Datum24.05.2026 15:12
Quellewww.zeit.de
TLDRRussland hat Kyjiw mit zahlreichen Raketen und Drohnen angegriffen, was zu schweren Zerstörungen an zivilen Gebäuden, Museen und Ministerien führte. Vier Menschen starben und rund 100 wurden verletzt. Der Angriff nutzte diverse Waffensysteme, darunter die neuartige Oreschnik-Rakete, die von Experten als russische Einschüchterungstaktik und militärisch nicht ausgereift eingestuft wird. Ziel war demnach, durch Eskalation politischen Druck auszuüben und von militärischen Schwierigkeiten abzulenken.
InhaltRussland hat Kyjiw in der Nacht mit Raketen beschossen und dabei Museen, Ministerien und Redaktionen zerstört. Vier Menschen wurden getötet, etwa 100 verletzt. In der Nacht hat Russland Kyjiw und weitere ukrainische Städte und Gemeinden mit Raketenangriffen überzogen. Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte zwei Tote in der Hauptstadt; zwei weitere Menschen wurden in der Hauptstadtregion getötet. Insgesamt wurden in Kyjiw 69 Menschen verletzt, 36 davon mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, darunter zwei Kinder. Landesweit gab es laut Präsident Wolodymyr Selenskyj etwa 100 Verletzte. Laut Bürgermeister Klitschko sind in allen Stadtteilen Kyjiws Schäden durch die nächtlichen Angriffe zu verzeichnen. Selenskyj sprach von insgesamt 30 beschädigten zivilen Wohnhäusern in der Hauptstadt. Nach Angaben des ukrainischen Militärs setzte Russland bei dem Angriff 54 Marschflugkörper, 33 ballistische Raketen, darunter die Mittelstreckenrakete Oreschnik, drei Zirkon-Hyperschallflugkörper und 600 Drohnen ein. 549 Drohnen, 44 Marschflugkörper und 11 ballistische Raketen seien abgeschossen worden. Selenskyj schrieb auf X, der Angriff habe sich gegen gewöhnliche Wohngebäude und Schulen gerichtet. Einer der ältesten Lebensmittelmärkte Kyjiws brannte aus. Auch das Tschornobyl-Museum, das der AKW-Katastrophe von 1986 gewidmet ist, wurde teilweise zerstört. Selenskyj besuchte den Ort gemeinsam mit Innenminister Denys Klymenko persönlich am Morgen nach den Angriffen. Auch das nationale Kunstmuseum und die Kyjiwer Oper wurden durch die russischen Angriffe beschädigt. Der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha teilte mit, das Gebäude des ukrainischen Außenministeriums sei zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg beschädigt worden – das Haus wurde 1939 errichtet. Ebenfalls getroffen wurden die Kyjiwer Oper, die Kyiv School of Economics sowie das Hauptamt des staatlichen Steuerdienstes. Auch das ARD-Studio Kyjiw sowie die Redaktion des ukrainischen Nachrichtenmediums Unian wurden getroffen und dabei schwer beschädigt. ARD-Studioleiter Vassili Golod sagte der ZEIT: "Rausgerissene Fensterrahmen, überall Splitter, zerstörte Technik – den eigenen Arbeitsplatz völlig verwüstet zu sehen ist ein Schock". Sein Team lasse sich von "dieser Aggression" nicht einschüchtern. Ihre Arbeit werde unter anderem mit mobilen technischen Lösungen fortgesetzt. Auch ZEIT-Autor Denis Trubetskoy teilte auf X ein Foto seines zersplitterten Fensters. Die gute Nachricht sei, schrieb er, dass er am Leben ist. Trubetskoys Wohnung liegt gegenüber des Tschornobyl-Museums. Im Gespräch mit der ZEIT bezeichnete er den nächtlichen russischen Angriff als "schlimmsten Angriff seit Beginn der Vollinvasion vor viereinhalb Jahren". Er habe noch nie erlebt, dass so viele verschiedene Waffensysteme gleichzeitig einschlugen. Jetzt seien auf den Straßen Katastrophenschutz, Polizei und Feuerwehr im Einsatz – leer seien sie dennoch nicht: Die Menschen versuchten, so schnell wie möglich zum Alltag zurückzukehren, auch wenn dieser Angriff eine andere Qualität erreicht habe als alle bisherigen. Die Gründe für den Angriff sieht Trubetskoy auch in der militärischen Lage: "Da sich die Front kaum bewegt und sich das russische Vorankommen im Gebiet Donezk verlangsamt hat, sucht der Kreml nach neuen Wegen der Eskalation", sagte er der ZEIT. Auf politischer Ebene verdeutliche der Angriff, wie unverzichtbar die Patriot-Flugabwehrsysteme für die Ukraine seien. Beim Nachschub an Abfangraketen gebe es derzeit ein erhebliches Defizit – eine