Datum18.07.2026 07:00
Quellewww.zeit.de
TLDRSibylle Radtke aus Bad Oldesloe lebt mit ihrem Hahn Willi in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Sie fand ihn als Küken und zog ihn auf. Willi ist ihr ständiger Begleiter, begleitet sie überall hin und sorgt oft für Aufsehen. Trotz anfänglicher Einschränkungen genießt Radtke die enge Bindung zu ihrem liebevollen, aber neugierigen Hahn, dem sie trotz der ungewöhnlichen Haltung ein artgerechtes Leben ermöglicht.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Ungewöhnliche Partnerschaft“. Lesen Sie jetzt „Ziemlich beste Freunde: Das WG-Leben mit Hahn Willi“. Große Augen und gedrehte Köpfe – bei den beiden macht jeder Halt. Das sind Sibylle Radtke aus Bad Oldesloe und ihr Hahn Willi längst gewohnt. Unter dem Motto "Hund ist out, man hat jetzt Hahn" nimmt Radtke ihren Willi überall mit hin und sorgt fast immer für Gesprächsstoff. Die beiden sind nicht nur ein eingespieltes Team, sondern auch Mitbewohner. Seit einem Jahr teilen sie sich Küche, Wohnzimmer und Garten. Für manche wäre es unvorstellbar, für Radtke hingegen ist es Alltag. Entstanden sei das Duo aus einem Zufall, erzählt Radtke. Den zwei Tage alten Willi habe sie unter einer toten Glucke gefunden. Sie fragte sich, ob sie ihn sterben lassen, erlösen oder aufziehen solle. Sie entschied sich für das Letztere. Seitdem ist sie zu seiner Glucke geworden. Anfangs war sie unentbehrlich für ihn. "So habe ich mir das auch nicht vorgestellt", teilt Radtke mit. Das Großziehen sei meditativ gewesen: "Nur sitzen, sich nicht bewegen und ein paar Fliegen fangen, damit er überlebt." Als der Hahn nach einigen Wochen zu ihrem Bedauern zu krähen anfing, taufte sie ihn von Wilma auf Willi um. Inzwischen hat sich sein Zweitname "Gocki" im Alltag etabliert. Von dem schwierigen Start ins Leben merke man nichts mehr. Heute laufe Willi allen neuen Menschen hinterher, die er fälschlicherweise für Hennen hält. Oft musste Radtke den Hahn einfangen und sich für seine Neugier entschuldigen. Anfangs schrie Willi unermüdlich nach seiner neuen Glucke Frau Radtke. "Das ging gar nicht; er musste überall mit hin." Inzwischen gestaltet sich der Tag etwas entspannter. Willi weckt vor fünf Uhr morgens seit Sommerbeginn Frau Radtke mit seinem Hahnenschrei auf, die ihn wiederum jeden Abend zu seinem Schlafplatz führt. Tagsüber stimmen sie Töne am Klavier an oder teilen sich den Stuhl, wenn Frau Radtke in ihr Horn bläst. Aufmerksam horcht Willi den Klängen und kuschelt sich an sie. Diese Augenblicke mit Willi genieße sie am meisten. Der sonst umtriebige weiße Hahn findet zur Abwechslung einen Moment der Ruhe. Füttern stellt ebenso einen großen Bestandteil des Tages dar. Statt öden Hühnerfutters genießt Willi einen Käsewürfel, Melone oder was ihm sonst in den Schnabel fällt. An besonderen Tagen darf er ins Croissant picken, wenn die beiden einen Ausflug in die Innenstadt von Bad Oldesloe machen. "Das ist ungewöhnlich, so etwas habe ich noch nie gesehen", sagt eine Passantin beim Vorbeigehen. "Natürlich schränkt mich der Hahn im Alltag ein", sagt Radtke. Als er klein war, musste er im Auto auf sie warten, während sie Orchesterprobe hatte. Danach versuchte Willi oft, auf ihren Schoß zu klettern, weil er sie so vermisst habe. Es sei ihr größter Wunsch, jemanden zu haben, der ihn für einen Tag übernimmt. Inzwischen könne er fremdbetreut werden und verhalte sich friedlich gegenüber Hunden. Auf die Frage, warum der Hahn so gut auf sie höre, antwortet Radtke: "Das nennt sich Bindung." © dpa-infocom, dpa:260718-930-403135/1