Liebeskummer: »Unser Gehirn muss neu lernen, ohne die Person zu funktionieren«

Datum13.07.2026 16:02

Quellewww.zeit.de

TLDRLiebeskummer ist eine extreme Form von sozialem Schmerz, die evolutionär bedingt ist. Das Gehirn reagiert auf soziale Ausgrenzung und Verlust wie auf körperliche Schmerzen, insbesondere in Regionen wie dem dACC und dem anterioren insulären Kortex. Körperliche Schmerzsignale helfen dem Menschen, nach sozialer Isolation zu suchen und Bindungen aufrechtzuerhalten. Die Intensität des sozialen Schmerzes kann genetisch bedingt variieren.

InhaltZwei Menschen sind ein Paar für Wochen, Monate, Jahre, dann ist es vorbei. Warum tut Liebeskummer so weh? Naomi Eisenberger fand Antworten in Gehirn, Evolution und Genen. Das Ende einer Beziehung ist meist schmerzhaft. Wir können nicht essen, nicht schlafen, nicht klar denken. Warum spüren wir den Verlust so körperlich? Die Neurowissenschaftlerin Naomi Eisenberger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Auswirkungen von Beziehungen auf unser Gehirn. Sie sagt: Liebeskummer ist eine der extremsten Formen von sozialem Schmerz. Evolutionär sei es aber von Vorteil, dass der Mensch körperliche Schmerzsignale nutzt, wenn er vereinsamt. ZEITmagazin: Frau Eisenberger, bedeutet Lieben immer Leiden? Naomi Eisenberger: Ja, es gibt gewisses Leid, das unvermeidbar mit dem Lieben einhergeht. Beim Lieben geht es darum, soziale Bindungen zu knüpfen, und keine soziale Bindung ist von Dauer – sei es durch Ablehnung oder durch Verlust, durch Trennung oder den Tod. Unter dem Ende einer sozialen Bindung leiden wir seelisch, aber auch körperlich. Wir können nicht für immer mit jemandem zusammen sein, es liegt also in der Natur menschlicher sozialer Bindungen, dass man am Ende leidet. ZEITmagazin: Sie erforschen, wie soziale Bindungen unsere Gehirnaktivität beeinflussen. Warum haben Sie dieses Forschungsthema gewählt? Eisenberger: Ein Großteil meiner Forschung basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen und dem Wunsch, sie besser zu verstehen. In meiner Jugend waren viele meiner Verhaltensweisen von der Angst vor Ablehnung bestimmt. Ich habe Dinge nicht gesagt, weil ich Angst hatte, abgelehnt zu werden. Und ich habe nicht verstanden, warum ich mich so fühle. Ich erinnere mich an einen Vortrag, vor dem ich das Gefühl hatte, als halte mir jemand eine Waffe an den Kopf. Rational wusste ich, dass das keinen Sinn ergibt, aber körperlich raste mein Herz, und meine Knie waren weich – so als wäre dieser Vortrag eine tatsächliche Bedrohung für mein Leben. ZEITmagazin: In einigen Ihrer frühen Arbeiten untersuchten Sie, was das Gehirn als Reaktion auf eine Situation der Ausgrenzung tut. Sie nannten das social pain. Können Sie das erklären? Eisenberger: Einfach ausgedrückt bezeichnet social pain, also sozialer Schmerz, die quälenden Gefühle, die wir als Reaktion auf Situationen sozialer Entfremdung empfinden. Dazu gehören Dinge wie Ausgrenzung, Ablehnung oder sozialer Verlust. Ich betrachte Liebeskummer – im Englischen heartbreak – als eine extreme Form von sozialem Schmerz. ZEITmagazin: Was passiert im Gehirn, wenn einem das Herz bricht? Eisenberger: Wir haben das mit einer Studie erforscht. Das Szenario – wir nennen es Cyberball-Experiment –, das wir kreiert haben, ist minimal im Vergleich zu kolossalem Liebeskummer, die Ergebnisse lassen sich trotzdem auch auf Situationen mit größerem social pain übertragen. Wir haben Probanden in einem fMRT-Gerät untersucht, das die Gehirnaktivität sichtbar macht, während sie ein virtuelles Ballspiel gespielt haben. Mit zwei anderen