Datum19.07.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Vox-Sendung "Goodbye Deutschland!" feiert 20-jähriges Jubiläum. Sie begleitet Auswanderer bei ihren oft scheiternden Neuanfängen im Ausland, was die deutsche Sehnsucht nach einem besseren Leben bedient. Die Langlebigkeit des Formats erklärt sich durch die Identifikation mit "Normalos", deren Scheitern beim Zuschauer oft ein Gefühl der Beruhigung und des Triumphs hervorruft.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Fernweh-Fernsehen“. Lesen Sie jetzt „20 Jahre "Goodbye Deutschland!": Die Faszination Auswandern“. Auswandern ist eine dieser Ideen, die auf einer Postkarte fast immer besser aussehen als im echten Leben. Mutig bricht man auf – zum Beispiel, um ein Schnitzelrestaurant auf Mallorca zu eröffnen. Denn klar: Wenn Mallorca noch etwas braucht, dann Schnitzel. Ärgerlich nur, wenn die Speisekarte ausschließlich auf Deutsch ist, obwohl auch Engländer kommen. Wenn der Strom ausfällt. Und der Koch bislang nur hobbymäßig am Herd stand. Geschichten dieser Art erzählt seit 20 Jahren die Vox-Sendung "Goodbye Deutschland! Die Auswanderer" – die erste Folge lief am 15. August 2006. Zum runden Geburtstag gönnt der Sender dem Format vier Jubiläumsausgaben (20. Juli bis 10. August, immer montags ab 20.15 Uhr). Ein Best-of moderiert Daniela Katzenberger – früher selbst Auswanderin und so etwas wie der erfolgreichste Export der Doku-Soap. Die Langlebigkeit des Formats deutet an: Deutsche können von Auswander-Storys offenbar kaum genug bekommen. Woran liegt das? "Goodbye Deutschland!" bedient ein in Deutschland tief sitzendes Gefühl: Die Vorstellung, dass woanders alles besser, freier, wärmer und unkomplizierter ist. Viele Auswanderer flüchten vor Bürokratismus, Steuern, verfahrenen Familienstrukturen und manchmal auch schlicht vor dem Wetter. "Fernweh" ist nicht umsonst eine sehr deutsche Wortschöpfung und damit wohl auch Gemütslage. Es gilt als nahezu unübersetzbar in andere Sprachen. Im vergangenen Jahr ergab eine YouGov-Umfrage, dass sich mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung eine Auswanderung ins Ausland vorstellen könnte. Mallorca, Paraguay oder Australien sind aus diesem Blickwinkel eigentlich gar keine geografischen Orte – sondern eher emotionale Gegenentwürfe. Vor allem Mallorca ist im Auswanderer-TV selten einfach nur Mallorca. Es ist der Ort, an dem endlich alles klappen soll. Spoiler: Oft klappt zunächst einmal gar nichts. Die weiteste Reise trat bei "Goodbye Deutschland!" übrigens die Familie Vega an, um ihr Glück zu finden – sie verschlug es in das 18.130 Kilometer entfernte Tauranga, eine Stadt auf der Nordinsel von Neuseeland. Auswanderer-Fernsehen hat zwei Ebenen. Vorn auf dem Bildschirm tauschen Menschen Haus, Job und Sicherheit gegen einen radikalen Neuanfang. Auf der Couch ertappt sich der Zuschauer bei der Frage: Hätte ich diesen Mut auch? Populär wurde "Goodbye Deutschland!", weil es mehr oder minder Normalos begleitete, keine unnahbaren Hochglanz-Promis. Mit ihnen konnte man sich leicht identifizieren. Weil manche Protagonisten aber immer wieder auftauchen, entstehen auch zusammenhängende Geschichten mit sehr klassischen Erzählmustern. Ein Held verlässt eine vertraute Welt, er kämpft gegen Hindernisse, er scheitert oder triumphiert. Nur ohne Schwert – dafür mit Umzugskarton in der Hand. Einige Figuren waren dabei so einprägsam, dass sie heute zum Fundament des deutschen C-Prominenz-Fernsehens gehören. Neben Katzenberger etwa die Geissens, Konny Reimann, der "Currywurstmann" Chris Töpperwien und Jens Büchner, auch "Malle-Jens" genannt. Auswandern kann traumhaft sein – oder ziemlich schiefgehen. Niemand weiß das besser als all jene, die regelmäßig "Goodbye Deutschland!" schauen. Grandiose Selbstüberschätzung, Einfältigkeit, gänzlich fehlende Sprachkenntnisse, ein äußerst löchriger Businessplan – meist sieht man das Unheil als Zuschauer schon aus weiter Entfernung heranrauschen. Legendär etwa die Schwäbin Claudia, die in die USA ziehen und dort selbst designte Teddybären verkaufen wollte. "Für den neuen Job bringt die gelernte Bankkauffrau eigentlich kaum Qualifikation mit", textet ein Off-Sprecher in genau jener Beiläufigkeit ins Mikro, die nichts Gutes verheißt. Claudia versucht die Zweifel mit dem Satz "Ich habe mal ein Kleid für mich genäht" wegzuwischen. Um direkt nachzuschieben: "Das ist nichts geworden." Man ahnt dann schon, wohin die Reise gehen könnte. Eine Kunstform für sich sind auch die Bauchbinden, die Einblendungen bei Interviews. Wenn unter einem Auswanderer-Namen "...verfügt über keine Ersparnisse" geschrieben steht, lehnt man sich als Stammzuschauer innerlich schon einmal interessiert nach vorne. "Ein voyeuristisches Moment" lasse sich in Auswanderer-Formaten "nicht leugnen", analysiert die Medienwissenschaftlerin Yulia Yurtaeva-Martens in einem Aufsatz. "Der öffentliche Konsum persönlicher Krisen und Konflikte dient oft mehr der Unterhaltung als der Reflexion gesellschaftlicher Missstände." Das stimmt zweifellos. Doch neben dem Voyeurismus stellt sich beim Zuschauer womöglich auch noch ein ganz anderes Gefühl ein: "Gut, dass ich geblieben bin." Das kann sehr beruhigend sein. Am Ende wirkt selbst deutscher Behördendschungel plötzlich gar nicht mehr so schlimm. © dpa-infocom, dpa:260719-930-406304/1