Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Teatime!

Datum22.07.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Artikel beleuchtet Hamburgs neue Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez und ihren Kampf gegen Hass. Außerdem wird die akribische Welt der Teeverkostung bei Hälssen & Lyon vorgestellt. Weitere Themen sind Tarifverhandlungen in Seehäfen, die Prüfung von Jungheinrich durch die Bafin, eingeräumte Fehler der Berenberg Bank und die Verurteilung einer Polizistin. Ein mutmaßlicher Täter in Stade beging Suizid. Ilka Seelers Beisetzung und Gedenken an Uwe Seeler und Kevin Keegan runden die Meldungen ab.

InhaltDie Elbvertiefung am Mittwoch – Mit einer Teeverkostung und Hamburgs neuer Antisemitismusbeauftragten im Interview. Und: Der mutmaßliche Täter von Stade begeht Suizid Liebe Leserin, lieber Leser, hatten Sie schon Ihren ersten Kaffee? Oder starten Sie wie ich mit Tee in den Tag? Mit dem Tee nimmt man es in Hamburg ziemlich genau. Das habe ich kürzlich in der Speicherstadt begriffen. Ich war bei einem der ältesten Teehändler der Hansestadt zu einer Teeverkostung verabredet. In goldenen Lettern prangt dort der Name über der Tür: Hälssen & Lyon. Im Erdgeschoss waren 16 weiße Teetöpfchen auf einem langen Tisch aufgereiht. Vor den Töpfen stand eine leere Tasse. Dahinter lagen Häufchen mit Teeblättern – manche eher weiß, manche braun, manche grün. In jedem Topf befanden sich – exakt! – 2,86 Gramm Teeblätter. "Das ist ein Traditionsgewicht", erklärte mir Christian Jürgs. So viel habe eine Six-Pence-Münze einst in Großbritannien gewogen. Anstatt jede Probe aufwendig abzuwiegen, legte man vor 200 Jahren einfach diese Münze auf die Waage und wog dieselbe Menge Tee ab. Das war praktisch und ist bis heute der Standard in der Tee-Welt. Christian Jürgs goss kochendes Wasser in jeden Topf und zwar – exakt! – 110 Milliliter. Dann stellte er eine digitale Teeuhr auf, Sie ahnen das schon, – exakt! – fünf Minuten. Als der Wecker piepste, stülpte er Topf für Topf um und legte ihn schräg in die Tasse. Der Tee floss durch kleine Öffnungen (Jürgs sagte "Zähne") hinein und blieb dann fünf Minuten stehen. Ich staunte, wie akkurat und schnell Jürgs mit Töpfen und Tassen hantierte. Kein Wunder, er macht das schon lange. Seit 33 Jahren arbeitet er bei Hälssen in diesem roten Backsteinbau. Der 60-Jährige ist einer der sieben Teetester. Bei einem Teehändler haben die Verkoster eine herausgehobene Rolle: Sie sind quasi der Gaumen und Jürgs ist bei Hälssen so etwas wie der Ober-Gaumen. "Wir verkosten bis zu 150 Proben am Tag", sagte er. Jürgs hat ein feines Gedächtnis für Aromen und Geschmäcker entwickelt – und es ist auf 2,86 Gramm, 110 Milliliter und fünf Minuten Ziehzeit geeicht. Mit diesem Gespür für Tee entscheidet er Probe für Probe: Soll man diesen Tee für Kunden – große Marken und Händler – kaufen oder nicht? Danach begann der lustigste Teil der Verkostung. Jürgs drückte mir einen tiefen Löffel in die Hand. Wie er saugte ich Teewasser in den Mund, gurgelte es beherzt umher und spuckte es wieder aus in einen kupferfarbenen Napf. Wir schlürften uns durch Schwarztee aus Darjeeling in Indien (Jürgs: "sehr frisch"), Pu-Erh aus Yunnan in China ("nussig, erdig"), Sencha-Grüntee aus Japan ("kräftig") und viele weitere Proben. Jürgs und ich sind nicht die einzigen Liebhaber. Die Deutschen konsumierten im Vorjahr mehr als 46 Milliarden Tassen. Das zeigt der neue Teereport 2026. Im Schnitt trank jeder 66,1 Liter: Davon waren 39,2 Liter Kräuter- und Früchtetees, der Rest waren Schwarz- und Grüntees. Am Ende verriet mir Christian Jürgs seinen Lieblingstee. Er heißt Dung Ting und ist ein Oolong-Tee aus Taiwan. Jürgs trinkt ihn morgens und schnippelt sich Ingwer hinein. Er nimmt sich diesen Dung Ting sogar mit in den Urlaub. So viel Begeisterung ist ansteckend: Ich werde jetzt morgens auch mal mit dem Tee experimentieren. