Fußball-WM: «Das ist kein Dorfturnier»: Deutscher Schiri beim WM-Finale

Datum23.07.2026 04:55

Quellewww.zeit.de

TLDRBastian Dankert war beim WM-Finale 2026 als VAR im Einsatz, 56 Jahre nach Rudi Glöckner. Er beschreibt die Freude und das Gefühl, diesen Moment erreicht zu haben. Die intensive Vorbereitung mit taktischen Analysen und die psychologische Herausforderung, die Emotionalität zu kontrollieren, werden thematisiert. Dankert betont, dass es sich um kein "Dorfturnier" handelt und Schiedsrichter unter enormem Druck stehen.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Fußball-WM“. Lesen Sie jetzt „"Das ist kein Dorfturnier": Deutscher Schiri beim WM-Finale“. 1970 leitete Rudi Glöckner aus Markranstädt das WM-Finale zwischen Brasilien und Italien (4:1). Danach dauerte es 56 Jahre, bis wieder ein deutscher Schiedsrichter bei einem Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft eingesetzt wurde. Der Rostocker Bastian Dankert war am vergangenen Sonntag beim WM-Triumph der Spanier gegen Argentinien (1:0 n.V.) der "Video Assistant Referee" (VAR). Mit der Deutschen Presse-Agentur spricht der 46-Jährige über diese sportliche Auszeichnung und über seine Erfahrungen bei der WM. "So richtig verarbeitet habe ich das noch gar nicht. Die Taschen stehen noch im Flur. Meine Frau hat mich hier mit einer Überraschungsparty empfangen. Und obwohl ich sehr müde war, ist das Adrenalin dann plötzlich nochmal in die Höhe geschossen. So habe ich mit der Familie, vielen Freunden und gemeinsamen Wegbegleiter meine WM-Medaille gefeiert. Und wenn ich diese Medaille dann sehe und auf ihr steht Spanien gegen Argentinien im WM-Finale: Dann denke ich langsam mal darüber nach: Was habe ich da in den letzten Tagen wirklich erreicht? Ich bin direkt nach dem Champions-League-Finale in Budapest in die USA geflogen und war dann vom 1. Juni bis zum 21. Juli insgesamt 50 Tage dort. Das ist schon Wahnsinn. Das versuche ich in den nächsten Tagen einfach mal, zu ordnen." "Am Donnerstag vor dem Finale haben wir eine Videokonferenz zusammen gehabt: die Schiedsrichter in Miami und wir Videoassistenten in Dallas. Damit waren wir natürlich auch bei der Verkündung des Final-Schiedsrichters dabei. Und nachdem Slavko Vincic und sein Team benannt wurden, waren wir Videoschiedsrichter dran. Das ist ein wunderschönes Gefühl. Es kocht in diesem Moment alles mit einem hoch und man denkt: "Das war doch eben gerade dein Name. Und du bist beim WM-Finale dabei!" Mein erster Gedanke war: Das ist das, wofür du so lange gearbeitet hast! Vielleicht nicht unbedingt seit ich im Amateurbereich angefangen habe. Aber spätestens seit ich 2018 meine erste Weltmeisterschaft erlebt habe und gleich beim Spiel um Platz 3 eingesetzt wurde. Und beim Finale 2022 als Backup eingeteilt war. Irgendwann möchte man dann selbst mal in dieser Position sein. Und dass das diesmal geklappt hat, ist auch so etwas wie die Entschädigung für alles, was man auf dem Weg dorthin wirklich aufopferungsvoll liegen gelassen hat. Man wird darin bestätigt, dass der Weg der letzten Jahre der richtige war." "Wir hatten unser Quartier in Irving in der Nähe von Dallas. Und die Schiedsrichter waren in Miami stationiert. Dorthin sind sie nach jedem Einsatz bei einem Spiel auch immer zurückgekehrt. Die Vorrunde ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen, weil es einfach so viele Spiele waren. Wir hatten also alle zwei oder spätestens drei Tage ein Spiel. Und selbst wenn wir persönlich nicht im Einsatz waren, mussten wir alle anderen Spiele analysieren. Deshalb gab es jeden Morgen ein Meeting um 10.00 oder 10:30 Uhr. Dazu haben wir trainiert. Wir hatten eine sehr große Anlage mit eigenem Trainingsplatz, Tennisplätzen und einem klimatisierten Fitnessraum. Teilweise war es in Dallas 40 bis 45 Grad heiß. Aber wir haben jeden Tag viel Sport machen können. Wenn die K.o.-Phase beginnt und die Spiele weniger werden, kann es schon ein bisschen zäh werden. Aber wir hatten eine coole Community, die viel zusammen gemacht hat. Tennis spielen, Pickleball spielen, Tischtennis-Turniere. Wir waren dort sehr gut aufgehoben. Unser Vorteil war: Es gab im vergangenen Jahr bereits die Club-WM. Und 80 bis 85 Prozent des Schiedsrichter-Teams setzte sich aus denjenigen zusammen, die sich schon von 2025 gut kannten." "Auch für Schiedsrichter gibt es Spielanalysten, die uns vor und auch während einer Weltmeisterschaft umfangreiche Daten zur Verfügung stellen. Da geht es um taktische Besonderheiten, um Schlüsselspieler, um Spielsysteme. Was passiert, wenn jemand vom Platz gestellt wird? Wie verhalten sich Spieler bei Eckstößen oder Freistößen? All das wird besprochen, weshalb man sich auf so ein Finale auch sehr gut vorbereitet fühlt. Die Herausforderung ist eher, nach einer Ansetzung nicht jeden Morgen, jede Stunde und jede Minute darüber nachzudenken: Das ist ein WM-Finale! Dort spielt Messi gegen Rodri. Und da gucken weltweit 200 Millionen Menschen am Fernseher zu. Unser Chef hat uns einfach gesagt: Da spielt ein rotes Team gegen ein blau-weißes. Und das macht vieles einfacher. Du kannst deine eigene Emotionalität und Anspannung besser koordinieren. Und das hat, glaube ich, auch dazu beigetragen, dass wir das bei diesem Finale gut umgesetzt haben. Es gab eine Menge sogenannter "Silent Checks", bei denen wir Szenen im Hintergrund geprüft haben, ohne dass das Spiel unterbrochen wurde. Zweikämpfe, die wir nochmal auf eine mögliche Tätlichkeit gecheckt haben. Oder das Tor für Spanien, das zurecht aberkannt wurde. So konnten wir zum Beispiel auch den Schiedsrichter darin unterstützen, dass er richtig lag und dass er weiter so mutig und stringent bleiben soll. Denn unter welcher Anspannung ein Schiedsrichter bei so einem Spiel steht, kann man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen. Es geht ja um den WM-Titel und ist kein Dorfturnier." © dpa-infocom, dpa:260723-930-424401/1