Meinung: Batteriespeicher: Wie Rost und Salz Gas ersetzen könnten – Meinung

Datum19.07.2026 12:21

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie deutsche Regierung unter Kanzler Merz beschwört Zukunftstechnologien, sabotiert aber deren Entwicklung. Neue Großbatterien aus Eisen-Luft oder Natrium-Ionen, die ohne seltene Elemente auskommen und Strom bis zu vier Tage speichern können, werden in den USA und China erfolgreich entwickelt und umgesetzt. Deutschland hingegen fördert stattdessen fossile Technologien und bremst Innovationen durch regulatorische Hürden, wie bei der Ausschreibung von Reservekapazitäten durch Ministerin Reiche. Dies widerspricht Merz' Forderung nach exportfähigen Zukunftstechnologien und behindert die angestrebte Energiewende.

InhaltKanzler Merz beschwört Zukunftstechnologien, seine Regierung sabotiert sie. Anderswo entstehen spottbillige Großbatterien, die ohne rare Elemente auskommen und zum Teil bis zu vier Tage lang Strom speichern. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Mitte dieser Woche saß Bundeskanzler Friedrich Merz in der Bundespressekonferenz und sollte sich zu einem Thema äußern, zu dem er sich bis dahin bedeckt gehalten hatte: den etwa 5000 zusätzlichen Todesopfern , die die Hitzewelle im Juni gefordert hatte (man stelle sich vor, es hätte einen Terroranschlag mit dieser Opferzahl gegeben). Merz behauptete zwischendurch, dazu habe er doch eben etwas gesagt – doch das hatte er keineswegs. Er hatte nur erklärt, der nationale Sicherheitsrat solle sich künftig auch um den "Schutz der Bevölkerung vor Hitzewellen" kümmern. Die Tausenden Toten erwähnte er mit keiner Silbe. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Auf die Nachfrage des Journalisten Malte Kreutzfeldt wiederum, wie er denn zur Diskussion über die Aufweichung der Klimaziele in seiner Partei stehe, gab Merz eine gewundene, enttäuschende Antwort. Er habe immer die Position vertreten, dass man "niemals leugnen" dürfe, dass es "auch" vom Menschen gemachten Klimawandel gebe. Das ist im Jahr 2026 schon bemerkenswert: Der Bundeskanzler gibt zu Protokoll, dass er kein Klimawandelleugner ist. Mit einem einschränkenden "auch" als i-Tüpfelchen. Unterdessen ist es aufgrund unserer Treibhausgasemissionen heißer als jemals in der Geschichte der menschlichen Zivilisation . Schon jetzt. Merz aber erklärte lediglich, dass man "alles tun" müsse, um das Problem in den Griff zu bekommen (das tut seine Regierung keineswegs, im Gegenteil), und das am besten erreiche, indem "wir mit den Fähigkeiten, die wir haben, Technologien entwickeln, die so gut sind, dass andere sie auch nutzen wollen". Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und die Union als Ganzes arbeiten im Augenblick jedoch aktiv daran, derartige Zukunftstechnologien zu unterlaufen, und schwenken stattdessen Nebelkerzen: von der ständigen Beschwörung "hocheffizienter Verbrenner" über ein "Gebäudemodernisierungsgesetz", das den Betrieb von Öl- und Gasheizungen auch dann noch erlauben soll, wenn Deutschland CO₂-neutral sein will, bis hin zu Reiches ständigen Sabotageversuchen gegen Netzausbau, erneuerbare Energien und Batteriespeicher. Die "Technologien", von denen Merz da sprach – es gibt sie längst. Sie heißen Photovoltaik, Windkraft, Elektromobilität, Batteriespeicher, Wärmepumpe und so weiter. Wir hatten in Deutschland auch einmal Industrien, die zumindest in Teilen dieser Zukunftstechnologien recht gut aufgestellt waren. Doch vier unionsgeführte Regierungen unter Angela Merkel setzten stattdessen auf Kohle, Öl, Gas und Verbrennungsmotoren. Dieses Muster setzt sich jetzt fort. Katherina Reiches Ministerium hat die Ausschreibung von Reservekapazitäten zur Sicherung der Stromversorgung auch nach dem endgültigen Kohleausstieg absichtlich so gestaltet, dass nur Gaskraftwerke dabei eine Chance hatten. Das wird teuer . Zukunftstechnologien wurden mit dem Ausschreibungsmechanismus bewusst und gezielt ausgesperrt. Ein Beispiel: Eine der tatsächlich gerade Erfolge feiernden Zukunftstechnologien sind sogenannte Eisen-Luft-Speicher. Das sind Großbatterien, die Eisen, Luft und Wasser statt Lithium verwenden. Vereinfacht formuliert wird beim Aufladen aus Rost Eisen, und bei der Energieabgabe wiederum aus Eisen Rost. Eisenoxide werden in metallisches Eisen umgewandelt, und wenn der Strom gebraucht wird, wieder zu Eisenoxid, wobei Energie frei wird. Diese Akkus haben mehrere Vorteile: Sie enthalten