Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Journalisten unerwünscht: Wie das Habitat-Festival mit Kritik umgeht

Datum20.07.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDas Habitat Festival in Hamburg lud Sama’ Abdulhadi trotz Kritik wegen ihrer Äußerungen zum Hamas-Terroranschlag ein. Die Hamburger Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez kritisierte die Entscheidung scharf und betonte, dass Abdulhadis Kunst politisch motiviert sei. Die Festivalveranstalter halten an der Buchung fest und verwiesen auf Abdulhadis künstlerische Darbietung. Journalisten wurden beim Festival stark eingeschränkt, obwohl der Veranstalter öffentlich finanzielle Unterstützung erhält.

InhaltDie Elbvertiefung am Montag – Mit Einschränkungen im Bahnverkehr, einem weiteren Badetoten und 11.103 Neugeborenen im ersten Halbjahr 2026 am Wochenende hat in Hamburg das Technofestival Habitat stattgefunden, das seine Veranstalter als "32-Stunden-Non-Stop-Rave" bewerben. Erfunden wurde es in Itzehoe, seit 2022 ist es in Wilhelmsburg beheimatet, auf dem Gelände des Dockville-Festivals. Bisher haben wir nicht darüber berichtet, denn machen wir uns nichts vor: 32-Stunden-Non-Stop-Raves gehören nicht zur Kernkompetenz unserer Redaktion. Dieses Jahr betrifft das Habitat aber nicht allein die Technoszene. Denn dieses Jahr wurde Sama’ Abdulhadi gebucht, eine Musikerin, die sich auf eine Weiseüber den Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 äußerte, die für ihre Kritikerinnen und Kritiker wie Zustimmung klingt (Z+). Die neue Hamburger Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez sagt, sie habe die Veranstalter zunächst unter vier Augen aufgefordert, den Auftritt abzusagen. Daraufhin hätten diese eine Stellungnahme veröffentlicht. Die Festivalmacher schreiben dort, sie hätten sich "bewusst dafür entschieden, am Booking", also am Auftritt von Abdulhadi, "festzuhalten". Sie würden unterschiedliche Menschen einladen und teilten nicht alle Meinungen, die diese äußerten. Abdulhadi sei im Übrigen nicht gebucht worden, um sich politisch zu äußern, sondern für eine "künstlerische, musikalische Performance". Antisemitische oder Gewalt verherrlichende Aussagen seien auf dem Festival nicht erlaubt. Frage an die Antisemitismusbeauftragte: Kann man die Frau Techno auflegen lassen, solange sie keine politischen Reden hält? "Es ist eine uralte Diskussion, ob man den Menschen von seiner Kunst trennen kann", sagt Anna von Villiez. "In diesem Fall geht das, glaube ich, nicht. Man muss sich nur ein oder zwei ihrer YouTube-Videos angucken, um zu begreifen: Sama’ Abdulhadi versteht ihre Aktivität als DJ als ihren Beitrag zum politischen Kampf." Zu der Aussage der Musikerin, bei dem Terroranschlag des 7. Oktober handele es sich um "Widerstand", sagt Anna von Villiez: "Ich frage mich, warum in einem subkulturellen Milieu wie jenem der elektronischen Musik nicht die Sensibilität vorherrscht, zu erkennen, dass Abdulhadi damit auch die ermordeten und vergewaltigten Opfer des Nova-Festivals verhöhnt, die Teil derselben Subkultur sind." Wir hätten Ihnen an dieser Stelle gerne berichtet, wie sich Sama’ Abdulhadi auf dem Habitat-Festival verhalten hat und wie ihr Publikum zu der Kontroverse steht. Doch für den Tag ihres Auftritts war das Festival bereits ausverkauft, und unsere Bitten um eine Pressekarte wurden abgelehnt, ebenso wie die um ein Gespräch mit den Verantwortlichen. Die Kopf & Steine GmbH, die hinter dem Habitat steht, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder von der Stadt subventionieren lassen. Das kann man im Hamburger Transparenzportal nachvollziehen. Es geht dabei um eine Millionensumme. Doch eine Bereitschaft, für das, was man mit diesem Geld anstellt, öffentlich Rede und Antwort zu stehen, geht damit offenbar nur bedingt einher. Das Unternehmen teilt mit, man habe "sämtliche Medienanfragen bereits beantwortet" und halte die Anzahl der auf dem Festival anwesenden Journalistinnen und Journalisten "bewusst so gering wie möglich". Kommen Sie gut in die Woche, Ihr Oskar Piegsa Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.  