Kleinstädten gesichert. Mit rund 400 Filialen sind sie präsent, sie sind die dominierenden Anbieter in Bulgarien, einflussreicher als heimische Supermarktketten wie Fantastiko. Die Regierung schlägt inzwischen harte Töne an. "Was wir sehen: Die großen Supermärkte tyrannisieren die Bauern", sagte etwa Landwirtschaftsminister Plamen Abrovski in einem Fernsehinterview und verglich den Preis von bulgarischem Käse mit dem von Gouda. Der bulgarische Käse sei aus "bulgarischer Milch, hervorragende Qualität". Und koste zum Beispiel zehn Euro das Kilo. Der Importpreis von niederländischem Gouda liege bei 15 Euro. "Doch die ausländischen Ketten bestimmen die Aufschläge selbst. Und wenn sie auf den bulgarischen Käse 80 Prozent aufschlagen und auf den ausländischen 20 Prozent – welcher fällt dann für den Konsumenten am Ende teurer aus?" Sein Vorwurf: Bulgarische Produkte würden im Wettbewerb zu ausländischen Produkten benachteiligt. Dagegen will die Regierung in Sofia nun vorgehen. Sie hat eine detaillierte Liste unzulässiger Handelspraktiken erstellt, etwa zu Aufschlägen und marktbeherrschenden Stellungen. Sie legt de facto sogar Preisobergrenzen fest. "Die Unterschiede zu den deutschen Gesetzestexten sind gravierend", sagt etwa der Wirtschaftsexperte Petar Ganev vom Institut für Marktforschung in Sofia. Die bulgarische Liste der akribisch beschriebenen unzulässigen Handelspraktiken sei viel länger als die deutsche, die Sanktionen seien überproportional hoch, und die Tricks, die der Wettbewerbsbehörde freie Hand lassen, offensichtlich. Wenn Unternehmen gemeinsam einen Marktanteil von über 60 Prozent haben, sind sie in der Pflicht zu beweisen, dass keine kollektive Marktbeherrschung vorliegt. "Das schafft automatisch die Grundlage für Preiskontrollen durch die Bestimmungen, die übermäßig hohe Preise untersagen", sagt der Experte. In einem Land wie Bulgarien, das mit umfassender Korruption zu kämpfen hat, sei ein Druckmittel wie dieses keine gute Nachricht. Die Opposition und Vertreter der Wirtschaft sind skeptisch, dass der Anti-Inflationskurs den erhofften Effekt bringt. Der Eingriff in die freie Preisbildung könnte sich negativ auf das Angebot und sogar auf die Preise auswirken, befürchten Kritiker. Für Kosjo Stojtschev, Wirtschaftsgeograf an der Universität Sofia, hätte die Ankurbelung des Wettbewerbs mehr gebracht. "Das Gesetz sollte eigentlich die Interessen aller Teilnehmer am Markt wahren und für ein normales Arbeitsklima sorgen", sagt er. Doch das Geschäftsklima ist vergiftet wie nie zuvor. "In Bulgarien werden etablierte Geschäftsmodelle über Bord geworfen und die europaweit restriktivsten Gesetze für die großen Handelsketten geschaffen", kritisiert Nikolaj Walkanov, Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins für modernen Handel, der die Interessen führender Einzelhändler wie Lidl, Billa, Metro oder Ikea vertritt. Er warnt davor, dass sich das Investitionsklima für ausländische Firmen extrem verschlechtere. Inzwischen hat er über den Dachverband für Einzel- und Großhandel EuroCommerce die EU-Kommission in Brüssel auf die Entwicklung in Bulgarien aufmerksam gemacht, damit sie überprüft, ob die neuen Regeln wettbewerbskonform sind.