Datum16.07.2026 16:35
Quellewww.zeit.de
TLDRDer jüngste Streit um die Falklandinseln, der durch ein Banner der argentinischen Fußballnationalmannschaft nach ihrem Sieg gegen England ausgelöst wurde, beleuchtet einen langjährigen Territorialkonflikt. Argentinien beansprucht die Inseln, die es Malvinas nennt, seit dem 19. Jahrhundert. Ein Krieg im Jahr 1982, der als Rache für die argentinische Invasion gedacht war, führte zu britischer Herrschaft und beendete die argentinische Militärdiktatur. Trotzdem bestehen die argentinischen Ansprüche fort.
InhaltArgentiniens Fußballnationalmannschaft reklamiert die Falklandinseln für ihr Land, die britische Regierung reagiert brüskiert. Wie der Falklandkrieg bis heute nachwirkt Nach ihrem Halbfinalsieg über England bei der Fußballweltmeisterschaft haben die Spieler der argentinischen Nationalmannschaft ein Banner mit der Aufschrift "Las Malvinas son argentinas" (deutsch: "Die Falkland-Inseln sind argentinisch") hochgehalten. Die britische Regierung forderte von der Fifa daraufhin eine Untersuchung und fühlte sich dazu genötigt zu betonen: "Die WM-Trophäe mag uns nicht gehören, die Falklandinseln aber definitiv." Was war da los? Um die Falkland-Inselgruppe vor der argentinischen Küste, im Argentinischen "Malvinas" genannt, gibt es schon lange Streit. Spanien beanspruchte die Insel einst für sich, seit dem 19. Jahrhundert streiten sich vor allem Argentinien und Großbritannien um die Insel. 1833 besetzte das britische Militär das Falkland, zugleich meldete Argentinien Anspruch auf die Inselgruppe an, welchen sie mit zunehmender Entkolonialisierung mit mehr Nachdruck vertrat. Die Vereinten Nationen stellten sich in den 1960er Jahren hinter Argentinien. Nach einigen Jahren der Gespräche putschte 1976 in Argentinien das Militär und verhärtete die Fronten. Anfang der 1980er-Jahre standen die Militärs innenpolitisch wegen schlechter wirtschaftlicher Lage und zunehmender Kritik an der Willkürherrschaft unter Druck. In Großbritannien kam Margaret Thatcher von den Tories an die Macht und zeigte sich weniger nachgiebig als ihre Vorgänger; der Konflikt verschärfte sich. Am 2. April 1982 begann die militärische Auseinandersetzung um die Falklandinseln. Die damals regierende argentinische Militärjunta ließ die Falklandinseln besetzen und reklamierte sie für sich. Die etwa 5.000 argentinischen Soldaten überwältigten die damals wenigen Hundert britischen Soldaten rasch. Auch die Inselgruppe Südgeorgien wurde besetzt. Thatcher beschloss, Großbritannien in den Krieg um die Falklandinseln zu führen. Sie schickte zahlreiche britische Kriegsschiffe. Eine formale Kriegserklärung gab es nicht. Rund 1.000 Soldaten starben in dem Krieg, etwa zwei Drittel waren Argentinier. Unter anderem versenkte ein britisches U-Boot den argentinischen Kreuzer General Belgrano, mehr als 300 argentinische Soldaten wurden allein bei diesem Gefecht getötet. Die Vereinten Nationen und die USA versuchten zu vermitteln, scheiterten aber. Am 14. Juni unterzeichnete der argentinische General Mario Menendez 74 Tage nach der Invasion die Kapitulationsurkunde. 