Datum09.06.2026 14:45
Quellewww.spiegel.de
TLDRWirtschaftsforscher schlagen einen Strafzoll von 30-50% auf den EU-Russland-Handel vor. Einnahmen von 11-16 Mrd. € jährlich sollen die Ukraine unterstützen und Druck auf Russland ausüben. Trotz Sanktionen fließt weiterhin Handel, der nun zur Finanzierung von Verteidigung, Wiederaufbau und humanitärer Hilfe dienen könnte. Das IfW hält Bedenken bezüglich negativer Auswirkungen auf EU-Unternehmen für unbegründet.
InhaltNoch immer fließen Warenströme zwischen Europa und Russland. Nun schlagen Wirtschaftsforscher vor, diesen Handel auch für die Ukraine zu nutzen: Ein Strafzoll von bis zu 50 Prozent könnte Milliarden einbringen. Wirtschaftsforscher drängen auf einen Strafzoll für Geschäfte zwischen der EU und Russland. Mit den Einnahmen solle die Ukraine unterstützt werden, teilte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit. So erhöhe man den Druck auf die Regierung in Moskau. Ein solcher "Ukraine-Unterstützungszoll" könne jährlich zwischen elf und 16 Milliarden Euro einbringen. "Solange Handel mit Russland stattfindet, sollte Europa ihn zur Unterstützung der Ukraine nutzen", sagte der Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am IfW, Julian Hinz. Vorgeschlagen wird, diesen Handel mit Zollsätzen von 30 bis 50 Prozent zu belasten. Ein Importzoll auf EU-Einfuhren aus Russland könne mit einer Abgabe auf EU-Exporte nach Russland ergänzt werden. Im vergangenen Jahr belief sich der Handel zwischen der EU und Russland auf 57,2 Milliarden Euro. Hintergrund der Entwicklung ist, dass die EU zwar seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine inzwischen 20 Sanktionspakete gegen Russland verhängt hat, aber kein generelles Handelsembargo gegen Russland verhängt hat. Die Einnahmen aus einem Russland-Zoll könnten zur Finanzierung der militärischen Verteidigung, des Wiederaufbaus und für humanitäre Hilfe in der Ukraine beitragen, schlägt das IfW vor. Die EU könnte damit ihre bisherigen Hilfszusagen von durchschnittlich rund 70 Milliarden Euro pro Jahr spürbar ausweiten. "Die Politik bekäme damit ein flexibles Instrument an die Hand", sagte IfW-Präsident Moritz Schularick. "Die Zollsätze könnten beispielsweise im Rahmen einer Verhandlungslösung wieder sinken." Die Sorge, der Zoll könnte vor allem Verbraucher oder Unternehmen in der EU treffen, hält das IfW für unbegründet. Unternehmen hätten seit Kriegsausbruch im Februar 2022 ausreichend Zeit gehabt, ihre Lieferketten neu auszurichten. Aus politischer Sicht sei insbesondere der Importzoll rechtlich leichter umsetzbar, da er auf bestehenden EU-Handelsregeln fußen könne. Die verbleibenden Handelsströme zeigten, dass Europa noch immer einen wichtigen Hebel ungenutzt lasse. "Dies ist eine verpasste strategische Chance", sagte Schularick. Trotz der Kriegssanktionen können bestimmte Produkte weiterhin legal mit Russland gehandelt werden, etwa Medikamente, Lebensmittel, Teile des Maschinenbaus und einige Chemieprodukte. Dagegen unterliegen Hightech-Waren, Luxusgüter und höherwertige Industrieprodukte für Branchen wie Energieindustrie sowie Rüstungs- und Dual-Use-Güter den Sanktionen. 2025 waren Metalle, Nahrungs- und Futtermittel und chemische Erzeugnisse die wichtigsten deutschen Importgüter aus Russland . Im Gegenzug exportierten deutsche Firmen vor allem pharmazeutische Waren, chemische Erzeugnisse und Maschinen. Insgesamt importierte Deutschland waren im Wert von 1,3 Milliarden Euro, die deutschen Exporte nach Russland lagen bei 6,9 Milliarden Euro. 2024 importierte Deutschland Waren im Wert von 1,8 Milliarden Euro aus Russland. 2021 hatte der Wert noch bei 33,1 Milliarden Euro gelegen. Auch die Exporte nach Russland gingen stark zurück, von 26,6 Milliarden Euro 2021 auf 7,6 Milliarden Euro drei Jahre später. 2024 waren die größten Importeure russischer Waren unter den EU-Staaten Ungarn, die Slowakei, Frankreich und Italien. Deutschland gehörte zu den größten EU-Exporteuren von Waren nach Russland, vor Italien, Polen und den Niederlanden.