Seebühne auf dem Bodensee: Warum dieser Mann bei der Arbeit unsichtbar sein muss

Datum20.07.2026 04:00

Quellewww.zeit.de

TLDRSami Kyllönen ist seit über zehn Jahren Bühnenmeister auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Seine Hauptaufgabe ist es, im Hintergrund dafür zu sorgen, dass Technik und Sicherheit reibungslos funktionieren. Die größte Herausforderung ist die Natur: Wind und Wetter erfordern Flexibilität und Notfallpläne. Trotz hoher Verantwortung und dem Zwang zur Unsichtbarkeit im Dienst liebt er seinen Job am See.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Seebühne auf dem Bodensee“. Lesen Sie jetzt „Warum dieser Mann bei der Arbeit unsichtbar sein muss“. Damit ihn niemand bemerkt, ist schwarze Kleidung Pflicht. "Wenn jemand uns sieht, dann haben wir komplett was falsch gemacht", sagt Sami Kyllönen. Seit mehr als zehn Jahren ist er Bühnenmeister auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Der 54-Jährige sorgt mit seinem Team im Hintergrund dafür, dass keiner der Schauspieler abstürzt, tonnenschwere Bühnenteile sich im richtigen Moment bewegen und am Ende alles aussieht, als laufe es ganz von selbst. Die größte Herausforderung sei allerdings nicht die Technik, sondern die Natur, sagt der Finne. Anders als in einem Theaterhaus müsse auf der Seebühne ständig auf Wind, Regen oder Gewitter reagiert werden. "Wir haben Wasser von unten, Wasser von oben, teilweise von der Seite. Das ist kein geschütztes Theater." Schon Windböen von rund 40 Kilometern pro Stunde könnten dazu führen, dass Auftritte geändert werden müssten. Für viele Szenen gebe es deshalb einen Plan B, manchmal sogar einen Plan C. "Singen und Angst haben - das passt nicht zusammen." Schlagen Blitze in der Nähe ein, werde die Vorstellung sofort unterbrochen. Dafür gebe es einen roten Knopf. Alle Künstler würden von der Bühne und in Sicherheit gebracht. "Mit Gewitter spaßen wir nicht", sagt Kyllönen. Doch die Arbeit auf dem See sei auch schön. Im Team gebe es eine WhatsApp-Gruppe nur für die Sonnenuntergänge. Tausende Bilder seien dort inzwischen zusammengekommen. "Das ist der Kitsch pur", sagt Kyllönen und lacht. In diesem Sommer feiern die Bregenzer Festspiele ihre 80. Ausgabe. Gespielt wird ab diesem Mittwoch Giuseppe Verdis "La Traviata" vor der spektakulären Kulisse des Bodensees. Die Seebühne diente vor Jahren auch schon als Kulisse für einen James-Bond-Film. Die Vorstellungen auf der Seebühne sind schon ausverkauft, mehr als 200.000 Besucher werden bis Ende August erwartet. Für das Publikum beginnt der Opernabend mit dem ersten Ton des Orchesters. Für Kyllönen und sein zehnköpfiges Team geht er schon Stunden vorher los. Hydraulik, Motoren, Seile und Sicherheitsanlagen werden kontrolliert. Während der Vorstellung behalten die Bühnentechniker Künstler und Bühnentechnik im Blick. Nach der Aufführung wird die gesamte Bühnenmaschinerie wieder in eine sturmsichere Position gebracht. Am nächsten Nachmittag beginnt alles von vorn. Ist die letzte Vorstellung gespielt, beginnt für Kyllönen schon die nächste Produktion. Nach jeder zweijährigen Spielserie wird die Seebühne nahezu komplett zurückgebaut. Dann wächst aus dem Bodensee Schritt für Schritt eine neue Opernwelt. "Wir bauen eigentlich nicht nur eine Bühne, sondern ein komplettes Theater", sagt der Bühnenmeister.  Trotz aller Verantwortung liebt Kyllönen seinen Job auf dem See. "Wasser ist mein Element", sagt der Finne. Er sei nur wenige Minuten von einem See entfernt aufgewachsen.  Dass er einmal Bühnenmeister werden würde, war nie geplant. Eigentlich war er selbstständiger Kunsthandwerker und baute Requisiten. Über Kontakte kam er als Bühnentechniker zu den Festspielen, später absolvierte er die Ausbildung zum Bühnenmeister. Und nach Feierabend? Da wartet kein Schwarz mehr, sondern ein knallblaues Haus mit bunten Fensterläden. Sein jüngster Sohn durfte vor Jahren die Farbe aussuchen. "Was ich hier schwarz bin, bin ich zu Hause bunt", sagt der Bühnenmeister. © dpa-infocom, dpa:260720-930-409484/1