Datum21.07.2026 09:58
Quellewww.zeit.de
TLDRKünstliche Intelligenz (KI) birgt erhebliche Umweltrisiken. Obwohl sie Effizienzsteigerungen verspricht, verursacht sie durch Rechenzentren und den steigenden Energiebedarf mehr fossilen Verbrauch. Um dies zu verhindern, braucht es dringenden Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und eine Umstellung der KI auf erneuerbare Energien. Zudem sollte der Emissionshandel verschärft und die Digitalisierung auf Energieeffizienz und rationales Denken ausgerichtet werden, anstatt auf Konsum und Emotionen.
InhaltDie Nutzung künstlicher Intelligenz droht den Planeten zu zerstören, wenn sich nichts ändert, meint unser Gastautor. Diskutieren Sie jetzt live mit ihm! Der Jurist und Rechtsphilosoph Felix Ekardt arbeitet als Leiter der Leipziger Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik sowie Professor an der Uni Rostock und forscht zu Politik, Recht und Ethik der Nachhaltigkeit. Er sucht immer wieder die Diskussion mit den Leserinnen und Lesern der ZEIT. Auch diesmal antwortet er direkt unter dem Artikel auf Leserkommentare. Diskutieren Sie mit! Auf KI und Digitalisierung ruhen große Hoffnungen. Sie sollen neben allen wirtschaftlichen und sonstigen Problemen auch jene des Umweltschutzes lösen. Der ist uns allen oft immer noch zu unbequem oder zu ungewohnt, und nun winken scheinbar technische Wunderlösungen. Möglich sollen sie werden, indem Ressourcennutzung und Energieverbrauch effizienter gestaltet werden, die Logistik entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis hin zum Abfall optimiert wird. Oder indem Häuser, Industrieproduktion oder auch Düngung und Pestizideinsatz smarter werden. Wenn mit KI Dinge einfacher produziert werden können, kann das zum Beispiel viel Material, Transportwege und damit auch Energie sparen. So soll ein ressourcenleichtes Wachstum möglich werden, das ökonomische und ökologische Anliegen versöhnt. Doch mit den Chancen von KI für den Umweltschutz ist es ähnlich wie mit jenen für Demokratie und Wirtschaft: Ihnen stehen auch Risiken gegenüber. Aktuell wird KI eher zum Ökokiller. Denn immer neue Anwendungen und Dienstleistungen brauchen zunächst einmal viel Material, Energie und oft auch Fläche. Energiefresser sind gerade die riesigen Rechenzentren, die entstehen, um KI mit großen Datenmengen trainieren zu können. In einer Welt der Trumps und Putins, die verstärkt wieder auf fossile Brennstoffe setzt, heißt das neben mehr Materialverbrauch auch: noch mehr fossiler Brennstoffverbrauch. Die Probleme bei Klima, Biodiversität und auch fast alle anderen Umweltherausforderungen verlangen jedoch einen zeitnahen vollständigen Ausstieg aus den fossilen Energien nicht nur beim Strom – sondern auch bei Wärme und Mobilität, in der Landwirtschaft, bei der Zement- und der Kunststoffproduktion. Auch Digitalisierung und KI müssten ökologisch also die Mindestvoraussetzung erfüllen, dass sie mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Und zwar zeitnah – Klimawandel und Biodiversitätsverlust lassen uns nicht Zeit bis 2050, wie viele glauben. Weil auch erneuerbare Energie nicht unendlich verfügbar ist, benötigt zudem auch die Digitalisierung Mechanismen, die zu einem effizienten und auch genügsamen Umgang mit Energie anhalten. Das ist indes so ziemlich das Gegenteil dessen, wozu KI bislang führt, lädt sie doch zu zahlreichen Spielereien ein, weil gerade darin ein riesiges Geschäftsfeld wie auch allseitiges Vergnügen liegen. Doch ein ausufernder Stromverbrauch ist nicht nur wegen der fossilen Brennstoffe schlecht, sondern auch, weil die immer stärkere Elektrifizierung aller Lebensbereiche uns angreifbarer macht als Gesellschaft – kann doch ein Stromnetz von Terroristen oder feindlichen Staaten recht leicht gekappt werden. Eine nachhaltige Digitalisierung braucht also Anreize hin zu null fossilen Brennstoffen und für einen maßvollen Umgang mit Energie. Das bedeutet auch eine Verschärfung des EU-Emissionshandels statt seiner Entschärfung, wie sie die EU-Kommission gerade vorgeschlagen hat. Denn der Emissionshandel ist das Hauptinstrument in der EU, um die fossile Energieerzeugung schrittweise aus dem Markt zu nehmen und Unternehmen wie Privatpersonen zu einem effizienten Umgang mit Energie anzuhalten. Das verspricht zugleich, nicht nur bei den Daten, sondern auch bei der Energie nicht in immer größere US-Abhängigkeiten, hier von US-Flüssiggas, zu geraten. KI hat allerdings auch das Potenzial, dass Landwirte Dünger und Pestizide präziser einsetzen. Führt das jedoch dazu, dass sie schlicht Kosten sparen und sodann mehr Flächen in Nutzung nehmen, verpufft der ökologische Effekt. Denn der Klima- und der Biodiversitätsschutz verlangen gerade, dass der Natur nicht weniger, sondern mehr Raum gegeben wird, damit die Artenvielfalt sich erholen kann und beispielsweise Moore wieder mehr Treibhausgase speichern können. Um in diese Richtung zu wirken, muss nicht nur die Energieversorgung (auch) der Agrar-KI postfossil werden. Auch sonst muss der Weg zu einer ökologischen Landwirtschaft konsequent gegangen werden, statt ihn wie zuletzt auszubremsen. Vor allem muss die Tierhaltung und damit die Futtermittelproduktion massiv verringert werden, die den größten Teil der agrarischen Flächennutzung auslöst. Ein Weg dahin wäre ein separater Emissionshandel für die Tierhaltung auf EU-Ebene. Ein anderes Ökoproblem von KI ist damit noch nicht gelöst. KI und Digitalisierung haben zwar das viel zitierte Potenzial zur Förderung von Wissen und Diskurs. Umgekehrt drohen sie jedoch die menschliche Aufmerksamkeitsspanne zu untergraben und affektgeladene Reaktionen auszunutzen und zu fördern, vor allem in den sozialen Medien. Die Digitalisierung in ihren diversen Anwendungen lebt häufig von der Steigerung emotionaler Affekte und der Orientierung an unbegrenzter Konsumentensouveränität. Das gefährdet nicht nur die Funktionsfähigkeit einer auf Rationalität und Kompromiss aufbauenden liberalen Demokratie, sondern auch den Umweltschutz. Denn die Lösung hochkomplexer, langfristiger Probleme wie Klimawandel und Biodiversitätsverlust hängt vom Umgang mit Fakten und der Bereitschaft zu kritischem, differenziertem Denken ab. Unpraktischerweise sind das bei uns Menschen ohnehin eher knappe Güter. Faktenwissen, rationales Denken und Werthaltungen spielen, wie verhaltenswissenschaftlich vielfach nachgewiesen wurde, für die menschliche Motivation nur eine begrenzte Rolle. Eigennutzenkalküle und Emotionen wie Bequemlichkeit, Gewohnheit, Verdrängung oder die Neigung zu Ausreden überlagern sie vielfach. Deshalb werden sich weder Nachhaltigkeit an sich noch eine ökologische Digitalisierung von selbst ergeben. Wenn wir sie wollen, müssen wir sie erkämpfen. Und all die Mechanismen, die ein faktenbasiertes Internet braucht, auch aus Gründen des Umweltschutzes stärken.