Avataren haben sie sich einen Ball zugeworfen. Die Probanden dachten, dass hinter den Spielern andere echte Menschen steckten. In Wirklichkeit war es aber ein Computer, der steuerte, dass die Avatare an einem bestimmten Zeitpunkt aufhörten, den Probanden den Ball zuzuwerfen. Sie dachten, dass die zwei anderen Spieler sie vom Spiel ausschließen würden. Auf neuronaler Ebene konnten wir in den Momenten Aktivität vor allem in zwei Hirnregionen beobachten: Die eine heißt dorsaler anteriorer cingulärer Kortex (dACC) und die andere anteriorer insulärer Kortex. Dies sind Regionen des Gehirns, die auch bei quälenden körperlichen Schmerzen aktiv sind. ZEITmagazin: Sozialer Schmerz fühlt sich also tatsächlich schmerzhaft an, obwohl keine Verletzung oder Krankheit vorliegt? Eisenberger: Das Gefühl von Schmerz setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Es gibt eine sensorische Komponente, die uns sagt, woher der Schmerz kommt. Kommt er etwa aus unserem Arm oder unserem Bein? Kommt er aus dem Inneren des Körpers oder von der Hautoberfläche? Die andere Komponente wird als affektive Komponente bezeichnet, und das ist der Teil des Schmerzes, der uns leiden lässt. Der sensorische Teil wird nur bei tatsächlichen körperlichen Schmerzen aktiviert, aber diesen affektiven Teil konnten wir auch als Reaktion auf Ausgrenzung als aktiv beobachten. ZEITmagazin: Deshalb fühlt sich der Schmerz des Verlassenwerdens anders an als ein Beinbruch. Eisenberger: Der sensorische Schmerz ergibt beim social pain einfach keinen Sinn für den Körper. Er soll uns ja mitteilen, wo die Verletzung liegt, damit wir uns um die Stelle kümmern. Social pain ist eine ganzkörperliche Erfahrung. Wenn man hört, wie Menschen sprachlich mit dem Thema umgehen, lässt sich trotzdem erahnen, dass es Bereiche gibt, die sich auch sensorisch anfühlen können. Da sind wir wieder beim "heartbreak" und "Herzschmerz". Menschen beschreiben Arten von viszeralem Schmerz – also ein Ziehen in der Brust oder auch im Magen. Auf jeden Fall verorten sie ihn im Innern, nicht an der Hautoberfläche. ZEITmagazin: Gibt es denn generell für den Körper einen Sinn hinter dem sozialen Schmerzgefühl? Eisenberger: Da ist die Forschung von Jaak Panksepp sehr interessant. Er hat sich die Zusammenhänge zwischen Hirnaktivität und Sozialverhalten von Tieren angeschaut und herausgefunden, dass Opioide – also starke Schmerzmittel, die der Körper auch selbst produziert, um Schmerzen zu regulieren – eine wichtige Rolle bei sozialen Bindungen spielen. In Experimenten mit verschiedenen Tierarten beobachtete er, dass Opioid-Agonisten wie Morphin die Reaktion auf soziale Isolation hemmten und Opioid-Antagonisten wie Naloxon sie intensivierten. Da fragte er sich: Warum gibt es diese Überschneidung zwischen sozialen Bindungen und dieser Chemikalie? Die Antwort ist: Säugetiere können allein nicht überleben. Wir sind unser ganzes Leben lang auf andere angewiesen – auf ihre Nähe, ihren Schutz, ihre Hilfe bei der Nahrungsbeschaffung. Außerhalb der sozialen Gruppe zu sein, ist gleichbedeutend mit dem Tod. Schmerz ist immer ein Warnsignal, das uns alarmiert, uns zu schützen. Evolutionär ist es also von Vorteil, das Schmerzsignal und sein Regulierungssystem durch Opioide ebenfalls zu nutzen, wenn wir drohen, getrennt zu werden oder zu vereinsamen. ZEITmagazin: Ich frage mich trotzdem, ob ein derartiger Schmerz wie der, den wir bei Liebeskummer oder Verlust spüren, wirklich nötig ist, um uns zu vermitteln, dass wir besser nicht allein sein sollten. Eisenberger: Unsere Evolution hat soziale Bindungen so stark in