Datum16.07.2026 18:09
Quellewww.zeit.de
TLDRJens Spahn steht in der Kritik, weil er und sein Mann eine Leihmutter in den USA engagierten. Kritiker aus Politik, Kirche und Gesellschaft bemängeln, dass er damit das in Deutschland geltende Verbot der Leihmutterschaft umgehe. Während Spahn die Elternschaft verkündete, forderten manche sogar seinen Rücktritt. Das Thema Leihmutterschaft wird nun erneut diskutiert.
InhaltWeil er und sein Mann eine Leihmutter engagierten, gerät Jens Spahn in die Kritik. Diese kommt von den Kirchen, von Alice Schwarzer – und aus Spahns eigener Partei. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Kirche haben Unionsfraktionschef Jens Spahn wegen der Inanspruchnahme einer Leihmutter gemeinsam mit seinem Ehemann kritisiert. "Zu Recht ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten. Und zu Recht war Jens Spahn als Fraktionsvorsitzender einer christlich-demokratischen Partei bisher gegen die Aufhebung dieses Verbotes", teilte etwa die Feministin Alice Schwarzer in Reaktion auf Spahns Vaterwerden mit. Menschen seien keine Ware. "Käuflich sollte weder eine Frau als Gebärmaschine sein noch ein für Geld produziertes Kaufkind." Zuvor hatten Spahn und sein Ehemann bekanntgegeben, dass sie Eltern geworden seien. Das Kind wurde ihren Angaben nach von einer Leihmutter in den USA auf die Welt gebracht. Seitdem wird das Thema Leihmutterschaft wieder stärker diskutiert, hierzulande ist sie verboten. Aus den eigenen Reihen gab es Kritik an Spahn: Die Thüringer Landesvorsitzende der Frauen Union, Marion Rosin, forderte ihn sogar zum Rücktritt auf. "Leihmutterschaft ist in Deutschland aus guten ethischen Gründen verboten. Wer dieses Verbot durch eine Auslandslösung umgeht, setzt sich über den Geist des deutschen Gesetzes hinweg", sagte Rosin der Funke Mediengruppe. Wenn die Glaubwürdigkeit eines Spitzenpolitikers verloren gehe, "ist Rücktritt eine Frage der Konsequenz". Der Chef der Senioren-Union, Hubert Hüppe, zeigte sich "persönlich geschockt". "Die CDU war die Partei, von der man sagte, dass sie bei dem Thema am deutlichsten ist", sagte Hüppe dem Spiegel. "Natürlich kann ich verstehen, dass jeder Mensch den Wunsch auf ein Kind hat, auch homosexuelle Paare, aber es geht darum, ob man Frauen instrumentalisiert." Hüppe drängte darauf, in Deutschland auch die Leihmutterschaft im Ausland zu verbieten. "Statt über eine Legalisierung sollten wir eher darüber nachdenken, den italienischen Weg zu gehen und die Leihmutterschaft im Ausland unter Strafe zu stellen." Die rechte Koalition unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte die Leihmutterschaft im Ausland verboten. Die Initiative Christdemokraten für das Leben sieht in Spahns Handeln einen Angriff auf die hiesige Rechtsordnung. Spahn habe wichtige politische Funktionen inne, deshalb gehe seine private Entscheidung über seine persönliche Lebenssituation weit hinaus, sagte die Bundesvorsitzende Susanne Wenzel. Spahn erwecke den Eindruck, "dass für unsere politischen Entscheidungsträger offenbar andere Maßstäbe gelten als für den Bürger". Auch die Kirchen kritisierten Spahn. Der Theologe und Ethiker Peter Dabrock, früherer Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, sagte, er finde es "bedenklich, wenn einer der mächtigsten Menschen der Republik sich in diese rechtliche Grauzone begibt". Es sei in diesem Fall "offensichtlich", dass es um soziale und finanzielle Fragen gehe. "In Kalifornien eingegangene Elternschaften werden beispielsweise in Deutschland ohne Probleme anerkannt", sagte er. Sie kosteten deutlich mehr als in der Ukraine vermittelte Leihmutterschaften, wo es entsprechende Rechtsabkommen nicht gebe. "Es geht hier also nicht nur um das Verständnis für ungewollt kinderlose und homosexuelle Paare, sondern auch die Frage, wer sich das leisten kann", sagte Dabrock. Der katholische Theologe Rupert Scheule aus Regensburg verwies auf schwierige Bedingungen bei Leihmutterschaft. Es gebe keine verminderte Wertigkeit aufgrund der Art und Weise, wie man gezeugt werde, sagte Scheule. Allerdings sei Leihmutterschaft oft mit Ausbeutung verbunden, sagte der Theologe mit Blick auf die Ukraine, wo viele Frauen, die in schwierigen Situationen lebten, angeblich freiwillig ihren Körper zur Verfügung stellten. Auch in den USA lebten viele arme Frauen, oft mit migrantischem Hintergrund. Leihmutterschaft bedeutet, dass eine Frau ein Kind für jemand anderen austrägt – meist gegen Bezahlung. In Deutschland machen sich nur Ärzte strafbar, die eine Leihmutterschaft ermöglichen. Die Leihmutter und die Wunscheltern selbst werden nicht belangt. In verschiedenen anderen Ländern ist Leihmutterschaft hingegen legal; etwa in mehreren US-Bundesstaaten oder in der Ukraine. Deshalb weichen manche deutsche Paare ins Ausland aus. Bei dem Verbot für Leihmutterschaft in Deutschland soll es aus Sicht der CDU bleiben. Eine Sprecherin verwies auf einen entsprechenden Parteitagsbeschluss vom Februar, in dem es heißt: "Angesichts ethischer, rechtlicher und praktischer Bedenken gegenüber Leihmutterschaft bekräftigt die CDU Deutschlands ihre Forderung, Leihmutterschaft – auch in altruistischen Modellen – in Deutschland weiterhin zu verbieten, um Missbrauch, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken zu verhindern." In der Vergangenheit hatte Spahn sich mehrfach kritisch zur Leihmutterschaft geäußert. 2015 sagte er als damaliger gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion dem Magazin GQ: "Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden." Als Bundesgesundheitsminister wies er im Jahr 2020 die Forderung der FDP nach einer teilweisen Legalisierung der Leihmutterschaft zurück. Transparenzhinweis: Peter Dabrock schreibt gelegentlich als Autor für die ZEIT. Seine Texte finden Sie hier.