Datum15.07.2026 14:16
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie JIM-Plus-Studie zeigt, dass Jugendliche Social Media als Achterbahnfahrt erleben, geprägt von schnellem Austausch, aber auch Belastungen wie Mobbing, Hass und Fake News. Soziale Beziehungen im realen Leben sind wichtiger für ihr Wohlbefinden. Mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich durch Social Media abgelenkt oder verschwendet ihre Zeit. Unsicherheit wegen KI-Inhalten und nachlassende Konzentration sind häufige Probleme. Die Studie fordert strengere Regeln und diskutiert ein Aufenthaltsalter für soziale Medien.
InhaltIntensiver Austausch und schnelle Informationen – aber auch Hass, Mobbing, Fake News und drastische Bilder: Für Jugendliche ist Social Media einer Studie zufolge eine ständige Achterbahnfahrt. Ungewollte Nacktbilder, Mobbing und drastische Gewaltdarstellungen empfinden Jugendliche beim Scrollen durch Social Media als besonders belastend. Der Kontakt mit problematischen Inhalten ist für viele längst Teil ihrer Lebenswelt. Das geht aus der in Mainz vorgestellten repräsentativen JIM-Plus-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest hervor . Die Studie hat das digitale Wohlbefinden 14- bis 17-Jähriger in Deutschland untersucht und bezeichnet ihren Umgang mit Social Media als einen "Drahtseilakt zwischen Inspiration und Belastung". Das Auf und Ab von positiven und belastenden Erfahrungen gleiche für viele einer Achterbahnfahrt. Soziale Beziehungen mit Freunden, im Sport und in der Familie spielen für das persönliche Wohlbefinden der Befragten eine zentrale Rolle. Auf Social Media unterwegs sein, nennt nicht einmal jeder Fünfte als eine von drei Top-Wohlfühlaktionen. Bei Sorgen und Belastungen greifen Jugendliche demnach vor allem zu Musik und suchen Gespräche mit vertrauten Personen. Nur zwölf Prozent nutzen den Austausch mit KI-Chatbots. Social Media als Ablenkung ist vorwiegend für Mädchen und über 16-Jährige eine Strategie – jeweils für mehr als die Hälfte. 72 Prozent geben an, dass Social Media sie von Dingen ablenkt, die sie eigentlich tun sollten. 55 Prozent berichten, ihnen fehle dadurch Zeit für Erholung und Freizeitaktivitäten; genauso viele haben das Gefühl, ihre Zeit auf Social Media zu verschwenden. 61 Prozent sind wegen der KI-Inhalte verunsichert, was real ist und was nicht. Und 40 Prozent haben das Gefühl, ihre Konzentration lasse nach. Fast zwei Drittel der Nutzenden vergleichen sich automatisch mit anderen. Gut die Hälfte hat dabei den Eindruck, "dass andere ein besseres Leben führen als ich". Mädchen nutzen soziale Netzwerke demnach häufiger als Jungen, berichten zugleich aber auch häufiger von Vergleichsdruck und geben deutlich öfter an, sich im eigenen Körper unwohl zu fühlen Social Media und dabei vor allem YouTube, Instagram, TikTok und Snapchat spielen für das digitale Wohlbefinden junger Menschen die zentrale Rolle. Die Nutzung der Plattformen ist derzeit die verbreitetste Onlineaktivität unter Jugendlichen, wie die Studie feststellt. Die Plattformen bieten 82 Prozent einen wichtigen Zugang zu Wissen. Und etwa die Hälfte berichtet, sich dort verstanden zu fühlen. Am häufigsten begegnen Jugendliche im Internet der Studie zufolge Fake News (71 Prozent), extremen politischen oder religiösen Inhalten (43 Prozent) sowie Hatespeech (40 Prozent). Inhalte, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen, belasten sie neben Nacktbildern, Mobbing und Gewaltdarstellungen am stärksten. Die meisten Jugendlichen reagieren auf problematische Inhalte mit Weiterscrollen. Etwa jeder Dritte gibt an, sich an solche Inhalte auf Social Media gewöhnt zu haben. Nur etwa ein Viertel meldet den Plattformen problematische Beiträge. Am häufigsten werden problematische Inhalte mit TikTok in Verbindung gebracht. "Obwohl die Plattform im Vergleich zu anderen Diensten am kritischsten bewertet wird, ist sie auf Platz zwei der Dienste, die die Jugendlichen am meisten vermissen würden", stellt die Studie fest. Bei Mädchen sogar auf Platz eins. TikTok hat mit 13 Prozent auch den höchsten Anteil an sehr intensiven Nutzenden (mehr als drei Stunden pro Tag). In Deutschland werden immer wieder Social-Media-Beschränkungen gefordert. Nach Vorstellung von Experten der EU-Kommission sollten Kinder unter 13 Jahren einen beschränkten Zugang zu sozialen Medien haben. Ab 13 Jahren sollten sie dann zunehmend selbstständig Zugang zu altersentsprechenden Social-Media-Angeboten bekommen. Solche Zugänge sollten aber standardmäßige Sicherheitsvorkehrungen haben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich für schrittweisen Zugang für verschiedene Altersgruppen ausgesprochen. Es herrsche bereits Einigkeit darüber, dass es ein Mindestalter geben müsse, ab dem Kinder soziale Medien nutzen dürften, hatte sie Anfang der Woche in Brüssel bei der Vorstellung der Experten-Empfehlungen gesagt. Sie kündigte einen Vorschlag der Brüsseler Behörde nach dem Sommer an. Mehr als die Hälfte der Befragten steht einem Verbot skeptisch gegenüber, "weil es sehr einfach ist, dieses zu umgehen". Zugleich sind 43 Prozent der Meinung, dass Social Media für alle unter einem bestimmten Alter verboten sein sollte. Die Mehrheit der Plattformnutzenden empfiehlt rückblickend zumindest ein höheres Einstiegsalter, als sie es selbst bei der ersten Nutzung hatten. 47 Prozent der Befragten beneiden gar die Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind – vor allem Mädchen (52 Prozent). In der aktuellen Verbotsdebatte sieht nicht einmal jeder Zehnte die Perspektive von Jugendlichen als ausreichend berücksichtigt. Die Studie ist eine Ergänzung der seit 1998 jährlich veröffentlichten JIM-Studien zum Medienverhalten Jugendlicher in Deutschland. JIM steht für Jugend, Information und Medien. Zum Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest gehören die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und die Medienanstalt Rheinland-Pfalz, in Zusammenarbeit mit dem SWR.