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Kristina Läsker Heute beginnen in Hamburg die Tarifverhandlungen für die etwa 11.000 Beschäftigten in den norddeutschen Seehäfen. Die Gewerkschaft Verdi geht mit Forderungen von 8,2 Prozent in die Gespräche – "mindestens aber 2,50 Euro mehr pro Stunde", sagte Verhandlungsführerin Sylvi Krisch. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin prüft den Halbjahresabschluss 2025 des Hamburger Gabelstaplerherstellers Jungheinrich. Die Bewertung von Vermögenswerten im Zusammenhang mit der Veräußerung des Russland-Geschäfts sei möglicherweise fehlerhaft gewesen, teilte die Bafin mit. Nachdem die Aufsichtsbehörde Bafin den Austausch der Geschäftsleitung erzwungen hatte, hat die Hamburger Privatbank Berenberg nun Fehler eingeräumt und den Jahresabschluss 2025 vorgelegt. Eine vom Verwaltungsrat veranlasste Untersuchung habe ergeben, so die Bank, dass Ergebnisse geschönt und Kredite zu unüblichen Bedingungen an Mitglieder der Geschäftsleitung vergeben worden seien. Das Amtsgericht Hamburg hat eine Polizistin wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Hundeführerin hatte dem Polizeihund im Einsatz einen Beißbefehl erteilt (Z+). Laut Gericht sei der Befehl nicht gerechtfertigt gewesen. Genau vier Jahre nach dem Tod von HSV-Idol Uwe Seeler ist gestern seine Ehefrau Ilka Seeler in Hamburg beigesetzt worden. Sie war am 3. Juli im Alter von 89 Jahren gestorben. Die HSV-Spieler legten im Trainingslager in Österreich eine Gedenkminute zu Uwe Seelers Ehren und zu Ehren des am Montag verstorbenen Ex-Stürmers Kevin Keegan ein. Der mutmaßliche Täter im Fall Stade ist tot. Der 45-Jährige wurde am frühen Dienstagmorgen leblos in seiner Zelle aufgefunden, teilte das niedersächsische Justizministerium mit. Der Mann befand sich seit fast drei Wochen in Untersuchungshaft in der JVA Bremervörde (Landkreis Rotenburg). Hinweise auf ein Fremdverschulden liegen demnach nicht vor. Nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse soll es sich um einen Selbstmord handeln. Der herbeigerufene Notarzt hatte um 6.29 Uhr den Tod des Gefangenen durch Strangulation festgestellt. Die Ermittlungen zu den konkreten Umständen des Todes wurden eingeleitet und laufen noch. Es wurden demnach auch die Angehörigen des Toten und der Opfer informiert. Der Mann soll Ende Juni in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade sechs Beschäftigte, vier Frauen und zwei Männer, erschossen haben. Hintergrund der Tat war laut Ermittlern ein Sorgerechtsstreit (Z+). In der Einrichtung waren die drei Monate alte Tochter des Verdächtigen sowie die 34-jährige Mutter des Kindes untergebracht. Der mutmaßliche Schütze wurde kurz nach der Tat auf der Flucht festgenommen und saß seither in Untersuchungshaft. Gegen den Mann wurde wegen Mordes ermittelt. Erst zu Beginn der Woche war bekannt geworden, dass gegen ihn ein offener Haftbefehl aus der Türkei vorliegt. Es ist unklar, ob er dort wohl bereits in Haft gesessen hat. Der Grund für den Haftbefehl sei nicht bekannt und werde noch geklärt, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Von Kristina Läsker Hier finden Sie Hilfe Menschen, die Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge unter https://www.telefonseelsorge.de/ oder bei den kostenlosen Hotlines 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 rund um die Uhr Hilfe. Die Historikerin Anna von Villiez ist die neue Antisemitismusbeauftragte in Hamburg. Sie wolle Hass und Stereotype bekämpfen, sagt sie, nicht Menschen, die sie verbreiten. Darüber sprach sie mit Oskar Piegsa und Christoph Twickel; lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview. Ihren ersten Konflikt hatte Anna von Villiez bereits auszutragen, da hatte sie sich als neue Hamburger Antisemitismusbeauftragte