Themis: Mehr körperliche Übergriffe in Kulturbranche gemeldet

Datum09.06.2026 15:54

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Beratungsstelle Themis verzeichnete 2025 einen Anstieg körperlicher Übergriffe in der Kulturbranche, während verbale Belästigungen zurückgingen. Mehr als 600 Beratungsgespräche fanden statt, darunter 105 Erstberatungen. Körperliche Belästigung oder Vergewaltigung machte 68 Fälle aus, gegenüber 37 Fällen verbaler Belästigung. Dieser Trend deutet auf eine verschärfte gesamtgesellschaftliche Frauenfeindlichkeit und anhaltende Abhängigkeitsstrukturen in der Branche hin. Jüngere Betroffene trauen sich offenbar eher, Vorfälle zu melden.

InhaltIm vergangenen Jahr haben sich mehr Kulturschaffende wegen körperlicher Gewalt beraten lassen. Einen Rückgang verzeichnet die Beratungsstelle Themis bei verbalen Belästigungen. Themis ist die griechische Göttin der Gerechtigkeit – und es ist der Name der Vertrauensstelle für Betroffene von Belästigung und Gewalt in der Kulturbranche. Für das Jahr 2025 hat Themis unter ihren Erstkontakten zunehmend Fälle körperlicher Übergriffe registriert. Im vergangenen Jahr hätten Expertinnen und Experten insgesamt mehr als 600 Beratungsgespräche geführt, darunter 105 Erstberatungen, teilte die Anlaufstelle mit. Die Vertrauensstelle wurde 2018 in Berlin nach dem #MeToo-Skandal gegründet. Dort können sich Menschen aus Film, Fernsehen, Theatern, Orchestern und der Musik melden, wenn sie sexuelle Belästigung oder Gewalt erfahren haben. Themis bietet kostenlos juristische und psychologische Hilfe an. Getragen wird die Einrichtung etwa von mehreren Branchenverbänden und Sendern. Auffällig an den Zahlen ist laut Themis, wie sich das Verhältnis von Fällen verbaler, nonverbaler und digitaler sexueller Belästigung zu Fällen körperlicher sexueller Belästigung zum Vorjahr verändert hat: 2025 seien unter den Erstkontakten insgesamt 68 Fälle von körperlicher Belästigung oder Vergewaltigung erfasst worden – gegenüber 37 Fällen verbaler Belästigung. Zum Vergleich: 2024 seien unter den knapp 130 Erstberatungen 68 Fälle wegen verbaler Belästigung registriert worden und 61 Fälle wegen körperlicher Belästigung oder Vergewaltigung. In den ersten drei Monaten von 2026 hätten sich 20 Menschen wegen körperlicher Übergriffe an die Vertrauensstelle gewandt, hieß es. Themis-Präsidentin Martina Zöllner sagte der "Zeit": "Das Verhältnis von körperlichen zu nicht körperlichen Übergriffen hat sich verändert. Das mag ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung sein." Die Geschäftsführende Vorständin von Themis, Maren Lansink, sieht mehrere Gründe für den Anstieg, wie sie in der "Zeit" ausführte . Das gesamtgesellschaftliche Klima habe sich verschärft. "Frauenfeindlichkeit ist online wie offline enthemmter geworden, und das schlägt auch im Arbeitsalltag durch", sagte sie. Auch seien die Strukturen in der Branche etwa mit hohen Abhängigkeiten und enger körperlicher Nähe an Sets "unverändert ein Nährboden für Übergriffe". Zudem trauten sich gerade jüngere Betroffene heute eher, körperliche Übergriffe als das zu benennen, was sie seien, sagte Lansink.