Ab sofort führen sechswöchige Bauarbeiten zu Einschränkungen im Bahnverkehr in Hamburg. Der Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr sei von Ausfällen, Umleitungen und Ersatzverkehren betroffen, teilte die Deutsche Bahn mit. Grund dafür ist unter anderem die neue Sternbrücke, die ins Schienennetz eingehoben wird. Bei Bewerbungen im öffentlichen Dienst könnten AfD-Mitglieder bald Probleme bekommen. Denn im August startet die Regelanfrage beim Verfassungsschutz (wir berichteten, Z+). Zwar sei die AfD in Hamburg kein Verdachtsfall, sagt Torsten Voß, der Leiter des Landesamts für Verfassungsschutz. Betroffen seien aber Mitglieder aus Bundesländern, in denen die Partei als gesichert rechtsextremistisch oder als Verdachtsfall eingestuft ist. Die öffentlichen Ausgaben für Pflege sind seit 2022 um rund 58 Prozent gestiegen. Laut einer Senatsantwort auf eine Anfrage von Deniz Çelik (Linke) musste Hamburg im vergangenen Jahr fast 327 Millionen Euro aufwenden, da immer mehr Menschen die hohen Kosten nicht mehr selbst tragen können. Inzwischen sind 12.640 Pflegebedürftige auf Sozialhilfe angewiesen. Die Bevölkerung unserer Stadt wächst: Im ersten Halbjahr 2026 gab es 409 Geburten mehr als im Vorjahreszeitraum. Insgesamt wurden 11.103 Kinder geboren, berichtete der Senat. Das Krankenhaus mit den meisten Geburten war das Katholische Marienkrankenhaus, hier kamen 1.609 Babys zur Welt. Aus den Polizeimeldungen: Bei einem Badeunfall im Allermöher See in Bergedorf ist ein 15-Jähriger gestorben. Und nach einer Messerattacke auf einen 18-Jährigen bei einer Feier in Langenhorn sitzt ein 17-Jähriger in Untersuchungshaft. Ersteigern, was andere verloren oder zurückgelassen haben: Unser Autor Tom Kroll hat bei einer Auktion für Seemannsgepäck mitgeboten. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Bericht. Natürlich habe ich auf die ganz große Geschichte gehofft: auf sehnsüchtige Briefe einer Geliebten oder vergilbte Fotos von Frau und Kindern. Ich habe gehofft, etwas über das Leben eines Menschen zu erfahren – warum sollte ich sonst ein herrenloses Gepäckstück ersteigern? Vor einigen Wochen hörte ich davon, dass in einem Hamburger Seemannsheim 25 liegengebliebene Gepäckstücke von Seeleuten für einen guten Zweck unter den Hammer kommen sollen. Koffer und Taschen, die von Steuermännern, Matrosen oder Maschinenpersonal in der Seemannsmission vergessen oder zurückgelassen wurden und seitdem dort im Keller stehen. Ich will mitbieten und rufe ein paar Tage vor dem Termin beim Seemannsheim an. Ich frage einen Mitarbeiter, wie viel Geld die ZEIT-Redaktion für diesen Stunt lockermachen müsste. "Nehmen Sie mindestens hundert mit!", rät der Mann mir. "Vielleicht brauchen Sie sogar mehr", sagt er. Wer könne ahnen, ob ich mich in einer "Bieterschlacht" wiederfinden würde. Wie viel unser Autor am Ende zahlen muss und was er dafür ersteigert hat, das lesen Sie hier: → Zum Artikel (Z+) Übernachten bei einem Freund? Nein. Ihr Vertrauen in Männer sei erschüttert, schreibt die ZEIT-Autorin Andrea Glaß. So sehr, dass sie als Mutter zweifle, ob sie ihren Sohn noch bei seinen Freunden übernachten lassen wolle. → Zum Artikel (Z+) Am Mittwoch findet ein Feierabendkonzert im Oberhafen statt. Unter dem Titel "Blue" spielt der Pianist Franck-Thomas Link die Rhapsody in Blue von George Gershwin sowie Musik von Busoni und Debussy. "Blue", 22.7. 18 Uhr, Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24 Neulich auf dem Markt. Am Stand mit orientalischer Feinkost fragt die Dame vor mir nach einem milden Aufstrich, der für Kinder geeignet ist. Ihr wird von der Verkäuferin der Aufstrich mit Babyspinat empfohlen. Sie entgegnet: "Oh nein, ganz so klein sind die Kinder nicht mehr." Gehört von Laszlo Gewecke Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.