noch gar nicht richtig vorgestellt. Am Wochenende trat eine Musikerin auf einem Technofestival in Hamburg auf, der vorgeworfen wird, sie habe sich zustimmend zum Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 geäußert (Z+). Anna von Villiez forderte eine Absage des Auftritts, doch die Veranstalter hielten daran fest. Zum 1. Juli hat Anna von Villiez ihr neues Amt übernommen. Sie ist Historikerin und leitet seit 2018 die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule (Z+), die zur Volkshochschule gehört. Zuvor arbeitete sie an verschiedenen Stellen in der Hamburger Hochschullandschaft und leitete ein Forschungsprojekt zu NS-Medizinexperimenten an der Oxford Brookes University in Oxford. Hier spricht sie erstmals öffentlich darüber, was sie als Antisemitismusbeauftragte erreichen möchte. DIE ZEIT: Sie sind erst die zweite Person, die in Hamburg das Amt der Antisemitismusbeauftragten bekleidet. Ihr Vorgänger Stefan Hensel sagte zu seinem Abschied (Z+), die "anhaltende Konfrontation mit Hass und persönlichen Übergriffen" bei der Ausübung eines Ehrenamts sei ihm zu viel geworden. Warum tun Sie sich das an? Anna von Villiez: Ich habe mich vor dem Hintergrund meiner Arbeit als Gedenkstättenleiterin beworben. Als Historikerin habe ich mich viele Jahre mit der Verfolgungsgeschichte im Nationalsozialismus beschäftigt und kam erst mit der Zeit dazu, jüdische Menschen kennenzulernen und mich mit der jüdischen Gegenwart zu beschäftigen. Heute kenne ich eigentlich alle Protagonistinnen und Protagonisten in Hamburg und habe das Gefühl, ich könne durch dieses Amt den jüdischen Gemeinschaften etwas zurückgeben, trotz allem, womit an Konfrontation zu rechnen sein wird. ZEIT: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein? Von Villiez: Es gibt Bemühungen um den Aufbau der Bornplatzsynagoge (Z+), um ein neues jüdisches Museum und um die Gedenkstätte am Hannoverschen Bahnhof (Z+). Diese Projekte werden durch den breiten Konsens getragen, dass jüdisches Leben und jüdische Geschichte einen festen Platz in Hamburg haben und auch entsprechend durch die Stadt unterstützt und ausgestattet werden müssen. Gleichzeitig gibt es seit dem 7. Oktober 2023 eine neue Welle von Antisemitismus, die aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft kommt und auch von jüngeren Menschen getragen wird. Dadurch entsteht für Jüdinnen und Juden das Gefühl, trotz allem alleingelassen zu werden. Fakt ist, dass es kaum Menschen gibt, die hier mit einer Kippa durch die Straßen laufen oder sich anderweitig mit ihrer jüdischen Identität zu erkennen geben. Das ist die Situation in dieser Stadt – und das kann ja nicht sein! Wie Anna von Villiez ihre neue Aufgabe in Hamburg versteht, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) Heute pick’ ich mal anders Achtung, Taubenhasser: Die Vögel sind schlauer, als man denkt. Wie genau, hat ZEIT-Redakteurin Stefanie Kara aufgeschrieben. → Zum Artikel (Z+) Am kommenden Sonntag lädt das Heine-Haus an der Elbchaussee ein zu der Veranstaltung "Zu Gast bei Salomon Heine". Auf dem Programm steht eine Führung durch das Gartenhaus im Heine-Park und ein Blick auf die Geschichte von Salomon Heine, der es erbauen ließ, sowie auf seinen Neffen Heinrich Heine. Im Anschluss ist das Hörspiel "In Salomons Gartenhaus" mit Marina Galic, Jens Harzer und Burghart Klaußner zu erleben. "Zu Gast bei Salomon Heine", 26.7., 11.30h; Heine-Haus, Elbchaussee 31; Anmeldung unter info@heine-haus-hamburg.de Ich radelte in Ottensen eine Einbahnstraße entlang – gegen den Strich. Mir kam ein Polizeiwagen entgegen. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und sagte: "Wenn ich nicht da bin, ist es mir ja egal, was Sie machen. Aber wenn ich hier bin, halten Sie sich an die Verkehrsregeln!" Erlebt von Anges Oruc Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.