Fußball-WM heute: Die Revanche für die Revanche für die Revanche

Datum15.07.2026 17:15

Quellewww.zeit.de

TLDRDas WM-Halbfinale England gegen Argentinien ist historisch aufgeladen aufgrund vergangener Rivalitäten. Lionel Messi, Argentiniens Schlüsselspieler, ist trotz langsamer Spielweise gefährlich. England setzt auf die Laufleistung von Elliot Anderson. Thomas Tuchel wird für seine Ausstrahlung gefeiert. Eine NGO fordert eine Untersuchung gegen FIFA-Präsident Infantino wegen möglicher IOC-Regelverstöße. Die neuseeländische Hymne wird vorgestellt, ebenso wie kontroverse Fan-Kommentare und eine Anekdote über Thomas Tuchel.

InhaltDer Sieger von England gegen Argentinien darf ins WM-Finale gegen Spanien. Bühne frei für eine der ganz großen Rivalitäten des internationalen Fußballs. England gegen Argentinien: Wenn das gestrige Halbfinale für viele schon das vorgezogene Finale war, ist das heutige in Atlanta (21 Uhr, ARD/MagentaTV) vielleicht das historisch meistaufgeladene Spiel der WM-Geschichte. 1966 schlugen die Engländer Argentinien auf dem Weg zu ihrem einzigen WM-Titel. 20 Jahre (und zwei Monate Krieg um die Falklandinseln) später rächten sich die Argentinier. Diego Maradona schlug erst mit der Hand Gottes zu, und nur wenige Minuten später landete er den K.-o.-Punch, indem er fünf englische Verteidiger und den Torwart umkurvte und das beste WM-Tor aller Zeiten schoss. In seiner Autobiografie El Diego schrieb Maradona später: "Obwohl wir vor dem Spiel sagten, dass Fußball nichts mit dem Falkland-Krieg zu tun habe, wussten wir, dass viele argentinische Kinder dort gestorben waren, abgeschossen wie kleine Vögel. Das hier war die Revanche." Seit jenem Spiel 1986 hat die englisch-argentinische WM-Historie noch einige Kapitel hinzubekommen: David Beckhams Rote Karte 1998 zum Beispiel oder sein wiedergutmachendes Siegtor in der Gruppenphase vier Jahre später. Wer ist denn jetzt eigentlich dran mit Revanche? Bei so viel Geschichte verliert man schon mal den Überblick. Lionel Messi. Überraschung. Aber es ist nun mal so: Das erste argentinische Nicht-Messi-Tor fiel erst im dritten Gruppenspiel, als es um nichts mehr ging. Messi traf dann auch in den ersten beiden K.-o.-Spielen – gegen Kap Verde im Sechzehntel- und gegen Ägypten im Achtelfinale. Erst in der letzten Runde gegen die Schweiz entschieden andere das Spiel. Ohne eine weitere Glanzleistung von La Pulga, dem Floh, wird es für die Argentinier gegen England schwer. Doch wenn sie jetzt denken, man müsste Messi heute Abend also sprinten, springen, kämpfen sehen, liegen sie falsch. Am gefährlichsten ist er nämlich, wenn er spaziert, wie mein Kollege Christian Spiller schreibt. Und das tut Messi mehr als jeder andere Spieler bei dieser WM. Bis zum Viertelfinale schlenderte er 63 Prozent seiner Bewegungszeit nur umher, hat The Athletic ausgerechnet. Die Engländer, die viel laufen und für sich beanspruchen, eine der kämpferischsten Mannschaften zu sein, sollten aufpassen, nicht von einem Spaziergänger überrollt zu werden. Elliot Anderson. 135 Millionen Euro hat Manchester City während dieser WM an Nottingham Forest überwiesen, damit der nun teuerste englische Spieler aller Zeiten den Rasen im Etihad Stadium plattläuft. Denn während Declan Rice vor der Abwehr staubsaugt, Harry Kane die Tore schießt und Jude Bellingham in jeder Hinsicht fantastisch aussieht, lautet Andersons Aufgabe bei dieser WM: laufen, laufen, laufen. 