Meinung: Die Lage am Morgen: Nur noch 1420 Tage bis zur nächsten WM

Datum20.07.2026 05:36

Quellewww.spiegel.de

TLDRSpanien gewann gegen Argentinien die Fußball-WM, ein Sieg, der angesichts früherer Spannungen zwischen Spanien und den USA ironisch wirkt. Der CDU-Politiker Friedrich Merz zeigt sich nach dem Rücktritt Jens Spahns gelassen, da Spahns Rücktritt ihm möglicherweise politisch entgegenkommt. In Großbritannien übernimmt Andy Burnham das Amt des Premierministers und steht vor der Herausforderung, Reform UK bei den nächsten Wahlen zu besiegen. Der russische Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin musste seine Kandidatur aufgeben.

InhaltSpanien ist neuer Fußball-Weltmeister. Friedrich Merz wirkt nach Jens Spahns Abgang eher froh als bekümmert. Und Andy Burnham tritt sein Amt als britischer Premierminister an. Das ist die Lage am Montagmorgen. In New Jersey ringt Spanien Argentinien die Fußball-Weltmeisterschaft ab. Im Sauerland zeigt sich Friedrich Merz unbekümmert nach dem Rücktritt von Jens Spahn. Und in London übernimmt der frisch gekürte Labour-Chef Andy Burnham das Amt des Premierministers. Schon klar, Sport ist Sport und Politik ist Politik, da sollte man also nicht allzu viel hineininterpretieren. Aber zweifellos beschert uns dieser spanische Titelgewinn eine hübsche politische Pointe: Unter den Augen des US-Präsidenten gewann in New Jersey die Mannschaft ausgerechnet jener Nation, deren Regierung sich durch die beständige Weigerung auszeichnet, Donald Trump mit eilfertiger Unterwürfigkeit zu begegnen. Erst vor Kurzem hatte Trump die Spanier deshalb noch als "schlechte Menschen" bezeichnet und den Abbruch jeglicher Handelsbeziehungen angekündigt. Jetzt musste er dem spanischen Team den WM-Pokal überreichen. Es hätte wohl niemanden gewundert, wenn Trump die goldene Trophäe stattdessen kurzerhand konfisziert und als Souvenir mitgenommen hätte. Wer hätte ihn daran gehindert? Fifa-Boss Gianni Infantino wohl kaum. Der hatte ja schon Mühe, ihn beim Jubel der Spanier aus dem Bild zu komplimentieren. Es war kein besonders schönes, ein eher glanzloses Spiel, dieses WM-Finale zwischen Argentinien und Spanien (zum Nachlesen hier ). Aber das macht nichts, denn die Ernüchterung erleichtert den Abschied von diesem Turnier und damit von diesen alle vier Jahre wieder etwas unbeschwerteren Wochen einer Fußball-Weltmeisterschaft. Jetzt geht die Sportart Fußball, gerade noch global-emotionales Allgemeingut, wieder zurück in den Besitz der "Sportschau"-Zuschauer und Dauerkarteninhaber. Alle anderen schalten sich in vier Jahren wieder dazu. Heute sind es nur noch 1420 Tage bis zum ersten Spiel der nächsten Fußball-WM der Herren im Jahr 2030. Kommt allerdings darauf an, wie man rechnet. Es ist etwas kompliziert. Aber wir haben jetzt ja viel Zeit, das zu klären. Sein zügiger Rücktritt vom Fraktionsvorsitz zeigt, dass da kein Halten mehr war: Jens Spahn hat schon viele Skandale ausgesessen und einige gute Rücktrittsgründe ignoriert. Doch die Welle der Empörung, die ihm in der Leihmutteraffäre aus den eigenen Reihen der Union entgegenschlug, war stärker als alle Beharrungskräfte dieses bisher unantastbar scheinenden Machtpolitikers. Jetzt ist Spahn weg, und deshalb bleibt an dieser Stelle nur noch, ihm viel privates Familienglück zu wünschen und dabei auch leise "auf Wiedersehen" zu murmeln. Denn