Urdeutsches Epos: Spiel mir das Lied vom Untergang: Nibelungen feiern Premiere

Datum18.07.2026 10:26

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Nibelungen-Festspiele in Worms präsentieren mit „Die Hunnenkönigin“ eine moderne Inszenierung des Epos. Die deutsch-englische Koproduktion beleuchtet den Kreislauf von Macht, Gewalt und Vergeltung neu. Sie thematisiert die Folgen von Krieg für Frauen und hinterfragt heutige Debatten über Frieden und Wehrhaftigkeit. Alice Merton steuert eigens komponierte Songs bei. Die Inszenierung fordert das Publikum heraus, Bezüge zur Gegenwart zu ziehen.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Urdeutsches Epos“. Lesen Sie jetzt „Spiel mir das Lied vom Untergang: Nibelungen feiern Premiere“. Es beginnt mit Gelächter. Auf der kreisrunden Drehbühne wird der König gefeiert, die Burgunder schwelgen in eigener Größe. Der mächtige Dom erhebt sich dahinter wie ein stummer Zeuge. Alles wirkt leicht an diesem Abend in Worms. Doch das Publikum ahnt: Dieses Fest geht nicht gut aus. "Die Hunnenkönigin", die neue Inszenierung der Nibelungen-Festspiele, macht aus dem Nationalmythos einen rauschhaften Trip durch Macht und Vergeltung. Die britische Theatercompagnie Les Enfants Terribles (Buch Oliver Lansley, Regie gemeinsam mit James Seager) entreißt das mittelalterliche Epos der Vergangenheit und präsentiert eine der wohl größten deutschen Erzählungen als aktuelles Drama. Bei verglühendem Abendlicht prallen Lebenswelten aufeinander. Noch ehe Schwerter gezogen werden, spricht Königinmutter Ute (stark: Jeanette Hain) den Satz, der wie eine Vorahnung über dem Abend schwebt. "Stolze Herzen brechen am härtesten." Es folgt eine Anklage gegen eine Männerwelt, die Kriege feiert und ihre Folgen den Frauen überlässt. "Wir bluten nicht auf den Schlachtfeldern, wir bluten in den Laken." Kriemhild erscheint, in der Hand einen abgetrennten Schädel. Mit einem Bild kippt der Abend. Die Farben werden dunkler. Die Bühne dreht sich fast unaufhörlich, als gäbe es kein Entrinnen aus dem Kreislauf von Gewalt und Vergeltung. Immer wieder tanzt das Ensemble gegen den Untergang an. Überhaupt wird viel getanzt, niemand steht lange still. Alles ist in Bewegung. Und manchmal wird sogar gelacht. Diese deutsch-englische Kooperation der intrigenreichen Sage verweigert einfache Antworten. Die Burgunder nennen sich zivilisiert, die Hunnen gelten als Wilde. Je länger der Abend dauert, desto mehr verschwimmen Grenzen. Etzel (brillant: Aram Tafreshian) wehrt sich gegen die Stigmatisierung. "Du hältst uns für Tiere? Das ist das Problem mit euch. Ihr verwechselt Stärke mit Barbarei." Kriemhild hält dagegen. "Wir haben Werte, wir folgen einer Ordnung." Es sind Dialoge, die erstaunlich modern klingen. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, hat Moral nur noch beratende Funktion. Und immer wieder geht es um Macht. Lange verweigert sich Kriemhild der zugedachten Rolle. "Ich habe es satt, mir vorschreiben zu lassen, was ich fühlen soll. Von Männern, für die die Welt nur ein Schachbrett ist, auf dem sie Figuren opfern, wie sie Lust haben." Doch aus der trauernden Witwe wird Schritt für Schritt eine rachedurstige Frau, die selbst Macht beansprucht. Die spielfreudige Maria Dragus zeigt sie als zutiefst verletzten Menschen. Der vielleicht politischste Teil des Abends gehört Etzel. Seine Gedanken über Frieden und Abschreckung wirken wie direkt aus den Debatten der Gegenwart gegriffen. "Die Leute glauben, Frieden sei die Abwesenheit von Krieg", sagt der Hunnenkönig. "Aber das stimmt nicht. Frieden ist die Erinnerung an Krieg. Sobald sie verblasst, beginnt der Kreislauf von Neuem." Nicht nur bei Verteidigungsminister Boris Pistorius als Premierengast entfaltet der Satz angesichts der "Zeitenwende" besondere Wirkung. "Das ist genau die Situation, in der wir heute leben", sagt Pistorius (SPD) in der Pause der Deutschen Presse-Agentur. "Wir müssen wehrhaft sein und wissen, dass der Frieden brüchig werden kann, wenn wir nicht bereit sind, ihn zu schützen." Immer wieder erscheint Drachentöter Siegfried (charismatisch: Vinzenz Wagner). Nicht als lebender Held, sondern als irrlichternde Gestalt in goldener Rüstung. Sein Mörder Hagen (sinister: Heiko Raulin) bleibt dunkler Gegenpol. Dazwischen erklingt die atmosphärische Musik von Alice Merton. Die international erfolgreiche Sängerin ("No Roots") steht mit Gitarrist Alexander Wolfe auf der Bühne und trägt den Abend mit eigens komponierten Liedern. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch schweben ihre Songs durch die Sommernacht. Bei einem Lied fallen plötzlich Schneeflocken, mitten im Juli. Vor der großen Abrechnung spricht Kriemhild den Satz, der den Abend zusammenfasst. "Früher dachte ich, die Figuren in Geschichten wären entweder Opfer oder Schurken. Aber die Wahrheit ist: Wir alle beginnen als das eine und enden als das andere." Am Ende sind an diesem rauen Abend nicht die Schwerter das Verstörende, sondern die Einsichten, dass Gewalt selten mit dem ersten Schlag beginnt. Sie wächst aus Kränkungen, aus Überheblichkeit, aus dem Glauben, auf der richtigen Seite zu stehen. "Die Hunnenkönigin" macht daraus keine historische Lektion, sondern eine unbequeme Frage an die Gegenwart. Von den mehr als 1.400 Premierengästen gibt es viel Applaus. © dpa-infocom, dpa:260718-930-403528/1