Datum16.10.2025 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRIn Hamburg beginnt das Wintersemester, doch viele Studierende kämpfen mit einer akut angespannten Wohnsituation: Über 2.000 warten auf einen Platz in vollständig belegten Wohnheimen. Während ein Zimmer 310 bis 480 Euro kostet, liegt der Durchschnittspreis für WG-Zimmer bei 620 Euro. Diese Entwicklung verstärkt den sozialen Ungleichheitsaspekt des Studierens. Darüber hinaus wird kritisiert, dass der Hamburger Senat für den Bau des Elbtowers Mittel aus dem sozialen Bereich verwendet, die für Bildung und Infrastruktur gedacht sind.
InhaltDie Elbvertiefung am Donnerstag – mit Chaos am Hauptbahnhof, Kritik am Elbtower-Deal und einem Wiedersehen mit Olaf Scholz Liebe Leserin, lieber Leser, im südfranzösischen Grasse wird gerade ein altes Gefängnis zu einem Studentenwohnheim umgebaut. In dem Bau von 1847 werden die Zellen zu Ein- bis Zweizimmerwohnungen, die eisernen Türen mit Gucklöchern bleiben erhalten. Studieren mit Graf-von-Monte-Christo-Flair – romantisch! Es geht noch spektakulärer: In Amsterdam wohnen Studierende in einem Komplex aus 1.000 recycelten und aufeinandergestapelten Schiffscontainern, und in der Stadt Big Lake in Alaska ziehen Studis bald in eine umgebaute Boeing 727. Nun klingen diese Beispiele schön skurril, aber dahinter steht natürlich eine Entwicklung, die gar nicht lustig ist: In Zeiten der Wohnkrise – ich finde, wir sollten das Problem ruhig beim Namen nennen – haben Studierende es besonders schwer, eine Bleibe zu finden. In Hamburg beginnt in dieser Woche das Wintersemester, die Wohnheime des Studierendenwerks sind längst komplett belegt, mehr als 2.000 Menschen warteten vor Semesterbeginn noch auf einen Platz. So ein Zimmer im Wohnheim kostet zwischen 310 und 480 Euro. Ein Schnäppchen geradezu, denn ein WG-Zimmer auf dem freien Markt liegt im Schnitt bei 620 Euro. Ich frage mich: Wer kann sich das noch leisten? Selbst wenn man sich, wie meine WG damals, zeitweise nur von Cornflakes und Tiefkühlpizza ernährt, bleibt da kaum Geld zum Leben. Ohne Nebenjob geht es für die meisten ohnehin nicht mehr. Nur lässt sich der Vorlesungsplan nicht immer mit Schichten an der Supermarktkasse vereinbaren. Wer Eltern hat, die unterstützen können, hat bessere Startbedingungen – und kann sich eher leisten, sich ganz aufs Lernen zu konzentrieren. So wird Studieren immer mehr zur Klassenfrage. Die oben genannten Beispiele finde ich interessant, weil sie zeigen, was möglich ist, wenn man den vorhandenen Raum neu denkt. Auch in Hamburg gäbe es Potenzial, leerstehende Kaufhäuser, alte Bürotürme. Doch einzelne Vorzeigeprojekte lösen das Grundproblem nicht. Wenn man es ernst meint mit Bildungsgerechtigkeit, dann reicht es nicht, über Stipendien und BAföG-Sätze zu reden – man muss auch über den Wohnungsmarkt reden. Und genauer hinschauen. Nur eine Idee: In Hamburg gilt zwar die Mietpreisbremse, doch bei möblierten Zimmern dürfen Vermieter Zuschläge verlangen – teils mehrere hundert Euro. Gerade solche Angebote richten sich meist gezielt an Studierende, die schnell einziehen müssen und kaum Alternativen haben. Klingt vielleicht nicht so spektakulär wie Wohnen im Flugzeug – aber vielleicht könnte man hier schon mal ansetzen. Allen Studis einen guten Semesterstart, allen Wohnungssuchenden starke Nerven! Ihre Annika Lasarzik Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de. Wegen eines bei Bauarbeiten entstandenen Kabelschadens ist der Zugverkehr am Hamburger Hauptbahnhof seit Mittwochnachmittag stark beeinträchtigt. Betroffen sind vor allem der Fern- und Regionalverkehr, während die S-Bahn normal fährt. Nach Angaben der Deutschen Bahn dauern die Reparaturarbeiten voraussichtlich bis heute Morgen. Reisende sollten sich vor Fahrtantritt im Internet oder im DB-Navigator informieren. Der DGB kritisiert die Pläne des Hamburger Senats, den Weiterbau des Elbtowers mit Mitteln aus dem Bundes-Sondervermögen zu finanzieren. Diese Gelder seien für soziale Infrastruktur und den Schienenausbau gedacht, nicht für Prestigeprojekte, betonte Hamburgs DGB-Chefin Tanja Chawla. Der Senat plant, in dem stillgelegten Rohbau ein Naturkundemuseum unterzubringen und den städtischen Anteil mit rund 595 Millionen Euro über Darlehen und Sondervermögen zu finanzieren. Der Turm soll statt 245 nur noch rund 199 Meter hoch werden; knapp die Hälfte der Fläche ist für das Museum vorgesehen. