Datum23.07.2026 08:12
Quellewww.spiegel.de
TLDREuropa ist global gesehen wohlhabend, investiert aber zu wenig. Internationale Studien zeigen, dass ein Großteil des globalen Vermögenszuwachses nicht aus realwirtschaftlichen Investitionen stammt. Europa hat zwar stabile Bilanzen und geringere Schulden als die USA oder China, doch seine Nettoinvestitionen in produktives Kapital liegen nur bei zwei Prozent des BIP. Deutschland zeigt sich ähnlich: eine solide Bilanz, aber stagnierende produktive Nettoinvestitionen und schrumpfendes reales Vermögen. Experten fordern, die Vermögensstärke in reale Investitionen umzuwandeln, um Wachstum zu fördern.
InhaltUnternehmen und Anleger in Europa geben zu wenig Geld für Investitionen in die Modernisierung und Erweiterung der Produktion aus. Dabei wäre genug davon vorhanden. Der weltweite Wohlstand wächst einer Studie zufolge schneller als die Wirtschaftsleistung. Die globale Bilanz erhöhte sich 2025 auf insgesamt 1800 Billionen Dollar, nach rund 1700 Billionen Dollar im Vorjahr. Dies geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse des McKinsey Global Institute (MGI) hervor. Davon entfielen rund 620 Billionen Dollar auf Realwerte wie Immobilien und Infrastruktur und 570 Billionen Dollar auf das Vermögen privater Haushalte. Nur 20 Prozent des Vermögenszuwachses beruhten jedoch auf realwirtschaftlichen Investitionen. Das Gros seien reine Bewertungsgewinne etwa durch steigende Aktienkurse. Damit steige die Gefahr, die Korrekturen an den Märkten mit sich bringen. Europa verfügt im internationalen Vergleich über eine robuste Bilanz, bleibt aber bei Investitionen zurück. Die Nettoinvestitionen in produktives Kapital liegen bei nur etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und damit halb so hoch wie in den USA. "Europa ist reich an Vermögen und arm an Investitionen", sagte Jan Mischke, Partner beim MGI und Autor der Studie. Während in den USA die Aktienbewertungen stark gestiegen seien und China hohe Schulden aufnehme, zeige sich Europa stabiler. "Europa steht bilanziell deutlich besser da als die USA oder China und muss nun daran arbeiten, dass Investitionen und Produktivitätswachstum nachziehen." Besonders deutlich ist der Befund für Deutschland. Europas größte Volkswirtschaft ist der Studie zufolge bilanziell solide aufgestellt: Die Verschuldung privater Haushalte ist niedrig, die Staatsverschuldung moderat und das Netto-Auslandsvermögen beträgt fast 90 Prozent des BIP. Gleichzeitig schrumpften die produktiven Nettoinvestitionen, die nach Abschreibungen übrig bleiben und tatsächlich in Infrastruktur, Maschinen und geistiges Eigentum fließen, jedoch fast auf null. Das reale Vermögen der Haushalte ging 2025 zurück, vor allem wegen sinkender Immobilienwerte. "Bilanzielle Stärke allein reicht nicht aus", sagte Mischke. "Sie muss sich auch in Investitionen in Infrastruktur, Maschinen, digitale Wertschöpfung oder Ideen wiederfinden, damit Einkommen und Vermögen wachsen können."