Datum20.07.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Planungen für die erste Offshore-Wasserstoffpipeline "Aquaductus" in der Nordsee schreiten voran. Baugrunduntersuchungen beginnen auf Norderney und im Landkreis Aurich. Die ca. 400 km lange Pipeline soll grünen Wasserstoff von Offshore-Windparks zur Küste transportieren. Trotz Umweltschutzbedenken und lokaler Kritik wird der Bau als gesichert betrachtet und mit 200 Mio. Euro gefördert.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Energieprojekt“. Lesen Sie jetzt „Planungen für erste Nordsee-Wasserstoffpipeline kommen voran“. Die Planungen für die erste Offshore-Wasserstoffpipeline in der Nordsee, genannt Aquaductus, werden konkreter. Von dieser Woche an sollen vor und auf der ostfriesischen Insel Norderney sowie an der Küste im Landkreis Aurich die Untersuchungen des Baugrundes für die Leitung beginnen, wie der Fernleitungsnetzbetreibers Gascade mitteilte. Die Leitung soll Wasserstoff, der in Elektrolyseuren mit Windenergie auf See in der Deutschen Bucht produziert wird, an die Küste transportieren. "Mit der Durchführung der Baugrunduntersuchungen gehen wir den nächsten wichtigen Schritt bei der Realisierung von Aquaductus", sagte Sven Becker, Geschäftsführer der Aquaductus Pipeline GmbH, einer Gascade-Tochter, in einer Mitteilung. Die Untersuchungen dienen demnach dazu, die Boden- und Untergrundverhältnisse entlang der geplanten Trasse zu erkunden. Die insgesamt rund 400 Kilometer lange Pipeline auf See soll in einem ersten etwa 200 Kilometer langen Ausbauschritt bis 2030 einen Windpark nordwestlich von Helgoland ans Festland anbinden. In einem zweiten Ausbauschritt soll die Pipeline bis an den äußersten Rand der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), dem sogenannten Entenschnabel, verlängert werden. Dort sollen weitere geplante Wasserstoff-Windparks angebunden und auch Anknüpfungspunkte zu benachbarten Offshore-Wasserstoffpipelines - etwa aus Dänemark und dem Vereinigen Königreich - gebaut werden. Zuletzt hatte Gascade die gesamte niedersächsische Küste von Emden bis Wilhelmshaven auf mögliche Routenführungen und Anlandepunkte untersucht. Präferiert wird nun eine Routenführung über Norderney und eine Anlandung im Raum Hilgenriedersiel im Landkreis Aurich. "Gerade in Kombination mit einer Routenführung über Norderney ist hier die geringste Auswirkung auf den Nationalpark Wattenmeer zu erwarten", teilte ein Gascade-Sprecher auf eine Anfrage mit. Diese Einschätzung vertritt auch das Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems in Oldenburg. Demnach wurde die Route über Norderney gewählt, weil bei anderen Varianten etwa durch die Außenems oder das Jade-Fahrwasser "erhebliche Konflikte" zu erwarten gewesen wären, hieß es in einer Mitteilung. Dann wären etwa Baggerarbeiten im Nationalpark oder Beeinträchtigungen für die Schifffahrt nötig. Auf eine Raumverträglichkeitsprüfung für den Trassenverlauf verzichtete die Behörde. Die Baugrunduntersuchungen sollen "so schonend und effizient wie möglich" vorgenommen werden, sagte Becker. An wenigen, gezielt ausgewählten Punkten sollen Proben genommen werden, um die Tragfähigkeit des Untergrunds genauer zu bestimmen. "Die gewonnenen Daten sind eine wesentliche Grundlage für die Festlegung der Trassenführung, die Auswahl geeigneter Bauverfahren sowie für die sichere und umweltverträgliche Umsetzung des Pipeline-Projekts", teilte das Unternehmen weiter mit. Der genaue Trassenverlauf muss noch in einem behördlichen Planfeststellungsverfahren festgelegt werden. Auf Norderney sorgten die neuen Pipeline-Pläne unter Insulanern zuletzt allerdings für Unmut. Unter der Insel verlaufen bereits mehrere Stromleitungen für die Anbindung von Offshore-Windparks ans Festland – auch in diesem Sommer wird deshalb vor und auf der Insel wieder gebaut. Norderneys Bürgermeister Frank Ulrichs schrieb in einem Bürgerbrief im März, dass viele Insulaner Fragen und Sorgen zu dem Pipeline-Vorhaben an ihn herangetragen hätten. Es gehe etwa um mögliche Eingriffe in die Natur, Auswirkungen auf den Tourismus und die Insel-Campingplätze durch Baustellen und Lärm sowie um zusätzliche Belastungen durch den Baustellenverkehr. "Das Projekt zeigt sehr deutlich ein Spannungsfeld, das uns alle betrifft", schrieb der Inselbürgermeister in seinem Brief. "Auf der einen Seite steht die Energiewende und der notwendige Ausbau klimafreundlicher Infrastruktur.Auf der anderen Seite stehen der Schutz unserer einzigartigen Natur, die Qualität unseres Tourismus und die Lebensqualität auf unserer Insel. Beides sind hohe Güter." Die Stadt Norderney wolle den Prozess "kritisch aber konstruktiv" begleiten. Dass die Leitung gebaut wird, gilt als sicher. Aquaductus sei von der Bundesnetzagentur 2024 als Bestandteil des Wasserstoff-Kernnetzes bestätigt worden, teilte das Amt für regionale Landesentwicklung mit. Ein Verzicht des Vorhabens komme deshalb nicht in Betracht. Bund und Land Niedersachsen hatten 2025 bereits angekündigt, den Bau der Pipeline insgesamt mit Geldern in Höhe von 200 Millionen Euro fördern zu wollen. Nach Angaben von Gascade handelt es sich bei "Aquaductus" um die einzige für die deutsche Nordsee geplante Wasserstoffpipeline. Das Investitionsvolumen soll sich auf einen niedrigen einstelligen Milliarden-Betrag belaufen. Ein Baubeginn ist nicht vor 2028 vorgesehen. Fernnetzbetreiber Gascade geht mit dem Leitungsbau in Vorleistung, sieht aber Potenzial für die Wasserstoffherstellung auf See. "Die Produktion von Wasserstoff direkt dort, wo Offshore-Strom entsteht, erhöht die Effizienz und senkt die Kosten", teilte der Gascade-Sprecher mit. Da der Transport von Wasserstoff über Pipelines mit zunehmender Entfernung deutlich günstiger sei als die Übertragung von Strom über Seekabel, biete der Importkorridor Nordsee eine besonders wirtschaftliche Lösung. © dpa-infocom, dpa:260720-930-409498/1