Datum14.07.2026 08:08
Quellewww.spiegel.de
TLDRIm Heim lebende Pflegebedürftige müssen erneut tief in die Tasche greifen. Der monatliche Eigenanteil für Pflege und Betreuung stieg bundesweit auf durchschnittlich 3364 Euro. Kostentreiber sind gestiegene Personalausgaben für Pflegekräfte. Während eine Pflegereform ansteht, könnten staatliche Entlastungen gekürzt werden, was die Kosten weiter erhöht. Länderspezifische Unterschiede sind erheblich; Bremen und das Saarland sind am teuersten. Eine gerechte Lastenverteilung und eine Begrenzung der Kostensteigerung werden gefordert.
InhaltWer in einem Heim gepflegt wird, muss meist mehr bezahlen. Im Schnitt sind die monatlichen Eigenanteile im ersten Jahr in der Einrichtung auf 3364 Euro geklettert. Je nach Bundesland gibt es große Unterschiede. Die Pflege im Heim wird für Bewohnerinnen und Bewohner wegen selbst zu bezahlender Anteile immer teurer. Mit Stand 1. Juli waren im ersten Jahr im Heim im bundesweiten Schnitt 3364 Euro im Monat aus eigener Tasche fällig – monatlich 119 Euro mehr als zu Jahresbeginn und 256 Euro mehr als zum 1. Juli 2025, wie eine Auswertung des Verbands der Ersatzkassen ergab. Die Koalition arbeitet zwar gerade an einer Pflegereform. Diese zielt tendenziell allerdings darauf ab, staatliche Entlastungen abzuschwächen – könnte die von den Pflegebedürftigen selbst zu zahlenden Summen also noch erhöhen. Regional gibt es große Unterschiede. Im Ländervergleich am teuersten war die Pflege im ersten Jahr im Heim in Bremen mit nun durchschnittlich 3761 Euro und im Saarland mit 3695 Euro pro Monat. Nur in Sachsen-Anhalt lag die Belastung mit im Schnitt 2891 Euro im ersten Heimjahr unter der Schwelle von 3000 Euro. In den Summen ist zum einen der Eigenanteil nur für die reine Pflege und Betreuung enthalten. Denn die Pflegeversicherung trägt, anders als die Krankenversicherung, nur einen Teil der Kosten. Im Heim kommen dann noch Zahlungen der Bewohnerinnen und Bewohner für Unterkunft und Verpflegung, Investitionen in die Einrichtungen und Umlagen für Ausbildungskosten hinzu. Kostentreiber sind primär die Personalausgaben für dringend benötigte Pflegekräfte. Seit 2022 können Heime nur noch Verträge mit den Pflegekassen schließen, wenn sie nach Tarif oder ähnlich bezahlen. Und das schlägt dann auf den Eigenanteil nur für die reine Pflege durch: Der Ausgangswert, von dem aus die jeweiligen konkreten Zahlungen der Pflegebedürftigen in den Heimen ermittelt wird, stieg im Bundesschnitt über die Marke von 2000 Euro auf nun 2088 Euro im Monat. Das waren monatlich 226 Euro mehr als im Juli 2025. Teurer geworden sind auch Unterkunft und Verpflegung. Dafür fällig werden inzwischen im Schnitt 1086 Euro pro Monat und damit 50 Euro mehr als zum 1. Juli 2025. Verbandschefin Ulrike Elsner sagte: "Es gab Nachholbedarf, und es ist richtig, dass Pflegekräfte gut bezahlt werden. Doch es kann nicht sein, dass das zu immer stärkeren Belastungen der Pflegebedürftigen führt." Es brauche eine Begrenzung des Kostenanstiegs. Die avisierte Pflegereform müsse eine faire Lastenteilung und austarierte Eigenanteile erreichen. Patientenvertreter und Sozialverbände fordern schon seit Jahren Entlastungen von immer höheren Zuzahlungen. Eine "Begrenzung der pflegebedingten Eigenanteile" stand auch als Prüfauftrag für eine Kommission im schwarz-roten Koalitionsvertrag. Bei den Reformplänen von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) stehen nun aber unter anderem Einsparungen bei Entlastungszuschlägen im Blick, die es von der Pflegekasse gibt – und zwar steigend mit der Aufenthaltsdauer: Der Eigenanteil für die reine Pflege wird damit im ersten Jahr im Heim um 15 Prozent gedrückt, im zweiten um 30 Prozent, im dritten um 50 Prozent und ab dem vierten Jahr um 75 Prozent. Die Spannen, bis die nächsthöhere Stufe greift, sollen laut einem Gesetzentwurf jetzt jeweils von 12 auf 18 Monate gestreckt werden. Das soll die Pflegekassen im nächsten Jahr um 2,6 Milliarden Euro entlasten. Teil der Reform soll auch sein, die generelle Vorgabe zur Tarifbezahlung von Pflegekräften ab Anfang 2027 für vier Jahre auszusetzen. Hintergrund der Pläne ist, dass sich die Finanznöte der Pflegeversicherung zuspitzen. So wird für 2027 ein Defizit von 7,6 Milliarden Euro erwartet. Mit einem Risikopuffer auch wegen der schwachen Wirtschaftslage soll daher ein Finanzbedarf von insgesamt 11,2 Milliarden Euro abgedeckt werden. Warken hatte Anfang Juni einen Entwurf vorgelegt, um allgemeine Beitragserhöhungen zu vermeiden. Der Beitrag für Kinderlose soll demnach aber leicht auf 4,3 Prozent steigen. Die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern soll eingeschränkt werden. Die Voraussetzungen für die Einstufung in einen Pflegegrad sollen tendenziell angehoben werden. Geplant sind auch Kürzungen bei Rentenbeitragszahlungen für pflegende Angehörige.