Datum22.07.2026 04:45
Quellewww.zeit.de
TLDRTierheime in Bremen und Niedersachsen sind überfüllt, besonders während der Ferienzeit. Steigende Abgaben, ausgesetzte Tiere und eine Zunahme exotischer Arten belasten die Kapazitäten. Das Bremer Tierheim hat einen Aufnahmestopp verhängt, kann aber Notfälle nicht ablehnen. Finanzielle Schwierigkeiten und unzureichende kommunale Kostenübernahme verschärfen die Lage. Gesetzesänderungen wie eine Kastrationsverordnung und frühzeitige Urlaubsplanung werden gefordert.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Katzen, Hunde, Schildkröten“. Lesen Sie jetzt „Stopp! Warum Tierheime in den Ferien an ihr Limit kommen“. Tierheime und Wildtierstationen in Bremen und Niedersachsen stoßen in den Ferien an ihre Kapazitätsgrenzen. "Gerade jetzt beobachten wir einen erhöhten Druck - insbesondere dann, wenn Tiere kurzfristig vor der Urlaubszeit abgegeben oder sogar ausgesetzt werden", schilderte der niedersächsische Landesverband des Naturschutzbunds (Nabu). Tierschützer in der Region erhalten nach eigenen Angaben gerade viele exotische Tiere wie Wasser- und Landschildkröten, mit denen Reisen schwierig sind. Teils würden die Tiere gezielt ausgesetzt - gefunden in Kartons oder Körbchen auf Parkplätzen -, teils entkämen sie aus unzureichend gesicherten Gehegen. Denn bei hohen Temperaturen werden Reptilien aktiver und hauen schneller ab. Besonders angespannt ist die Lage in Bremen: Das dortige Tierheim kann schon länger keine Abgabe- und Wildtiere mehr aufnehmen und verhängte vor den Ferien einen Aufnahmestopp. "Die Mitarbeitenden und Tierärztinnen arbeiten seit Monaten am Limit", sagte die Vorsitzende des Bremer Tierschutzvereins, Brigitte Wohner-Mäurer. Momentan leben dort neben zahlreichen Kleintieren und Exoten 57 Hunde und 320 Katzen - insgesamt rund 550 Tiere. Um ihre Versorgung sicherzustellen, können keine weiteren Bewohner aufgenommen werden. Doch trotz Aufnahmestopps muss die Einrichtung im Notfall weiter Tiere aufnehmen - etwa wenn sie nach einer Zwangsräumung kein Zuhause mehr haben, sie ausgesetzt oder vom Veterinäramt sichergestellt wurden. Seit Ferienbeginn werden besonders viele Katzen ausgesetzt, wie das Tierheim mitteilte. Auch die Fälle von Animal Hoarding - also das krankhafte Horten von Tiere - häufen sich. Obwohl das Tierheim viele Tiere an neue Besitzer vermittelt, hat das Heim immer mehr Bewohner. "Dieses Ungleichgewicht ist inzwischen nicht mehr aufzufangen", sagte Wohner-Mäurer Besonders kritisch ist die Situation in Bremen bei Wildtieren. Obwohl das Tierheim nicht für deren Versorgung ausgelegt oder zuständig ist, übernimmt es seit Jahren diese Aufgabe - weil es in Bremen keine spezialisierte Wildtierstation gibt. Unterstützt wird es dabei von niedersächsischen Vereinen wie der Arche Oyten und der Wildtierpflegestelle Verden sowie von privaten Helferinnen und Helfern. Doch auch diese Netzwerke stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Allein seit Jahresbeginn nahm das Heim nach eigenen Angaben mehr als 900 Wildtiere zu sich, darunter viele Stadttauben. Ein Großteil von ihnen ist verletzt, geschwächt oder krank und benötigt sofortige tierärztliche Versorgung sowie oft intensive Nachsorge. "Die Verantwortung für die Versorgung von Wildtieren braucht endlich eine nachhaltige Lösung", fordert Wohner-Mäurer. Auch in Niedersachsen ist die Situation schwierig - und das nicht erst seit dem Beginn der Sommerferien. Dem Landestierschutzverband Niedersachsen gehören 84 Mitgliedsvereine an, von denen 61 Vereine ein Tierheim oder eine ähnliche Einrichtung betreiben. Ihre Lage ist nach Verbandsangaben seit Jahren von einem finanziellen Abwärtstrend geprägt. Kommunen weigerten sich zunehmend, die Kosten für amtlich verwahrte Tiere vollständig zu tragen, kritisiert der Landestierschutzverband. Er hofft auf gesetzliche Regelungen, damit mittelfristig weniger Tiere in die Heime kommen. Helfen könnte etwa eine Kastrationsverordnung für Hauskatzen. Ein Entwurf dazu liege schon seit ein paar Jahren im Innenministerium. Zusätzlich belasten laut Verband Tiere die Heime, die von Züchtern über Internetforen verkauft oder illegal eingeführt wurden. Die betroffenen Tiere seien häufig krank und verhaltensauffällig. Ihre neuen Halterinnen und Halter seien damit überfordert, geben die Tiere im Tierheim ab oder setzen sie aus. Nach Schätzungen des Verbands werden allein in Niedersachsen rund 3,1 Millionen Haustiere gehalten, darunter etwa 1,3 Millionen Hauskatzen und 800.000 Hunde. Dementsprechend viele Tiere werden auch in Tierheimen abgegeben - zunehmend auch von Behörden, die Tiere sicherstellen. Der Verband beobachtet, dass inzwischen mehr Kontrollen bei Tierbesitzern durchgeführt werden. So erfreulich das für den Tierschutz sei, so herausfordernd sei es aber auch für die Heime. Viele der sichergestellten Tiere seien verhaltensauffällig, deren Betreuung erfordere einen höheren Aufwand. Auch Anfragen von Halterinnen und Haltern, die kurzfristig eine Urlaubsbetreuung für ihre Tiere suchen, belasten laut Nabu Tierheime und Auffangstationen in Niedersachsen. Oft melden sich Tierbesitzerinnen und -besitzer erst kurz vor Reisebeginn - zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Einrichtungen bereits voll belegt sind. "Wer ein Tier hält, muss auch Urlaubszeiten frühzeitig mitdenken und sich rechtzeitig um eine geeignete Betreuung oder Unterbringung kümmern - etwa im privaten Umfeld oder in einer seriösen Tierpension", appelliert der Nabu Niedersachsen. Generell sollte sich jede und jeder vor der Anschaffung eines Tieres fragen, ob wirklich ein Tierleben lang verlässlich Verantwortung übernommen werden kann. © dpa-infocom, dpa:260722-930-419313/1