den Vordergrund gestellt, dass es zu unglaublich bereichernden Erfahrungen führt, wenn wir enge Beziehungen zu anderen eingehen. Und gleichzeitig zu extrem negativen Erfahrungen, wenn wir voneinander getrennt sind. Ob diese beiden Extreme in ihrer Intensität nötig gewesen wären, um uns zu vermitteln, wie wir am besten überleben, weiß ich nicht. Aber ich finde, es hat auch etwas Poetisches, wenn man bedenkt, dass sich der menschliche Körper im Laufe der Jahrhunderte diese Liebeshochs und -tiefs selbst aufgebürdet hat, weil er nicht anders konnte. ZEITmagazin: Sie konnten bei Ihrem Experiment eine Aktivität in den Schmerzregionen des Gehirns feststellen. Kann man auf neuronaler Ebene sagen, je höher die Aktivität, desto höher das Schmerzgefühl? Eisenberger: Bei unserem Experiment waren die Probanden, die in den Gehirnregionen für Schmerz – dem dorsalen Cingulum und der vorderen Insula – mehr Aktivität zeigten als andere, auch diejenigen, die von stärkeren negativen Emotionen berichteten. Sie fühlten sich während der Erfahrung des Ballspiels stärker abgelehnt, bedeutungsloser und unsichtbarer. Das konnten wir aber natürlich nur in Nuancen zeigen, weil das Spiel mit vermeintlich Fremden gespielt wurde und es Leute natürlich weniger kümmert, wenn sie da ausgeschlossen werden, als wenn es ihre engsten Bezugspersonen wären. ZEITmagazin: Was lässt sich daraus über Liebeskummer ableiten? Eisenberger: Andere Forscherinnen wie Helen Fisher haben untersucht, was passiert, wenn man verlassen wird. Dafür haben sie Menschen in einem fMRT-Scanner ein Bild des Ex-Partners gezeigt. Während dieses Versuches wurde die Aktivität in denselben Regionen gemessen wie bei unserem Experiment. Bei Liebeskummer werden also dieselben Areale aktiv. ZEITmagazin: Menschen haben eine unterschiedliche Schmerztoleranz für körperliches Leiden. Gilt das auch für emotionalen Schmerz? Eisenberger: Ja, es gibt große Unterschiede zwischen den Menschen, was den sozialen Schmerz angeht. Das zeigte sich schon in unserer Studie. Nicht jeder fühlte sich auch ausgeschlossen. Manche waren gut darin, sich die Ablehnung wegzuerklären. Sie sagten: "Die beiden anderen haben mich außen vor gelassen, weil sie sich kennen und mich nicht, also ist das okay." Oder: "Die haben mich außen vor gelassen, aber ich kenne sie ja nicht, also stört mich das nicht." Wir mögen es nicht, uns abgelehnt zu fühlen, also tun wir automatisch vieles, um zu verhindern, dass wir uns so fühlen. Wenn jemand etwas Beleidigendes sagt, nehmen manche Leute das sehr ernst, andere wiederum schütteln es einfach ab und sagen sich: "Ach, vielleicht war die Person gerade schlecht gelaunt. Vielleicht habe ich mich auch verhört." ZEITmagazin: Aber wenn man den Schmerz zulässt, gibt es da auch unterschiedliche Empfindlichkeiten? Eisenberger: Alles deutet darauf hin, ja. Wie bereits erwähnt, kann der Körper selbst schmerzmittelartige Opioide herstellen. Schmerzmittel und körpereigene Endorphine docken an denselben Rezeptoren an, um Schmerzen zu hemmen. Es gibt ein Gen, das Mu-Opioid-Rezeptor-Gen, das bestimmt, wie diese Rezeptoren gebaut sind und wie viele wir davon besitzen. Es ist also genetisch bestimmt, wie schmerzempfindlich wir sind. Tatsächlich haben wir in unseren eigenen Arbeiten festgestellt, dass Menschen, die eine Mutation des Mu-Opioid-Rezeptor-Gens besitzen und schmerzempfindlicher sind, auch empfindlicher auf soziale Schmerzen reagieren. Es gibt also eine Überschneidung. Und sie macht Sinn, wenn man bedenkt, dass Opioide sowohl bei körperlichen als auch bei sozialen Schmerzen eine Rolle spielen.