100 Jahre alte Waldsiedlung: Hoffnung in Berlin: Papageiensiedlung bald Welterbe?

Datum15.07.2026 05:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Berliner „Papageiensiedlung“ könnte bald Unesco-Welterbe werden. Die farbenfrohe Waldsiedlung Zehlendorf, erbaut im Bauhausstil zwischen 1926 und 1932, gilt als revolutionär und sollte bezahlbaren Wohnraum schaffen. Sie wurde bereits 2008 für die Welterbeliste nominiert, fiel aber durch schlechten Erhaltungszustand durch. Eine mögliche Aufnahme bringt Hoffnungen, aber auch Befürchtungen über steigende Mieten und strengere Auflagen mit sich. Die Entscheidung wird im Rahmen der Unesco-Tagung in Südkorea erwartet.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „100 Jahre alte Waldsiedlung“. Lesen Sie jetzt „Hoffnung in Berlin: Papageiensiedlung bald Welterbe?“. Sie umfasst viel Grün, ist auch sonst sehr farbig und hat einen witzigen Namen: Die Papageiensiedlung im Südwesten Berlins, offiziell Waldsiedlung Zehlendorf genannt und Heimat von 4.000 Menschen, steht kurz vor der Aufnahme in das Unesco-Welterbe.  Am Sonntag (19. Juli) startet im südkoreanischen Busan die 48. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees, auf der dann rund zehn Tage später die Entscheidung über die bedeutende Auszeichnung erwartet wird. "Jetzt heißt es Daumen drücken", sagt Berlins Bausenator Christian Gaebler (SPD). Die Waldsiedlung wird von 1926 bis 1932 von der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Gehag im Bauhausstil errichtet und ist damals eine der größten und bedeutendsten in Deutschland. Die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolph Salvisberg setzen - gegen teils heftigen Widerstand konservativer Kreise - ihre Vision einer Wohnanlage um, die als revolutionär gilt. Sie verbinden moderne, offene Architektur in einem von Grünflächen und Bäumen geprägten Umfeld mit dem sozialen Anspruch, bezahlbaren Wohnraum für breite Schichten zu schaffen. "Wald, Licht, Luft, Sonne" - so beschreibt Ute Scheub das Siedlungskonzept, die ein Buch über die 100-jährige Geschichte herausgebracht hat und selbst dort wohnt. 1.100 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern entstehen, 2,5 Zimmer, dazu etwa 800 Reihenhäuser, je fünf Meter breit mit bis zu drei Etagen.  Gelbe, blaue, grüne oder bordeauxrote Fassaden, dreifarbige Fensterrahmen, farbenfrohe Eingangstüren, kleine Balkone, große Innenhöfe mit Birken, kleine Gärten - die Gestaltung der Häuser sorgt in einer Zeit, in der gerade die einfachen Städter in grauen Mietskasernen mit düsteren Hinterhöfen wohnen, für Schlagzeilen. Der Name Papageiensiedlung geht auf ihre Buntheit zurück und macht schnell die Runde. Ein Politikum sind die Flachdächer. Aufgeregte Debatten darüber, ob das überhaupt deutsch sei, gipfeln im "Zehlendorfer Dächerkrieg": Direkt neben der Siedlung, teils praktisch auf der anderen Straßenseite, ziehen andere Bauherren Häuser mit traditionellen Spitzdächern hoch. Neue Ideen, Vielfalt und gestalterische Auflockerung setzen sich in der übrigen Formgebung der Gebäude der Papageiensiedlung sowie ihrer Positionierung an gebogenen Straßen und Sträßchen fort. So wirkt selbst der "Peitschenknall", ein 450 Meter langer Wohnblock an der Argentinischen Allee, nicht übermächtig. Die Wohnungen selbst warten seinerzeit mit neuen Ausstattungsmerkmalen wie Speisekammern auf und können mit Hilfe der in mehrere Richtungen geöffneten Fenster richtig durchgelüftet werden.  "Am Wochenende pilgerten die Berliner in Scharen nach Zehlendorf, um die Siedlung zu begutachten", erzählt Scheub. Ab 1931 geht das mit der neuen U-Bahn zur Krummen Lanke, der U-Bahnhof Onkel Toms Hütte wartet sogar mit einer Ladenstraße zur Nahversorgung der Bewohner auf.  Wer kann, zieht in die Siedlung, die dann aber doch nicht für ausnahmslos jeden erschwinglich ist: kleine Beamte, Polizisten, Handwerker, Gewerkschafter. Auch Künstler und Prominente leben zeitweise hier, hat Hobbyhistorikerin Scheub recherchiert: Schauspieler Theo Lingen etwa, der Schriftsteller Johannes R. Becher oder der SPD-Politiker und Nazi-Gegner Julius Leber. Die Ladenstraße im U-Bahnhof gibt es bis heute, allerdings hat sich die Siedlung verändert. Um die Jahrtausendwende verscherbelt die klamme Hauptstadt ihr Tafelsilber, in dem Zuge wird die Gehag privatisiert. Die Reihenhäuser gehen an Privatleute, teils die bisherigen Mieter. Viele der übrigen Wohnungen landen über Hedgefonds schließlich beim Konzern Deutsche Wohnen, der mittlerweile zu Vonovia gehört. "Durch den Verkauf der einst gemeinnützigen Siedlung an private Investoren spielen unsere Anliegen kaum mehr eine Rolle in einer rein gewinnorientierten Wohnungsbewirtschaftung", beklagt Barbara von Boroviczeny, die seit Jahrzehnten hier lebt und sich in einer Mieterinitiative engagiert. Das sei nicht im Sinne von Taut & Co. Viele Menschen lebten gerne hier und seien stolz auf die Geschichte ihrer Siedlung. Aber: "Viele Bewohner sind verunsichert", sagt sie. Ihre Befürchtung: Sollte die Siedlung durch Aufnahme ins Unesco-Welterbe eine Aufwertung erfahren, treibe das die Mieten weiter in die Höhe. Die Deutsche Wohnen versucht zu beruhigen: "Es besteht kein Zusammenhang zwischen Denkmalschutz oder gar Welterbe-Status und der Miethöhe", so ein Sprecher. Auch viele Hauseigentümer sind zwiegespalten. Schon jetzt gelten hohe Denkmalschutzauflagen. Die Bewohner seien dabei kaum beteiligt worden, sagt Ute Scheub, die ein Reihenhaus bewohnt. Selbst das Anbringen eines Rollos am Fenster könne Denkmalschützer auf den Plan rufen. Was nach einer möglichen Aufnahme ins Unesco-Welterbe folge, sei offen. "Es gibt Unterstützung für die Nominierung, aber auch große Bedenken", sagt Scheub. Nominierung? Genaugenommen handelt es sich um eine Nachnominierung. Denn sechs andere sogenannte Siedlungen der Berliner Moderne, darunter die bekannte Hufeisensiedlung im Bezirk Neukölln oder die Weiße Siedlung in Reinickendorf, wurden bereits 2008 ins Unesco-Welterbe aufgenommen.  Die Papageiensiedlung fiel wegen ihres damals schlechten Erhaltungszustands raus. Das soll sich nun ändern und die Reihe der Berliner Welterbestätten erweitern, zu denen auch die Museumsinsel und die Preußischen Schlösser und Gärten in der Hauptstadt und in Potsdam gehören.  Insgesamt stehen laut Unesco weltweit 1.248 Kultur- und Naturstätten in 170 Staaten auf der aktuellen Welterbeliste. 55 davon befinden sich in Deutschland, darunter so unterschiedliche Stätten wie die Schlösser König Ludwigs des II. von Bayern mit Neuschwanstein, die Höhlen mit Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb oder das Augsburger Wassermanagement. Neu nominiert für die Unesco-Versammlung in Südkorea sind weltweit 30 Vorschläge. Dabei sind neben der Waldsiedlung Zehlendorf unter anderem das Teatro Amazonas in Manaus und das Teatro da Paz in Belém in Brasilien und die alliierten Landungsstrände von 1944 in der Normandie in Frankreich. © dpa-infocom, dpa:260715-930-386247/1