Datum18.07.2026 17:52
Quellewww.zeit.de
TLDRSeit 18 Jahren ist Carmex für den Autor unverzichtbar, zuerst erworben im Wind River Valley, USA. Der Lippenbalsam repräsentiert auch emotionale und nostalgische Erinnerungen an Jugend und wichtige Erlebnisse. Die Cremigkeit und der dezente Mentholgeschmack werden anderen süßeren Alternativen vorgezogen. Gegründet 1937, hat Carmex eine lange Geschichte und wird heute durch prominente Fürsprecher und Produktverbesserungen wie LSF 15 hervorgehalten. Das markante Design verkörpert für den Autor amerikanischen Kapitalismus.
InhaltSeit 18 Jahren trägt unser Autor diesen Lippenbalsam mit sich herum. Seiner Cremigkeit ist er längst verfallen – genauso wie der Nostalgie, die in der Tube steckt. Lange gesucht und endlich gefunden: In der Serie "Ode an ein Ding" feiern wir jede Woche völlig subjektiv ein Produkt. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 29/2026. Es begann auf über 2000 Metern Höhe, im Wind River Valley. Ich verbrachte gerade ein Auslandsschuljahr in der kargen Prärie der USA, in Wyoming, und meine Lippen waren wie die Landschaft: rau und trocken. In meiner Highschool besaß deshalb jeder und jede einen chapstick. Also ging ich zur Tankstelle und kaufte mir auch einen. Das war vor 18 Jahren. Seitdem trage ich meinen Lippenbalsam der Marke Carmex immer in der Hosentasche. Mehr als mein halbes Leben also. Ich besitze das Mittelchen in Form eines Lippenstifts, als Tube und Döschen, je in mehrfacher Ausführung. Wenn ich unterwegs bin und Carmex vergessen habe, kaufe ich mir eins. Gestern Abend lagen allein an meinem Bett vier Stück, zwei Tuben, ein Lippenstift und ein Döschen. Es gab eine Phase, da hatte ich parallel acht Exemplare in Benutzung. Natürlich ist Nostalgie dabei. Nach meinem ersten Footballspiel, der ersten Fahrt im Truck meines Kumpels Mike, dem ersten Schluck Coors Light – sehr wahrscheinlich habe ich die Tube Carmex aufgeschraubt und meine Lippen balsamiert. Es war ein unglaubliches Jahr damals, Obama wurde Präsident, die Schulkantine servierte Chicken-Nuggets, und Katy Perry sang: "I kissed a girl and I liked it / the taste of her cherry chapstick". Manchmal umschließe ich heute mit der Hand den Lippenbalsam in meiner Hosentasche und fühle mich gut. Es liegt aber auch am Mittelchen selbst. Im äußersten Notfall, wenn ich kein Carmex auftreiben kann, weiche ich auf andere Marken aus. Doch das meiste, was man im Regal der Drogerien findet, klingt stark nach Karies: Over the Clouds; Zitronentraum; Cocoa Butter. Selbst der normale Labello ist so süß, man könnte sich auch Marmelade auf die Lippen schmieren. Nein danke, einmal Carmex, bitte, ohne Geschmack und olfaktorisch unauffällig (einzig eine dezente Mentholnote lässt sich erkennen). Die Geschichte des Lippenbalsams begann 1937. Nachdem Alfred Woelbing seinen Job in einem Kaufhaus verloren hatte, so liest man auf der Carmex-Website, wurde er zum Selfmademan und begann, Lippenbalsam herzustellen, den er zu Hause in Gläser abfüllte und aus dem Kofferraum seines Autos heraus verkaufte. Jahrzehnte später verschafften Oprah Winfrey und LeBron James dem Unternehmen Aufmerksamkeit. Heute enthält der Lippenstift sogar Lichtschutzfaktor 15. Und das Design erst! Die Buchstaben sind fett und ohne Serifen, der Rest strahlt in zeitlosem Rot und Gelb (den wahren Nationalfarben der USA, siehe McDonalds, Burger King, Mastercard). Carmex ist laut und schnörkellos, es ist, als trüge man die Essenz des amerikanischen Kapitalismus auf den Lippen: "It Soothes. It Protects. It Moisturizes." Egal, was die Labello-, Kaufmann’s- oder Burt’s-Bees-Anhänger sagen, niemand schlägt Carmex, meinen all-american chapstick. Alle empfohlenen Produkte wurden von den Autorinnen und Autoren selbst gekauft und sind in vielen Fällen schon lange in Gebrauch.