hochverfügbare, günstige Materialien, und sie können Strom viel länger speichern als Lithium-Ionen-Akkus, nämlich bis zu 100 Stunden. Nachteil: Der Wirkungsgrad ist vergleichsweise gering, beim Ein- und Ausspeichern geht also Energie verloren. Was in einem Stromsystem, in dem es mit viel erneuerbarer Kapazität gelegentlich viel mehr Strom gibt, als gerade gebraucht wird, kein allzu großes Problem darstellt. Man macht den Speicher dann eben voll, wenn der Strom im Überfluss vorhanden ist. Ein Start-up namens Form aus den USA baut dort jetzt für Google eine riesige Eisen-Luft-Batterie , die in Kombination mit einem Wind- und Solarpark ein Google-Rechenzentrum 24 Stunden am Tag mit sauberer Energie versorgen soll. In den Niederlanden hat das Unternehmen Ore Energy eine vergleichbare Technik entwickelt, in Frankreich ist ein Pilotprojekt mit dem dortigen Versorger EDF  im Livebetrieb bereits erfolgreich abgeschlossen. Ore hat gerade einen Vertrag mit dem Versorger Budget Thuis geschlossen , um eine Eisen-Luft-Batterie mit einer Speicherkapazität von einer Gigawattstunde zu bauen. Die ersten 400 Megawattstunden sollen schon 2028 zur Verfügung gestellt werden. Als Faustregel: eine Gigawattstunde Strom reicht, grob und konservativ gerechnet, für 100.000 nicht sparsame Haushalte für einen ganzen Tag, mit Puffer. Als Back-up-Dienstleister haben solche Batterien in Deutschland derzeit keine Chance, dafür hat Reiche gesorgt: Die Ausschreibungsbedingungen sehen einen Wirkungsgrad vor, den diese Batterien nicht erreichen können . Das dürfte kein Zufall sein. Andere Formen der Batteriespeicherung wurden mit anderen Kriterien ausgesperrt – Reiches Ministerium hatte sich dazu Tipps von Konzernen geholt , die nun die Chance auf üppige Subventionen  bekommen. Kanzler Merz behauptet, Deutschland müsse nur "Technologien entwickeln, die so gut sind, dass andere sie auch nutzen wollen". Tatsächlich tut seine Regierung absichtsvoll und gezielt alles, damit viel Steuergeld gezielt in Retrotechnik fließt. Die zweite batterietechnologische Großnachricht der vergangenen Wochen stammt leider auch nicht aus Deutschland, sondern wieder einmal aus China: Zwar wird auch bei uns an Natrium-Ionen-Batterien geforscht, doch eines der ersten Großprojekte mit einem serienreifen Speicher dieser Art kommt vom chinesischen Marktführer CATL. Das "Tener Sodium" genannte Großspeichermodul  ist für die Speicherung von bis zu acht Stunden ausgelegt und soll 25 bis 30 Jahre halten. Es funktioniert, anders als Lithium-Ionen-Akkus, auch bei extrem kalten Temperaturen nahezu verlustfrei. All das ändert bereits die Spielregeln für das Energiesystem der Zukunft , der wohl wichtigste Punkt ist aber der Preis: Natrium ist ein Bestandteil von Kochsalz und damit eines der häufigsten Elemente in der Erdkruste. Den Rohstoff für diese Akkus gibt es praktisch überall, man braucht kein Lithium mehr, auch kein Kobalt oder Nickel – das macht diese Batterien vergleichsweise spottbillig. Auch im Betrieb sind die Speicher billiger, weil sie, je nach Außentemperatur, weniger oder gar nicht gekühlt oder beheizt werden müssen. Für Autos oder Smartphones sind sie zu groß, doch für Großspeicher ist das irrelevant. Diese Speicher sind keine Prototypen, sondern serienreif: In China hat CATL einen Vertrag mit dem dortigen Speichersystemanbieter HyperStrong geschlossen, der die Lieferung von 60 Gigawattstunden Speicherkapazität  vorsieht – eine gigantische Menge. Und diese Woche verkündete CATL eine Einigung  mit dem niederländischen Versorger Alfen, der demnach fünf Gigawattstunden Tener-Sodium-Speicher in ganz Europa einsetzen will. Die EU-Kommission will Reuters zufolge  den Anteil von Strom am gesamten Energieverbrauch bis zum Jahr 2040 auf 46 Prozent verdoppeln. Das ist eine sehr gute Idee, die bis zu 260 Milliarden Euro an Öl- und Gasimportkosten einsparen würde – jedes Jahr. Dazu brauchen wir aber all das, was die Union seit Jahren bekämpft oder verschleppt: Wärmepumpen, Elektroautos, modernere Stromnetze, Batteriespeicher, billigen erneuerbaren Strom. Noch könnte Deutschland die Industrienation werden, die als erste vormacht, dass ein zu 100 Prozent erneuerbares Energiesystem möglich ist. Das würde dann genau die Art von Exportschlagern hervorbringen, etwa bei der Digitalisierung und Systemintegration, die Merz ständig beschwört. Seine eigene Regierung aber arbeitet aktiv und permanent in der entgegengesetzten Richtung.