einer wie Spahn bleibt nicht lange in der Versenkung, der hat gewiss noch viel vor: zunächst vielleicht erst einmal ordentlich Geld verdienen mit und beim Bekannten Peter Thiel, und in ein paar Jahren dann die Rückkehr und der Griff nach der Macht. Spahn ist jung. Macht er es wie Friedrich Merz, kann er noch im Jahr 2049 Bundeskanzler werden. Merz hingegen hat nun die Aufgabe, zügig die Nachfolge zu klären. Womöglich nutzt der Kanzler die Personalie auch für einen kleinen Umbau des Kabinetts (mehr dazu hier ), vielleicht erfahren wir nach der heutigen Sitzung des CDU-Präsidiums mehr darüber. Im gestern ausgestrahlten ZDF-Sommerinterview wirkte Merz jedenfalls nicht so, als bekümmere ihn der Abgang Spahns allzu sehr (mehr dazu hier ). Ganz im Gegenteil konnte man den Eindruck gewinnen, dem CDU-Chef käme der Sturz seines forschen Fraktionschefs ganz gelegen: Der sitzt ihm jetzt nicht mehr im Nacken. Hierzulande gilt manchen die Regierung Merz als "letzte Patrone der Demokratie" (Markus Söder). Verfehlt sie ihr Ziel einer erfolgreichen Legislatur, so die Befürchtung, folgt darauf die Machtübernahme durch die Rechtspopulisten. In Großbritannien droht eine ähnliche Gefahr. Hier tritt heute die britische Version der letzten Patrone an, sie stammt aus Manchester und hört auf den Namen Andy Burnham. König Charles III. wird den frisch gekürten Labour-Chef (mehr hier ) heute mit der Bildung einer Regierung beauftragen. Dann liegt es in der Hand des neuen Premiers, die Bürgerinnen und Bürger davon zu überzeugen, sich bei den nächsten Wahlen gegen einen Sieg von Reform UK zu entscheiden, der populistischen Partei des Brexit-Agitators Nigel Farage. In aktuellen Umfragen liegt Reform UK derzeit mit mehr als 25 Prozent vorn, Labour gute fünf Prozentpunkte dahinter. Allerdings hat die Regierungspartei in den vergangenen Wochen Aufwind bekommen, während die Zustimmung für die Rechtspopulisten nachzulassen scheint. Womöglich kommt es bei den Wählerinnen und Wählern nicht so gut an, dass deren Chef Farage bei einer Nachwahl gegen einen sprechenden Mülleimer antritt – eine lächerliche Lage, in die er sich selbst mit seiner politischen Trickserei gebracht hat (mehr dazu hier ). Beste Voraussetzungen also für Burnham, vergleichsweise seriös zu wirken. Er hat jetzt gute drei Jahre Zeit, überzeugend zu regieren: Die nächsten britischen Parlamentswahlen stehen regulär im August 2029 an. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. … ist der russische Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin – und dieser Titel ist nicht mit Kritik, sondern mit Bedauern verbunden. Denn Nadeschdin, einer der letzten Gegner von Wladimir Putin in der russischen Politik, wurde zum Aufgeben gezwungen. Vor wenigen Tagen ließ der Kreml den Oppositionellen verhaften und zum "ausländischen Agenten" erklären. Wieder in Freiheit, erklärte Nadeschdin, seine Kandidatur für die Parlamentswahlen im September aufgeben zu müssen. Er sei "zum Schweigen gebracht" und "aus der Politik gedrängt" worden, schrieb der 63-jährige Politiker im Onlinedienst Telegram. Eine Prise Narzissmus erleichtert das berufliche Vorankommen erheblich, sagt der Psychologe Ramzi Fatfouta. Hier erklärt er, was wir von großen Egos lernen können, ohne selbst zum Problem zu werden . Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Stefan Kuzmany, Autor der Chefredaktion