»Nur eine Frage«: Machen Displays Kinder krank, Julia Brailovskaia?

Datum22.07.2026 13:52

Quellewww.zeit.de

TLDRPsychologin Julia Brailovskaia erklärt, dass Displays nicht per se krank machen, sondern die Art der Nutzung entscheidend ist. Übermäßiger Konsum sozialer Medien, besonders bei Kindern, kann negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Sie betont die Wichtigkeit gemeinsamer Mediennutzung mit Eltern, um kindliche Verarbeitung und Interaktion zu fördern. Interventionsstudien zeigen, dass eine Reduzierung der Social-Media-Zeit zu Verbesserungen der psychischen Gesundheit führt.

InhaltDie Psychologin Julia Brailovskaia sieht in sozialen Medien eine große Gefahr. Im Interview erklärt sie, wie man Kinder schützt – und sich selbst gleich mit. Jedes fünfte Kleinkind in Deutschland besitzt ein Tablet, 60 Prozent der Elfjährigen haben ein Smartphone, Jugendliche verbringen im Schnitt dreieinhalb Stunden täglich in den sozialen Medien. Die Weltgesundheitsorganisation vermutet bei jedem zehnten deutschen Jugendlichen ein suchtartiges Verhalten. Eine Frage, die fast jede Familie umtreibt. Julia Brailovskaia ist Professorin am Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität Bochum und eine der führenden deutschen Stimmen zum Thema. Im vergangenen Jahr hat sie als Erstautorin die maßgebliche Stellungnahme der Leopoldina (PDF), der Nationalen Akademie der Wissenschaften, mitverfasst. Sie gehört zu den wenigen Forscherinnen, die kontrollierte Interventionsstudien durchführen – also versuchen, Ursache und Wirkung wirklich auseinanderzuhalten. Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast "Nur eine Frage". Die Auszüge wurden gekürzt, redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. Redaktion: Jens Lubbadeh Visuelle Produktion: Michael Pfister DIE ZEIT: Frau Brailovskaia, machen Displays Kinder krank? Julia Brailovskaia: Danke für diese komplizierte Frage, die man schlecht mit Ja oder Nein beantworten kann. Displays machen natürlich nicht per se krank. Es kommt darauf an, was Kinder und Jugendliche oder im Prinzip jeder Mensch mit dem Display tun. Wenn jemand zu einem Freund läuft, den Weg nicht kennt und das Smartphone als Navigator nutzt, dann schadet das dem Kind nicht, sondern sorgt eher dafür, dass es rechtzeitig zum Geburtstag kommt. Wenn ein Kind aber das Smartphone nutzt, um permanent in den sozialen Medien unterwegs zu sein, dann kann sich das negativ auswirken und es definitiv auch krank machen. ZEIT: Irgendwann sehen Kinder zum ersten Mal ein Display – ich meine nicht ein Foto von Mama, sondern ein Video. Früher gab es Teletubbies, heute ist es Peppa Wutz. Ist das schlecht für ein ein- oder zweijähriges Kind, das zu sehen? Brailovskaia: Wenn es Peppa Wutz ist oder ein kindgerecht gemachtes Video, ist es nicht schlecht für ein Kind – solange es nicht drei Stunden vor dem Bildschirm sitzt und die gesamte Reihe am Stück schaut. Wenn es aber eine Viertelstunde mit den Eltern zusammen etwas sieht, ab etwa einem Alter von drei Jahren, dann ist das in Ordnung. ZEIT: Es gibt aber Kinder, die mit zwei eine halbe Stunde alleine einen Film anschauen. Ist das dann nicht mehr okay? Brailovskaia: Wahrscheinlich eher nicht. ZEIT: Warum? Brailovskaia: Kleine Kinder sind sehr darauf aus, neue Informationen zu bekommen, sie sind neugierig. Aber ihr Gehirn verarbeitet die Dinge nicht wie das eines Erwachsenen. Deshalb ist es wichtig, dass jede Information – ob online oder offline, digital oder analog – so dargeboten wird, dass das kindliche Gehirn sie verarbeiten kann, ohne überfordert zu werden. ZEIT: Man stößt in der Forschung schnell auf den Effekt, dass Kleinkinder zweidimensionale Bilder gar nicht verstehen können. Ich erinnere mich an eine Studie, die zeigte, dass wenn man ihnen einen Vorgang zweidimensional vorspielte, sie nicht begreifen konnten, was passiert war. Sehen sie es aber physisch im Raum, in drei Dimensionen, kapieren sie es besser. Brailovskaia: Kinder sind noch mehr als Erwachsene darauf aus, alles mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu verarbeiten. Es ist wichtig, dass etwas dreidimensional ist, dass man es anfassen, dass man es riechen kann, um überhaupt ein vollständiges Bild zu bekommen von dem, was man da sieht. Deshalb ist es für Kinder am Anfang auch recht befremdlich, wenn sie fernsehen oder zweidimensionale Bilder anschauen. ZEIT: Sie betonen, dass es besser ist, wenn die Eltern dabei sind, als wenn die Kinder allein vor dem Bildschirm sitzen. Bleiben wir bei Peppa Wutz mit drei: Warum ist es wichtig, dass die Eltern dabei sind? Brailovskaia: Damit die Eltern die Kontrolle darüber haben, was ihre Kinder wahrnehmen, was sie sehen, und vor allem darüber sprechen können. Kinder stellen häufig Fragen. Meine Kinder sind dreieinhalb und zwei, wir schauen so etwas gemeinsam an, weil sie mir viele Fragen stellen. Meine Tochter fragt: Warum hat sie das jetzt gesagt? Warum macht er das so? Und ich beantworte ihr die Fragen. Mir ist wichtig, dass eine Interaktion zwischen mir und meinen Kindern stattfindet, auch wenn sie etwas von außen geboten bekommen. ZEIT: Es soll Leute geben, die ihren Kindern ein Video vorsetzen, damit eine halbe Stunde lang Ruhe ist, weil sie dringend etwas arbeiten müssen. Das ist vermutlich nicht so hilfreich. Brailovskaia: Das ist weniger hilfreich, aber natürlich realitätsnah, denn man hat nicht immer Zeit und kleine Kinder sind sehr fordernd. Ich möchte Eltern, die das machen, gar nicht verurteilen. ZEIT: Wir wissen, dass die psychische Gesundheit Jugendlicher weltweit über die letzten Jahre abgenommen hat. Eine mögliche Erklärung: Social Media. Dieser Zusammenhang ist aber nur schwer zu belegen. Sie können das auf Ihrer kontrollierten Ebene zeigen, aber nicht global. Brailovskaia: Natürlich nicht. Was wir gemacht haben und das geht nur ein kleines Stückchen in diese Richtung: Wir haben Kohorten verglichen, also Menschen bestimmter Jahrgänge, und ihre psychische Gesundheit mit der Nutzungszeit beziehungsweise ihrer suchtartigen Nutzung sozialer Medien abgeglichen. Da zeigen sich Zusammenhänge positiver Art: Wenn das eine steigt, steigt das andere mit, beziehungsweise im Hinblick auf die psychische Gesundheit – reduziert sich diese bei steigender Nutzung. Aber da es keine experimentellen Studien sind, ist es nicht kausal nachweisbar. ZEIT: Wie kann man denn kausale Zusammenhänge bei diesem Thema nachweisen? Brailovskaia: In der Forschung unterscheiden wir drei Arten von Studien. Erstens die korrelativen: Da führt man eine Umfrage durch und erhebt Daten zu einem Zeitpunkt. Wir können dann sagen, Variable A und B hängen zusammen. Wir wissen aber nicht, ob eine die andere beeinflusst. Wir wissen also, dass besonders depressive Menschen soziale Medien viel nutzen. Aber wir wissen nicht, ob sie durch die Medien depressiv geworden sind oder sie nutzen, weil sie depressiv sind? Oder sind es einfach zwei Dinge, die zufällig parallel auftreten? Dann gibt es Längsschnittstudien: Die haben mehrere Messzeitpunkte, da kann man Zeitverläufe miteinander vergleichen. Wenn bei jemandem die Depressivität zuerst niedrig war, er dann soziale Medien genutzt hat und sie danach viel höher war, gibt es schon einen kleinen Hinweis darauf, dass das mit den sozialen Medien zusammenhängen könnte. Und am besten sind die kausalen oder Interventionsstudien, wo wir wirklich Experimente machen. Da verändern wir bewusst eine bestimmte Variable und schauen, wie sich dadurch andere Variablen verändern. Das machen wir in meinem Team gern. Wir verändern die Smartphone- oder Social-Media-Nutzung unserer Teilnehmenden und schauen über die Zeit, bis zu einem halben Jahr später, wie sich die psychische Gesundheit der Probanden verändert. Da zeigt sich ganz klar: Sobald wir die Social-Media-Zeit etwa um 20 oder 30 Minuten pro Tag für zwei Wochen reduzieren, steigen die Werte der psychischen Gesundheit. Also: Depressivität reduziert sich, die Lebenszufriedenheit verbessert sich. Das sind die Studien, die uns wirklich kausale Aussagen ermöglichen.