Datum24.05.2026 20:22
Quellewww.zeit.de
TLDRNebojša Nakićenović, einst Mitentwickler eines extremen Klimaszenarios (RCP8.5), verteidigt dessen Relevanz. Er betont, dass extreme Szenarien für Klimamodelltests und Anpassungsstrategien unerlässlich seien. Nakićenović schließt nicht aus, dass sich ein solches Worst-Case-Szenario, das zu katastrophalen Emissionen und Kipppunkten führen könnte, doch noch bewahrheiten könnte, zumal aktuelle globale Krisen die Rückkehr zu fossilen Energien begünstigen. Gegner des Klimaschutzes nutzen die Debatte über die Plausibilität von RCP8.5 für ihre Zwecke.
InhaltAfD und Donald Trump rufen Panikmache, in der Forschung gilt er als veraltet: Nebojša Nakićenović ermittelte einst den Worst Case fürs Klima. Er findet ihn unverzichtbar. Nebojša "Naki" Nakićenović erreicht man in China, wo der österreichische Energieökonom eine Konferenz der Tsinghua-Universität in Peking besucht. Dort diskutieren Hunderte Teilnehmer aus aller Welt darüber, wie sich Klimaneutralität erreichen lässt. Wie passend, um über sein Worst-Case-Emissionsszenario zu sprechen, das er im Jahr 2011 veröffentlicht hat – und das Klimaforscher nun nicht mehr berücksichtigen wollen, weil es "unplausibel" geworden sei. Gegner starker Klimaschutzmaßnahmen – vom US-Präsidenten bis hin zu Politikern der AfD – nutzen es gerade, um Forschenden Lügen, Panikmache und Übertreibung vorzuwerfen. DIE ZEIT: Herr Nakićenović, Sie gelten als Vater des RCP8.5-Szenarios, über das gerade die halbe Welt spricht. Finden Sie es richtig, dass es nun nicht mehr in Betracht gezogen wird? Nebojša Nakićenović: Nein. Zum einen würde ich so ein extremes Szenario nach wie vor nicht ausschließen. Es ist leider immer noch denkbar, dass die reale Entwicklung einen tragischen Verlauf nimmt. Zum anderen braucht es diese Hochemissionsszenarien, um Klimamodelle zu testen und herauszufinden, wie man sich an den Klimawandel anpassen kann. Ich verstehe schon, dass die Entwicklung von Szenarien komplex ist und viele Ressourcen benötigt. Aber es wäre doch unverantwortlich, nicht zu erforschen, was passieren wird, sollten die Emissionen ein katastrophal hohes Niveau bekommen und uns ein Klima bescheren, in dem allerhand Teile des Erdsystems kippen. Und mit ihnen Gesellschaften in viele weitere Krisen geraten. ZEIT: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie dieses Albtraumszenario vor 15 Jahren entworfen haben? Nakićenović: Der Weltklimarat brauchte neue Szenarien für die Zukunft, und ich sollte das koordinieren und daraus später RCP8.5 entwickeln. Der Auftrag war klar: Die Szenarien sollten das ganze Spektrum der Möglichkeiten umfassen – und dazu gehörten niedrige bis hohe Emissionen. ZEIT: Was war das damals für eine politische Situation? Nakićenović: China und Indien waren noch Kohleländer und bauten ein Kohlekraftwerk nach dem anderen. Die erneuerbaren Energien waren teuer. Und Elektroautos existierten praktisch nicht. ZEIT: Wie gingen Sie bei der Entwicklung des Szenarios vor? Nakićenović: Wir haben jahrelang die wissenschaftliche Literatur danach bewertet, wie sich die Weltbevölkerung entwickeln wird, Landnutzung, Wirtschaftswachstum, Technologie und Fortschritt. Und eben die Treibhausgasemissionen. Die wirklich schwierige Aufgabe für uns war, zu modellieren, wie jene Faktoren miteinander zusammenhingen. Daraus entstand im Jahr 2011 dann RCP8.5 – ein Szenario ohne jegliche Klimaschutzmaßnahmen, in dem bis zum Ende des Jahrhunderts zwölf Milliarden Menschen die Erde bevölkern und die Wirtschaft kaum wächst. Wir haben RCP8.5 also nicht einfach aus dem Hut gezaubert. ZEIT: Kritiker bemängeln seit Jahren: Eine Verzehnfachung der Kohlenutzung und eine Verdreifachung des CO₂-Gehalts – wie es das RCP8.5-Szenario voraussetzt – sei undenkbar. Und selbst bei einer kompletten Aufgabe des Klimaschutzes sei noch keine Fünf-Grad-Welt zu erwarten. Nakićenović: Es ist egal, wie wahrscheinlich oder realistisch RCP8.5 betrachtet wird! Am Ende des Tages sind das Berechnungen, Narrative, wie sich die Zukunft entwickeln könnte, und zwar in verschiedensten Richtungen. ZEIT: Wie könnte die aktuelle Situation dafür sorgen, dass die Emissionen wieder stärker steigen? Nakićenović: Das Problem mit der Kohle ist: In vielen Teilen der Welt ist es weiterhin eine einheimische Energiequelle. Indien hat wenig andere fossile Ressourcen. Kommt es zu Kriegen und Energiekrisen, könnten sich solche Länder womöglich darauf zurückbesinnen. Die Situation derzeit erinnert mich übrigens an die Ölkrise in den 1970er-Jahren, aber ich glaube, die aktuellen Krisen gehen noch tiefer. Sie stellen eine große Gefahr dar, da die alte Ordnung verschwindet und ungewiss ist, was ihr folgt. ZEIT: Aber es gab doch das Pariser Klimaabkommen 2015, und Solar- und Windenergie erleben gerade ein exponentielles Wachstum. Nakićenović: Nach dem Pariser Klimagipfel habe ich tatsächlich mal gedacht, dass RCP8.5 umfällt und wir eine Zwei-Grad-Welt erreichen können. Aber inzwischen sieht die Realität wieder anders aus: Wieder sind die USA aus dem Klimavertrag ausgetreten und setzen in der Energiepolitik stark auf fossile Energiequellen. Und wer weiß, wer noch alles abspringt. ZEIT: Hätten Sie je gedacht, dass sich Donald Trump in eine wissenschaftliche Diskussion um Ihr RCP8.5-Szenario einschalten wird? Nakićenović: Donald Trump kann man nicht vorhersagen. ZEIT: Er wirft der Klimaforschung vor, übertrieben zu haben – sie habe mit ihren Szenarien falschgelegen. Auch die AfD sprach am Donnerstag in einer aktuellen Stunde im Bundestag von dem "größten Betrug an der Menschheit" sowie von "Panikmache", die nur dazu gedient habe, eine "Verbotspolitik" durchzusetzen.