Datum09.06.2026 19:24
Quellewww.zeit.de
TLDRDorothea und Axel Stockmar trauern um ihren Sohn Cajus, der mit 17 Jahren starb. Trotz dieses schweren Schicksals haben sie als Paar zueinander gefunden und führen ein erfülltes Leben mit kreativen und intellektuellen Aktivitäten. Sie betonen die fortwährende Liebe zu ihrem Sohn und die Bedeutung, trotz allem Lebensfreude zu bewahren und aktiv zu bleiben. Dies zeigt, wie sie das gemeinsame Leid bewältigen.
InhaltAls ihr Sohn mit 17 von einem Zug erfasst wird und stirbt, beginnt für Dorothea und Axel Stockmar eine neue Zeitrechnung. Wie sie als Paar dieses Schicksal überlebten. Nie aufhören zu spielen und zu lernen, das ist ein Lebensmotto von Axel und Dorothea Stockmar. Während der Coronapandemie entwickelten sie ein eigenes Spiel, eine Art Memory mit Worträtseln, sonst machen sie viel Musik zusammen: er am Klavier, sie an der Gitarre. Auch mit über 70 arbeitet Axel noch in seinem Ingenieurbüro und als Professor für Lichttechnik. Dorothea ist weiterhin als Kunstschaffende, Autorin und kunsttherapeutisch tätig. Sie redet mehr als ihr Mann, währenddessen hat er meistens ein angedeutetes Lächeln auf den Lippen. Wenn Dorothea fertig erzählt hat, dreht sie sich oft mit dem ganzen Körper zu Axel und fragt ihn nach seiner Sicht der Dinge. Überall in ihrem Haus hängen Bilder ihres Sohnes Cajus, ein Junge mit wilden Locken. 17 Jahre nach Cajus Tod erzählen sie, wie sie es geschafft haben, sich in der Trauer als Paar nicht zu verlieren. ZEITmagazin: Herr und Frau Stockmar, Sie sind seit fast 50 Jahren verheiratet. Wie haben Sie sich damals kennengelernt? Dorothea Stockmar: Nach dem Abitur war ich fast ein Jahr lang arbeitend und reisend in Japan, Myanmar und Indien. Als ich wiederkam, fiel ich in ein Loch. Die Art meiner Mutter, mir zu helfen, war, eine Heiratsannonce in der Zeitung zu schalten. Das war damals recht üblich. Kinder und Familie wollte ich schon immer, das war etwas ganz Tragendes, Sinngebendes für mich. Siebzehn Männer haben sich darauf gemeldet – und eben Axel. Er entsprach äußerlich eigentlich gar nicht dem, was ich mir als junger Mensch vorgestellt hatte. Aber da war gleich etwas in mir, das sagte: Das passt. Axel Stockmar: Mich motivierte ein guter Freund: Jetzt wäre es doch mal an der Zeit zu heiraten. Also las ich ganz viele Heiratsannoncen. Geschrieben habe ich aber nur einer. Und das war Dorothea. ZEITmagazin: Sie haben dann drei Kinder bekommen. Ihre beiden Töchter im Abstand von drei Jahren und – zehn Jahre später – ihren Sohn Cajus. Dorothea Stockmar: Ich hatte plötzlich ein tiefes Bedürfnis, noch ein Kind haben zu wollen, ohne es mir selbst richtig erklären zu können. Mit Cajus war vieles anders: Wir waren älter, die Mädchen waren irgendwann aus dem Haus, und er war quasi Einzelkind. Unsere Töchter sagen immer, Cajus hätte uns verjüngt. ZEITmagazin: 17 Jahre ist es her, dass Cajus tödlich verunglückte. Was verbinden Sie heute besonders mit Ihrem Sohn? Axel Stockmar: Vieles. Im Sommer sind wir immer nach Italien gefahren, in denselben Ort und dasselbe Hotel. Das war wunderschön. Auf dem Weg haben wir gerne einen Zwischenstopp in Freiburg gemacht. Da planschte Cajus immer in den kleinen Bächen. In unserem Garten hier haben wir oft Fußball und Federball gespielt. Ich denke auch immer an ihn, wenn ich unseren Kirschbaum sehe. Den haben wir zu seiner Geburt gepflanzt. Jetzt ist er sehr groß geworden. Dorothea Stockmar: Als Cajus dann älter war, haben wir gerne miteinander diskutiert. Eine Situation ist uns sehr in Erinnerung geblieben. Axel, willst du das erzählen? Axel Stockmar: Das war kurz vor seinem Tod, er war in der zwölften Klasse und nahm gerade Wahrscheinlichkeitsrechnung in Mathematik durch. Ganz untypisch fragte er mich: Papa, kannst du mir das erklären? Dann diskutierten wir darüber. Irgendwann stand er plötzlich auf, schüttelte mir sehr offiziell die Hand und sagte: "Danke, Papa." Dorothea Stockmar: Meine Erinnerung an Cajus geht noch weiter zurück: Ich denke an die Schwangerschaft. Da war er noch gar nicht da und wurde schon geliebt. Wie jetzt: Er ist nicht mehr da, und die Liebe bleibt trotzdem.