NS-Raubkunst: Bayern reagiert mit Forschungszentrum und Picasso-Rückgabe

Datum14.07.2026 16:19

Quellewww.spiegel.de

TLDRBayern richtet ein Zentrum für Provenienzforschung ein, um den Umgang mit NS-Raubkunst zu verbessern. Gleichzeitig wird die Picasso-Büste "Fernande/Beatrice" an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim restituiert. Dies erfolgt nach Kritik an mangelnder Transparenz und Verzögerungen bei der Aufklärung früherer Fälle. Eine unabhängige Kommission soll künftig Empfehlungen zur Restitution geben, während das Zentrum die wissenschaftliche Forschung leistet.

InhaltIn München soll ein Zentrum für Provenienzforschung entstehen. Damit reagiert der Freistaat auf den Skandal, der 2025 um Raubkunst in staatlichen Sammlungen entbrannt war. Zugleich wird eine Picasso-Büste restituiert. Rund ein Jahr nach dem Wirbel  um den Umgang mit NS-Raubkunst in Bayern stellt sich der Freistaat bei diesem Thema neu auf. Man werde am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München ein wissenschaftliches Zentrum für Provenienzforschung und Restitutionsfragen NS-Raubgut einrichten, sagte Kunstminister Markus Blume (CSU) nach einer Kabinettssitzung. Hinzukomme eine unabhängige Kommission. Die letzte Entscheidung über eine Rückgabe an Opfer des groß angelegten Kunstraubs der Nationalsozialisten soll aber laut Blume beim Freistaat bleiben. Blume kündigte auch gleich eine Restitution an: Die Erben des jüdischen Kunsthändlers und Sammlers Alfred Flechtheim sollen die Bronze-Büste "Fernande/Beatrice" von Pablo Picasso zurückerhalten. Noch 2024 sei ein Restitutionsgesuch abgelehnt worden, sagte Blume. Nun gebe es aber die Schiedsgerichtsbarkeit NS-Raubgut, die seit 1. Dezember angerufen werden kann. Deren neuer Bewertungsrahmen habe die Rückgabe ermöglicht. "Es ist längst überfällige Gerechtigkeit für das jüdische Naziopfer Alfred Flechtheim", sagte Markus Stötzel, Anwalt des Flechtheim-Nachlasses. Die Restitution des bereits 1933 enteigneten Werkes könne jedoch nur der Anfang sein. Viele weitere Kunstwerke Flechtheims befänden sich im Besitz der bayerischen Staatsgemäldesammlungen und anderer deutscher öffentlicher Museen, darunter zwei Gemälde von Paul Klee. Einige Ansprüche seien bereits 2008 angemeldet worden. In Bayern hofft man nun, solche Fälle künftig schneller bearbeiten zu können. Immerhin ist es schon mehr als 80 Jahre her, dass die Nationalsozialisten den oft jüdischen Sammlern Kunstwerke raubten oder unter Zwang abpressten. Blume sprach von einem "deutschlandweit einzigartigen und beispielgebenden Weg" in der Forschung und wissenschaftlichen Bewertung von NS-Raubgut. Wie der Freistaat mit solchen Werken umging, war vor etwas mehr als einem Jahr heftig kritisiert worden. Von fehlender Transparenz und Verschleppung bei der Aufklärung war die Rede. Insbesondere die Staatsgemäldesammlungen hätten "echt Schlagseite" bekommen und seien herausgefordert worden durch Anschuldigungen und offene Fragen, sagte Blume. In der Folge gab es eine gründliche Untersuchung und einen runden Tisch, der die bisherige Praxis unter die Lupe nahm und etliche Verbesserungen vorschlug. Dazu zählt auch die Auslagerung an unabhängige Stellen. Die zu schaffende unabhängige Kommission soll künftig unter anderem die strategische Ausrichtung der Forschung sowie Richtlinien entwickeln. Zudem soll sie priorisieren, welche Kunstwerke wann bearbeitet werden. Und sie soll Empfehlungen zur Restitution von Kunstwerken geben. Vorsitzender soll Raphael Gross werden, der Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Auch jüdische Nachfahren von Opfern des NS-Kunstraubs sollen in dem paritätisch besetzten Gremium vertreten sein. Das Zentrum dagegen soll laut Blume die wissenschaftliche Forschungsarbeit leisten. Dazu werde man acht zusätzliche Stellen schaffen, sagte der Minister. Von der Ansiedlung am renommierten IfZ verspricht er sich wissenschaftliche Freiheit und Unabhängigkeit sowie die Einhaltung der hohen Standards für wissenschaftliches Arbeiten der Leibniz-Gemeinschaft, zu der das IfZ gehört.