Datum22.07.2026 16:27
Quellewww.zeit.de
TLDRNach Durchsuchungen in den Fidesz-Büros wegen Korruptionsverdachts im Nationalen Kulturfonds wirft Ex-Premier Orbán der neuen Regierung Tyrannei vor und ruft zum Widerstand auf. Orbán, seit 16 Jahren Regierungschef und EU-Kritiker, äußert sich nach seiner Wahlniederlage erstmals politisch. Die Regierung von Nachfolger Magyar mit Zweidrittelmehrheit will Korruption bekämpfen und europäische Grundsätze wiederherstellen, während Fidesz in der Opposition schwächelt.
InhaltNach einer Razzia in den Büros seiner Partei wirft Viktor Orbán der neuen Regierung Tyrannei vor. Seine Unterstützer ruft er zum Widerstand auf. Der frühere ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat seine Gefolgsleute zum Widerstand gegen die neue Regierung aufgerufen. Die Mitte-Rechts-Regierung um seinen Nachfolger Péter Magyar übe ihre Macht auf tyrannische Weise aus und habe rechtsstaatliche Kontrollmechanismen beseitigt, sagte Orbán vor der Zentrale seiner rechtsnationalen Fidesz-Partei. Diese hatte am Vorabend mitgeteilt, dass die Staatsanwaltschaft die Büros der Partei habe durchsuchen lassen. Nach Justizangaben stand die Aktion im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Veruntreuung und anderer mutmaßlicher Straftaten beim Nationalen Kulturfonds während Orbáns Regierungszeit. Nach Medienberichten wurde der Nationale Kulturfonds als staatliche Auszahlungsstelle für Mitglieder des inneren Fidesz-Kreises sowie als Schattenkasse für Wahlkampfzwecke genutzt. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass das Entscheidungsgremium des Fonds entgegen den Vorschriften 1079 Zuschüsse in Höhe von insgesamt mehr als 17 Milliarden Forint (47 Millionen Euro) vergeben hat. Orbán wies die Korruptionsvorwürfe zurück. Bei der Razzia in den Fidesz-Büros seien Server beschlagnahmt worden, sagte er. In einer ersten Reaktion auf Facebook hatte Orbán behauptet, dass Ungarn kein demokratisches Land mehr sei. Seine Anhänger müssten die Demokratie wiederherstellen, forderte er. Orbán meldete sich erstmals seit seiner deutlichen Wahlniederlage im April politisch zu Wort. Er war bis dahin 16 Jahre lang Regierungschef gewesen. Während seiner Amtszeit hatten ihm Kritiker vorgeworfen, die Demokratie in Ungarn auszuhöhlen. Mit der Europäischen Union lag Orbán zudem häufig im Streit über Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenrechte. Die Regierung von Ministerpräsident Magyar verabschiedete unlängst eine Verfassungsänderung, die die Amtszeit von Präsident Tamas Sulyok beendet. Das Parlament wird in Kürze einen neuen Präsidenten wählen. Die Verfassungsänderung wurde mit einem schweren Vertrauensverlust begründet. Sulyok wurde 2024 von Fidesz-Abgeordneten gewählt. "Unterdessen trat der unter Orban ernannte Generalstaatsanwalt Gabor Balint Nagy zurück. Er begründete den Schritt mit Druck von Magyar, der ihn als Orbáns Marionette bezeichnet hatte. Die gegen ihn gerichteten Angriffe seien "weit über die Grenzen einer akzeptablen beruflichen und öffentlichen Debatte hinausgegangen", sagte Nagy. Die Tisza-Partei von Magyar verfügt über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Dadurch kann sie Maßnahmen aus Orbans Amtszeit rückgängig machen, die nach Auffassung Magyars der Demokratie geschadet haben. Die Tisza-Partei hat zudem angekündigt, die Korruption einzudämmen und sich europäischen Grundsätzen wieder anzunähern. Tisza kommt einer aktuellen Umfrage des Instituts Median zufolge derzeit auf 60 Prozent Zustimmung, während Fidesz bei 18 Prozent liegt. Die Fidesz-Partei befindet sich seit der Wahl in einer Krise, in der vergangenen Woche trat ihr Fraktionschef zurück.