Spanien und Gibraltar heben Grenzkontrollen auf

Datum15.07.2026 06:37

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Grenzkontrollen zwischen Spanien und Gibraltar sind aufgehoben. Dies markiert das Ende einer nahezu 120-jährigen Trennung durch einen Metallzaun und steht im Einklang mit den Regeln des Schengenraums. Ermöglicht wurde dieser historische Schritt durch ein EU-Großbritannien-Abkommen, das nach dem Brexit Verhandlungen zur Erleichterung des Grenzverkehrs führte. Davon profitieren vor allem die 15.000 Pendler täglich, deren Wartezeiten einst Stunden betragen konnten. Der symbolträchtige Zaun wird abgebaut. Der Souveränitätsstreit zwischen Spanien und Großbritannien um Gibraltar bleibt jedoch ungelöst.

InhaltFast 120 Jahre lang war die britische Exklave Gibraltar von Spanien durch einen Metallzaun und verpflichtende Grenzkontrollen getrennt. Nun ist das Geschichte. Grenzgänger sprechen vom Ende einer "Tortur". Historisches Ereignis im äußersten Süden der Iberischen Halbinsel: An der Grenze zwischen Spanien und dem britischen Gebiet Gibraltar sind in der Nacht zum Mittwoch die Regeln des Schengenraums in Kraft getreten. Kurz nach Mitternacht überquerten erstmals Dutzende Passanten und Fahrzeuge die Grenze ohne Kontrollen. Hunderte Menschen hatten sich für den historischen Moment mit den Flaggen Spaniens und Großbritanniens an der Grenze versammelt. "Europa ist zurück", sagte Gibraltars Regierungschef Fabian Picardo. Der Abbau des im Jahr 1908 errichteten, symbolträchtigen und etwa einen Kilometer langen Metallzaunes soll schon diese Woche beginnen. Mit den Rückbauarbeiten eines Checkpoints hatte Spanien bereits zuletzt begonnen. Möglich wurde der Schritt durch das im Februar vereinbarte Abkommen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien, das am Mittwoch in Kraft trat. Ab sofort sollen Personen und Waren den Landübergang ohne die bisherigen Kontrollen passieren können. Gibraltar soll dafür eng an den Schengenraum und an neue Zollregelungen mit der EU angebunden werden. Passkontrollen wird es nur auf dem Flughafen und dem Hafen Gibraltars geben. Von den Änderungen profitieren vor allem die mehr als 15.000 Grenzpendler, die täglich zwischen der strukturschwachen spanischen Stadt La Línea de la Concepción in der andalusischen Provinz Cádiz und Gibraltar unterwegs sind, etwa um dort zu arbeiten. Sie mussten häufig, insbesondere in der Hauptverkehrszeit, lange Wartezeiten an der Grenze in Kauf nehmen. Im spanischen TV-Sender RTVE berichtete etwa eine spanische Arzthelferin, die seit 30 Jahren nach Gibraltar pendelt, wie der Wegfall der Grenzkontrollen ihren Alltag erleichtern werde. "Ich musste schon mal drei, vier Stunden warten, an manchen Tagen sogar länger, bis zu sieben Stunden. Die Tortur hat endlich ein Ende", sagte die Frau laut der Nachrichtenagentur dpa. Paradoxerweise ebnete ausgerechnet der Brexit den Weg für das Abkommen. Obwohl sich beim Referendum 2016 rund 96 Prozent der 34.000 Einwohner Gibraltars für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatten, musste das britische Überseegebiet die Union gemeinsam mit Großbritannien verlassen. Nach jahrelangen Verhandlungen verständigten sich die Beteiligten schließlich auf einen Kompromiss, der den Grenzverkehr erleichtert, ohne aber den Souveränitätsstreit zu lösen. Spanien betrachtet Gibraltar am Südzipfel des Landes weiterhin als "Kolonie" und als illegal besetztes Gebiet. "Das Abkommen sichert langfristig den Personen- und Warenverkehr über die Grenze, während es die Souveränität des Vereinigten Königreichs und Gibraltars verfassungsrechtliche Position schützt", sagte eine Sprecherin des britischen Premierministers Keir Starmer. Das nur 6,5 Quadratkilometer große Gebiet – etwa so groß wie die ostfriesische Insel Baltrum – ist bekannt für seine frei lebenden Berberaffen und den Felsen Rock of Gibraltar. Die Territorialfrage sorgt seit mehr als drei Jahrhunderten für Streit zwischen Madrid und London. Gibraltar wurde 1704 vom Großbritannien in Besitz genommen und 1713 von Spanien im Rahmen des "Friedens von Utrecht" abgetreten.