11.000 argentinische Soldaten wurden gefangen genommen, mehr als 600 argentinische Soldaten und mehr als 250 britische Soldaten waren ums Leben gekommen. Die Insel wurde offiziell wieder britisch. Südgeorgien nahm Großbritannien ohne gewaltvolle Auseinandersetzungen wieder ein. Die Kriegsniederlage läutete auch das Ende der argentinischen Militärdiktatur ein. General Leopoldo Galtieri, der die Invasion der Falklandinseln angeordnet hatte und zu jener Zeit das Land regierte, trat zurück und machte den Weg für eine demokratische Regierung frei. Thatcher wurde in Großbritannien dagegen gefeiert, sie wurde wiedergewählt. Großbritannien und Argentinien nahmen erst 1989 wieder diplomatische Beziehungen auf. Für Argentinien sind die Malvinas trotz der Niederlage argentinisch, das Land erhebt weiter Anspruch auf die Inselgruppe. Einen offenen Konflikt hat es seither aber nicht mehr gegeben. Nichtsdestotrotz belastet die Falklandfrage nach wie vor die diplomatischen Beziehungen der beiden Länder. Argentiniens Fußballer sahen sich angesichts der fußballerischen Auseinandersetzung mit England offenbar dazu veranlasst, den alten Konflikt wieder sichtbar zu machen: Nach ihrem Sieg im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft gegen Endland hielten sie ein Banner hoch, auf dem stand: "Die Falklandinseln sind argentinisch". Das kam nicht ganz unerwartet: Die US-Behörden hatten das Halbfinale als Hochrisikoereignis eingestuft. Vor dem Spiel waren bereits Vorkehrungen wegen möglicherweise aggressiver Fans getroffen worden, um Zusammenstöße zu verhindern. Argentinische Veteranen des Falklandkrieges hatten vor dem WM-Halbfinale gegen England zu Zurückhaltung gemahnt. "Sport ist kein Krieg: Das Halbfinalspiel ist ein Sportereignis von weltweiter Tragweite, keine bewaffnete Revanche und keine historische Kompensation", hieß es in einem Brief des Verbandes der Kriegsveteranen 2. April. Trotzdem riefen sie auch zu einer gewissen Politisierung des Spiels auf: "Möge der Fußball eine Brücke sein, um die Malvinas-Frage zu thematisieren und die Welt daran zu erinnern, dass unser Anspruch nach wie vor aktueller denn je ist", schrieben sie. Die britische Regierung zeigte sich von der Aktion der Fußballer provoziert. "Wir erwarten von der Fifa, dass sie das untersucht", sagte der britische Wirtschaftsminister Peter Kyle der BBC. Politik müsse aus dem Fußball herausgehalten werden. Die Fifa verbietet Spielern und Offiziellen bei Weltmeisterschaften und anderen Wettbewerben eigentlich, politische Botschaften zu präsentieren. Dem argentinischen Team könnte damit Ärger drohen. Bislang äußerte sich die Fifa nicht zu dem Vorfall. Der Sprecher des britischen Premierministers Keir Starmer sagte zu der Provokation: "Die WM-Trophäe mag uns nicht gehören, die Falklandinseln aber definitiv." Argentiniens Vizepräsidentin sieht das anders. "Wir spielen gegen die Piraten-Usurpatoren. Das ist kein Spiel wie jedes andere", hatte Victoria Villarruel noch vor dem Spiel auf X geschrieben und angekündigt: "Ich werde nicht politisch korrekt sein oder mich zurückhalten. Gegen die Engländer geht es um mehr." Villarruels Vater hatte im Krieg um die Falklandinseln gekämpft. Versöhnlichere Töne schlug nach dem Spiel dagegen Argentiniens Präsident Javier Milei an. "Fußball und der Falklandkonflikt dürfen nicht vermischt werden", sagte Milei im Radiosender Radio Mitre, ohne die Spieler explizit zu erwähnen. Die Falklandinseln würden durch "kluge Diplomatie gewonnen, nicht durch billige patriotische Gesten. Wir machen diplomatisch enorme Fortschritte. Es ist uns gelungen, die UN dazu zu bewegen, England zu Gesprächen mit uns zu zwingen. Aber lassen wir uns nicht täuschen, es ist nur ein Fußballspiel." Die Fußballer des Landes haben den Konflikt mit ihrem Banner gleichwohl neu angeheizt.