14,8 Kilometer rannte der Sechser im Viertelfinale gegen die Norweger, spielte nebenbei aber auch 87 Pässe mit 94-prozentiger Erfolgsquote. Zwar nicht ganz Toni-Kroos-Level, aber dafür mit deutlich höherem Kilometerstand. Eine von Andersons größten Stärken ist seine Vielseitigkeit. Keine schlechte Eigenschaft unter einem Trainer, der gerne mal Aufstellung und Aufgabenverteilung umherschiebt. Gegen Norwegen kam er so innerhalb von 120 Minuten auf vier verschiedenen Positionen zum Einsatz. Laufen tat er auf jeder. Vielleicht doch noch einen Titel gewinnen. Auch wenn Thomas Tuchel nicht Weltmeister werden sollte (Konjunktiv!), könnte ihm Ende des Jahres dennoch ein Titel sicher sein: Britain’s Sexiest Man! Eine wichtige Zielgruppe hat Tuchel schon hinter sich: die englischen Mütter. Denn auf Momsnet, dem größten britischen Portal für Fragen rund ums Elternsein (weswegen auch nur ein Elternteil im Namen steht), fallen die Verehrerinnen des Nationaltrainers seit Tagen in digitale Ohnmacht. Nicht nur wegen Tuchels good looks (auch wenn sein lovely smile häufig als Argument fällt), sondern vor allem, weil er smart sei, ehrgeizig und voller Intensität (diese Augen!) Und weil er seine Spieler nicht infantilisiere, sondern zurechtweise, wenn die Leistung nicht gestimmt habe. Eine autoritäre Vaterfigur, das zieht! Was bloß im Elternforum los ist, wenn Tuchels Ausraster aus alten Mainz-Tagen dort die Runde macht... Falls Fifa-Präsident Gianni Infantino hoffte, die Balogun-Affäre würde vorüberziehen wie ein abendliches Sommergewitter, hat er sich geirrt. Die Nichtregierungsorganisation Fairsquare hat beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine Untersuchung angeregt, ob Infantino an der Entscheidung, die Rote Karte von Folarin Balogun aufzuheben, beteiligt war. Infantino bestreitet den Vorwurf. Der Fifa-Präsident ist seit 2020 Mitglied des IOC und sagte als solcher bei seiner Vereidigung: "Ich werde immer unabhängig von kommerziellen oder politischen Interessen sowie rassischen oder religiösen Erwägungen handeln." Fairsquare, eine gemeinnützige Organisation, die sich unter anderem für besseres und demokratischeres Führungsverhalten im Sport einsetzt und bereits vor der WM eine Beschwerde gegen Infantino eingelegt hatte, sieht das anders. Infantino habe die IOC-Regeln zu politischer Neutralität mehrfach verletzt, indem er US-Präsident Trump durch Statements klar unterstützt habe. Die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass das Olympische Komitee Vorwürfen nachgehen würde, sollte eine Beschwerde eingereicht werden. Dann mal an die Arbeit! Unsere hausinterne Hymnenexpertin und Autorin Christina Rietz hört sich zur WM durch die Hymnen der teilnehmenden Nationen. In jedem Newsletter stellt sie Ihnen eine neue vor. Nun neigt sich die WM ihrem Ende zu und mit ihr unser Hymnenvorrat. Heute via Commonwealth-Verbindung zumindest ein bisschen am Halbfinale beteiligt: Neuseeland. In "God Defend New Zealand" geht es – Surprise! – um Gott, der das Land schützen soll. Nun denn! Die Melodie klettert gleichmäßig rauf oder runter. Alle paar Takte wiederholen sich die Phrasen auf nahezu exakte Weise. Gesungen werden fast ausschließlich Terzen oder Sekunden. Puh. Spannender als die recht langweilige australische Hymne, aber dennoch verdammt repetitiv. Aufregend ist, dass der erste Teil der neuseeländischen Hymne auf Maori intoniert wird, danach kommt der inhaltlich beinahe identische englische Teil. Es wird der gute Gott angerufen, das freie Neuseeland zu beschützen. Interessant: Im Text geht es um den "pazifischen Dreifachstern", Pacific’s triple star. Damit sind die drei Hauptinseln Neuseelands gemeint. (Christina Rietz hat sich ausführlich Gedanken über die Hymne als Identitätserzählung eines Landes gemacht. Und hier finden Sie noch mal alle ihre Hymnentexte.) "Könnte man die zweite Halbzeit nicht erst an Thanksgiving oder zu Weihnachten spielen? Das hält die Spannung hoch, ermöglicht eine längere Werbepause und die Spieler wären ausgeruhter. Gianni, frag mal deine Gremienlakaien …" (ZEIT-User:in Ziehung der Lottozahlen ist angesichts der angekündigten Verlängerung der Halbzeitpause im WM-Finale optimistisch, was die Zukunft des Sports angeht.) "Du musst kein Pferd sein, um ein guter Jockey zu sein." (Thomas Tuchel borgt das berühmte Zitat von Arrigo Sacchi, um seine verbale Auseinandersetzung mit Jude Bellingham beizulegen. Dieser hatte nach dem Norwegenspiel nach Kritik von Tuchel gesagt, dieser wisse wohl nicht, wie es sei, unter den Bedingungen eines Viertelfinales zu spielen. Aber reiten kann er!)