Datum19.07.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDREin Outdoor-Zentrum in Hessen ist geteilter Meinung über den Wolf, nachdem Schafe gerissen wurden. Der Betreiber, Manfred Köhnlein, fürchtet um seine Tiere und seinen Betrieb, lehnt aber wolfssichere Zäune aus Kostengründen und wegen Bedenken bezüglich der Nutzung des Geländes für Kinder ab. Naturschutzverbände setzen sich für den Wolf ein und kritisieren den hessischen Wolfsmanagementplan. Umweltorganisationen klagen gegen eine geplante Entnahme von Jungwölfen. Die Debatte um den Wolf spaltet die Region und belastet die Menschen.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Tiere“. Lesen Sie jetzt „Wie die Debatte um den Wolf eine Region spaltet“. Schattenspendende Bäume, Tipis, selbstgebaute Holzhäuser und Tiere: Manfred Köhnlein hat mit seinem Outdoor-Zentrum-Lahntal bei Greifenstein im Lahn-Dill-Kreis eine Idylle für Menschen geschaffen, die eine Auszeit in der Natur verbringen oder hier mit Familie und Freunden feiern möchten. Doch in letzter Zeit ist sein Betrieb mit Biergarten und Übernachtungsmöglichkeiten zu einer Art Symbol für den Streit um die Wölfe in Hessen geworden. In gleich drei aufeinanderfolgenden Nächten waren im April neun seiner Schafe durch Wolfsrisse getötet worden. Traurig zeigt Köhnlein Handyfotos der blutigen Kadaver, die er morgens eigenhändig einsammelte. Nun hat er noch drei der zierlichen Ouessantschafe, die in einem Stall mit kleinem Gatter untergebracht sind und nicht mehr auf die weitläufige Wiese am Waldrand dürfen. Köhnlein fürchtet, dass sich die seit dem Wolfsangriff verängstigten Tiere abends dort nicht mehr einfangen lassen würden. Und über Nacht draußen lassen könne er sie und auch seine Ponys jetzt erst recht nicht mehr, denn das wäre wie ein gedeckter Tisch für den Wolf, sagt er. Bekannt ist, dass sich in der Region ein Wolfsrudel etabliert hat. Warum schützt Köhnlein seine Tiere und das Gelände nicht mit einem Wolfsschutzzaun? Er verweist auf die mehrere Hektar umfassende Größe des Geländes und darauf, dass hier Kindergärten und Schulklassen zu Ausflügen herkommen - das passe nicht mit stromführenden Zäunen zusammen, deren Aufbau zudem hohen Aufwand und Kosten für ihn bedeuten würde. Auch der Wildwechsel wäre durch solche Zäune beeinträchtigt, gibt er zu bedenken. Derweil wächst der Druck auf den Betrieb. Einige Eltern wollten ihre Kinder aus Sorge nicht mehr im Outdoor-Zentrum übernachten lassen, so dass manche Schulklassen derzeit nur noch Tagesausflüge dorthin unternähmen. Auch generell seien die Buchungen derzeit mau, sagt Köhnlein - was allerdings auch daran liegen könnte, dass viele Menschen inflationsbedingt ihr Geld stärker zusammenhalten. Der gelernte Schreiner hat viel Arbeit in den Aufbau des Betriebs und die liebevoll eingerichteten Holzhäuser gesteckt und ist noch nicht lange von einer schweren Krankheit genesen. Mit der Situation fühlt er sich überfordert. Auf Social Media hat er zudem schon manche altkluge und hämische Kommentare gelesen, die ihn schwer getroffen haben - etwa den, dass man sich nicht wundern müsse, wenn man "Schafe im Wald hält". Dabei hätten seine Tiere viele Jahre friedlich und unbehelligt auf der großen Wiese gegrast. In der Region sorge das Thema für hitzige Debatten. Doch instrumentalisieren lassen will sich Köhnlein weder von Wolfsbefürwortern noch -gegnern, wie er deutlich macht. Bei dem Thema gebe es zu viel Schwarz-Weiß-Malerei. Er selbst habe eigentlich nichts gegen den Wolf. "Der ist ein Tier und hat einfach Hunger." Doch die Wiederansiedlung vertrage sich aus seiner Sicht nicht mit der dichten Besiedlung in Deutschland und Hessen. Der Betreiber eines Damwild-Geheges in der Gegend habe schon aufgegeben. Deshalb findet Köhnlein es richtig, dass Wölfe in Hessen künftig wieder bejagt werden dürfen. Mit der Zeit dürften die Tiere lernen, sich von Siedlungen fernzuhalten, hofft er. Die "Entnahme" von Wölfen ist im hessischen Wolfsmanagementplan vorgesehen, den das Landwirtschaftsministerium Ende Juni veröffentlichte. Parallel dazu hatte eine Allgemeinverfügung des Regierungspräsidiums Kassel als oberster Jagdbehörde des Bundeslandes festgehalten, dass in der laufenden Jagdzeit bis Ende Oktober zwei Jungwölfe geschossen werden dürfen - und zwar in Greifenstein. Ob und wann es tatsächlich so weit kommt, ist allerdings offen, denn drei Umwelt- und Wolfsschutzverbände haben vor dem Verwaltungsgericht Kassel gegen die Allgemeinverfügung geklagt. Darunter ist der Umweltverband BUND, der den Wolfsmanagementplan als "Bekämpfungsplan" kritisierte, der den Fortbestand der wenigen Wölfe in Hessen gefährde. Bis zur endgültigen Entscheidung über zwei Eilanträge der Verbände schob das Gericht Abschüssen vorläufig einen Riegel vor. Die Bedenken gegen Schutzzäune von Outdoor-Zentrum-Betreiber Köhnlein kann ein Sprecher des Naturschutzbundes (Nabu) Hessen nicht ganz nachvollziehen - und bietet Beratung durch Experten sowohl für den Weidetierschutz als auch bei Informationsangeboten für die Gäste an. Der Nabu unterstützt die Klagen der drei anderen Verbände. Für Tierhalter müsse generell klar sein, dass die Wiederansiedlung des Wolfes Änderungen in der Landschaftsnutzung mit sich bringe, sagt der Nabu-Sprecher. "Ohne Herdenschutz geht es nicht." Schafhaltern komme zugleich eine wichtige Rolle in der Landschaftspflege zu, deshalb müssten sie unterstützt und der Herdenschutz vom Land gefördert werden. Die Greifensteiner Bürgermeisterin Marion Sander (parteiunabhängig) sieht die Debatte um den Wolf mit gewisser Sorge, will in der Sache aber neutral bleiben - auch wenn sie sowohl Argumente von Tierhaltern als auch Wolfsbefürwortern nachvollziehen kann. "Ich muss mich an die gesetzlichen Grundlagen halten", sagt Sander. Im Juni hatte die Bürgermeisterin selbst einen Schlagabtausch bei der Veranstaltung "Der Wolf in Mittelhessen" erlebt. Grenzen sieht sie überschritten, wenn etwa Jäger durch Anfeindungen im Netz bedroht und Feldwege versperrt würden. "Mir macht Sorgen, dass so ein Thema die Menschen so belastet." © dpa-infocom, dpa:260719-930-406079/1