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen einen 21-Jährigen erhoben, der unter dem Pseudonym "White Tiger" im Internet Kinder zu Selbstverletzungen und Suizid gedrängt haben soll. Wir berichteten (Z+). Dem Mann werden 204 Taten in mittelbarer Täterschaft vorgeworfen, darunter der Mord an einem 13-jährigen US-Amerikaner und versuchter Mord in fünf weiteren Fällen. • Hamburg wird 2027 erstmals das Finale der World Triathlon Championship Series austragen, bei dem die Weltmeistertitel über Sprint- und Kurzdistanz vergeben werden – Sportsenator Andy Grote sieht das Großereignis mit rund 4.500 Teilnehmenden als "kleine Generalprobe" für mögliche Olympische Spiele in der Stadt • René Benko, der insolvent gegangene Investor hinter dem Elbtower-Bau, ist vom Landgericht Innsbruck zu zwei Jahren Haft verurteilt worden – der 48 Jahre alte Ex-Milliardär habe durch eine Schenkung in Höhe von 300.000 Euro an seine Mutter Vermögen beiseitegeschafft, urteilte das Gericht • In Hamburg wurden im vergangenen Jahr 221 Obdachlose Opfer von Gewalttaten – nur Berlin verzeichnete mit rund 500 Fällen mehr Übergriffe, wie Daten des Bundesinnenministeriums zeigen Wie Hamburg entschied, das Klima-Thema ganz nach vorn zu stellen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Leitartikel von ZEIT-Redakteurin Petra Pinzler, erschienen in der aktuellen ZEIT (ab heute am Kiosk). Klima interessiert niemanden mehr. Diese Behauptung hat sich in den letzten Monaten in den Köpfen vieler Leute festgesetzt. In der großen Koalition spielt die Krise offensiv keine Rolle. Selbst so tieftraurige Nachrichten wie die vom Sterben der Korallenriffe schaffen es nur noch selten in die Schlagzeilen. Kaum jemand hatte daher mit dem gerechnet, was am Sonntag in Hamburg passiert ist. Dort hat die Klimabewegung nicht nur genügend Menschen dazu gebracht, bei einem Volksbegehren abzustimmen. Sie hat es auch noch gewonnen. Der Senat wird nun in den kommenden Jahren dafür sorgen müssen, dass die Hansestadt nicht erst 2045, sondern schon 2040 klimaneutral wird. Das ist ehrgeizig. Kaum war das Ergebnis bekannt, wurde es relativiert: Vor allem die innerstädtischen, reichen Bezirke hätten für strengere Klimaziele gestimmt, die Außenbezirke sähen die Sache ganz anders. Außerdem wüssten viele Menschen gar nicht genau, was der Entscheid für schlimme Folgen haben könnte: etwa Tempo 30 auf innerstädtischen Straßen. Mehr Wärmepumpen und eine Umweltzone. Möglich ist das. Möglich ist aber auch, dass die Klimabewegung kein toter Riese ist, sondern nur ein schlafender. Einer, der jederzeit aufwachen und der Politik das Heft des Handelns aus der Hand nehmen kann. Welche Lehren sich aus Sicht von Petra Pinzler aus dem Hamburger Zukunftsentscheid ziehen lassen, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de. "Scholz, der seine Rolle als Kanzler vielleicht nie wirklich gefunden hat und der dann daran festhielt, statt den Weg freizumachen für seinen potenziellen Nachfolger Boris Pistorius, hat sie auch als Kanzler außer Dienst noch nicht gefunden." Die Autorin Livia Sarai Lergenmüller hat sich einen Auftritt des Altkanzlers Olaf Scholz in Potsdam angeschaut und schildert, wie er sich in einem Gespräch mit Studierenden Fragen zu seiner Kanzlerschaft, der Bilanz der Ampelregierung und zu seiner aktuellen Rolle als Abgeordneter stellt – den ganzen Text unter dem Titel "Er war doch dabei, oder?" lesen Sie hier. Zum zweiten Mal will das "Acid Anatolia Fest" am Samstag im Knust Brücken schlagen – menschlich und musikalisch. Mit psychedelischen Beats der deutsch-türkischen Band Engin, Electronic Dance vom Duo Oh Voyage aus Istanbul, anatolischem Folk von Derya Yilderim und einer Aftershow-Party mit drei DJ-Decks will das Knust-Team unterschiedliche musikalische Communitys verbinden – und den Dancefloor zum Brodeln bringen. "Acid Anatolia Fest 2025" im Knust, Neuer Kamp 30; 18.10., Einlass ab 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr; Karten gibt es hier Ich entdecke, dass mein elfjähriger Sohn die Dose mit eigens aus Schweden mitgebrachten Pfefferkuchen geöffnet hat. Ich: "Wir essen doch keine Adventsplätzchen vor der Adventszeit! Also höchstens in der Zeit der Vorfreude auf Advent." Mein Sohn, freundlich lächelnd: "Aber Mama, ich dachte, dass seien die Plätzchen für die Vorfreude auf die Vorfreude auf Advent." Gehört von Birga Berndsen Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.