Datum16.07.2026 14:29
Quellewww.spiegel.de
TLDRNacktmull-Königinnen sichern ihre Fortpflanzungshoheit durch einen speziellen Geruchsstoff (Isopropylmyristat). Dieser chimique Stoff, der nur von Königinnen abgesondert wird, bewirkt, dass andere Weibchen unfruchtbar bleiben. Fehlt dieser Duft, kommt es zu Kämpfen um die Vormachtstellung. Diese Entdeckung erklärt, warum nur eine Königin pro Kolonie Nachwuchs zeugt, was ein langjähriges Rätsel löst. Nacktmulle leben in komplexen Kolonien mit strenger Hierarchie.
InhaltIm unterirdischen Hofstaat der Nacktmulle herrscht strenge Ordnung. Forschende haben entdeckt, mit welch überraschendem Trick die Königin ihre Vormachtstellung sichert. Mit einem speziellen Geruchsstoff sorgen Nacktmull-Königinnen dafür, dass es in ihrem Staat nicht zu Konkurrenzkämpfen kommt. Der Duft der Monarchin stelle sicher, dass nur sie selbst sich fortpflanzen kann – selbst, wenn sie vorübergehend nicht in ihrer Kolonie ist. Das berichtet ein Forschungsteam um Gary Lewin vom Max Delbrück Center (MDC) in Berlin in der Fachzeitschrift "Nature". Die Studie sei ein "Game Changer", sagt Melissa Holmes, Verhaltensneurowissenschaftlerin an der Universität Toronto in Kanada laut "Nature" , weil sie "ein langjähriges Rätsel" erkläre: warum in einer Kolonie nacktmullartiger Ratten nur ein einziges Weibchen Nachwuchs bekommt. Nacktmulle sind eine ostafrikanische Säugetierart. Sie werden bis zu 15 Zentimeter lang und mitunter über 30 Jahre alt. Die Tiere haben eine kaum sichtbare Behaarung, außerdem auffallend große Schneidezähne zum Graben sowie Tasthaare. Ihre Augen und Ohren sind hingegen winzig. Die Tiere gehören laut den Forschenden zu den wenigen Säugern, die eine Königin haben, wie Ameisen oder Bienen in festen Kolonien leben, gemeinsam Futter beschaffen, den Nachwuchs aufziehen und sich zusammen Aufgaben für die Gemeinschaft widmen. "Für unsere aktuelle Studie wollten wir herausfinden, über welche biologischen Mechanismen die Königin ihre Alleinherrschaft aufrechterhält", erklärt Neurowissenschaftler Lewin. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten vermutet, dass Duftstoffe eine Rolle spielen, auch weil Nacktmulle Tiere der eigenen und einer fremden Kolonie am Geruch unterscheiden können. Lewin und sein Team fanden heraus, dass ausschließlich die Königinnen die Chemikalie Isopropylmyristat verströmen. Für Menschen ist die Substanz geruchlos, für Nacktmulle nicht. Mit Methoden, die die Durchblutung und damit die Aktivität einzelner Hirnregionen erfassen, habe das Team nachweisen können, dass die Tiere die Substanz wahrnehmen und verarbeiten können, erläutert Mohammed Khallaf, Erstautor der Studie und ebenfalls Forscher am MDC. Wenn eine Königin sterbe oder die Kolonie verlasse, ihr Geruch also nicht mehr vorhanden sei, komme es innerhalb weniger Tage zu heftigen Kämpfen und neuen Sexualkontakten, erklären die Wissenschaftler. Versprühten die Forscher täglich Isopropylmyristat, herrsche hingegen Harmonie in der Gruppe. Die Substanz bewirkt demnach, dass alle anderen Weibchen der Kolonie unfruchtbar bleiben. So stellt die Königin sicher, dass nur sie selbst sich fortpflanzen kann. Lewin erforscht die Biologie der Nacktmulle seit etwa 25 Jahren. Am Max Delbrück Center leben den Angaben zufolge rund 450 Tiere in Tunnelsystemen, ähnlich wie in ihrer Heimat. Nacktmulle sind aus medizinischer Sicht äußerst interessant: Sie werden für Nagetiere uralt, erkranken fast nie an Krebs und empfinden wenig Schmerzen.