direkte Folge der US-Politik, seit Trump Machtantritt im Januar 2025. Die Regierung in Washington sei daher mitverantwortlich für zivile Opfer, sagte Trubetskoy. Auf Anfrage der ZEIT schrieb ein weiterer Bewohner Kyjiws, dass er die ganze Nacht nicht schlafen konnte, weil es "so laut" gewesen sei. Die Metrostation neben seiner Wohnung sei "völlig vernichtet" worden. In den sozialen Medien teilten Menschen Fotos von Grafitti an den Wänden: "Russland hat unsere Stadt vernichtet. Wir werden das nicht verzeihen!" Bei dem Angriff auf Kyjiw wurde auch die Residenz des albanischen Botschafters, Ermal Filo, beschädigt. Nach Angaben des albanischen Außenministers Ferit Hoxha ist der Wohnkomplex, in dem der Botschafter lebt, betroffen. Die Regierung in Tirana bezeichnete die Angriffe auf zivile Viertel und die Gefährdung von Diplomatenpersonal als "inakzeptable Eskalation" und forderte von russischer Seite Erklärungen. Der russische Botschafter wurde einbestellt. Selenskyj verurteilte die Angriffe auf X. Russland führe Krieg "gegen unser Volk, gegen unsere Erinnerung, Geschichte, gegen alles, was normales menschliches Leben ausmacht". Es sei wichtig, dass Russland verstehe, "dass es für all diese Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird". Er habe bereits mit dem französischen Präsidenten und dem norwegischen Ministerpräsidenten gesprochen; Gespräche mit weiteren Partnern seien geplant. Mehrere europäische Regierungschefs verurteilten ebenfalls die russischen Angriffe auf Kyjiw. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb auf X, die Bundesregierung verurteile "diese rücksichtslose Eskalation scharf". Deutschland stehe weiter fest an der Seite der Ukraine. Nach Einschätzung der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas stecke Russland militärisch in einer Sackgasse und terrorisiere deshalb die Ukraine mit gezielten Angriffen auf Stadtzentren. "Das sind abscheuliche Terrorakte mit dem Ziel, so viele Zivilisten wie möglich zu töten", schrieb sie auf X. Der Einsatz der Mittelstreckenrakete Oreschnik – eines Systems, das für Nuklearsprengköpfe ausgelegt sei – sei "politische Einschüchterungstaktik und rücksichtsloses nukleares Säbelrasseln". Die EU-Außenminister wollen kommende Woche besprechen, wie der internationale Druck auf Russland erhöht werden könne. Nach Einschätzung des ukrainischen Rüstungsportals Defense Express hat Russland die Produktion der Oreschnik-Rakete womöglich deutlich hochgefahren: Zwischen dem ersten und zweiten Einsatz der Waffe gegen die Ukraine lagen fast zwölf Monate, zwischen dem zweiten und dritten nur noch etwa viereinhalb. Die Analysten stellten jedoch die militärische Wirksamkeit der Rakete im konventionellen, nicht-nuklearen Einsatz infrage. Der jüngste Einschlag nahe Bila Zerkwa traf augenscheinlich einen Garagenkomplex, Tote gab es nicht. Oreschnik ("Haselstrauch") ist eine russische Rakete, die erstmals im November 2024 eingesetzt wurde. Wladimir Putin hat damals von einer "neuartigen Rakete mit Hyperschallkonfiguration" gesprochen, die mit keinem der in Europa verfügbaren Abwehrsysteme bekämpft werden könne. Tatsächlich ist die Oreschnik keine komplett neue Waffe, sondern die Weiterentwicklung eines älteren sowjetischen Raketenmodells. Es handelt sich um eine ballistische Mittelstreckenrakete (IRBM) mit einer Reichweite von mutmaßlich bis zu 5.500 Kilometern. Die Rakete kann sowohl mit nuklearen als auch konventionellen Gefechtsköpfen ausgestattet werden. Ab 1987 hatte der INF-Vertrag zwischen den USA und zunächst der Sowjetunion und später Russland die Entwicklung von landgestützten ballistischen Mittelstreckenraketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5.500 Kilometern verboten. 2019 wurde der Vertrag aufgekündigt. Die russische Interkontinentalrakete RS-26, die 2011 erstmals getestet wurde, ist die Grundlage der später entwickelten Oreschnik. Anders als von Russland dargestellt, handelt es sich bei der Oreschnik nicht um eine Hyperschallwaffe. Zwar erreicht die Rakete zehnfache Schallgeschwindigkeit (12.000 Kilometer pro Stunde). Das gilt jedoch für viele herkömmliche ballistische Raketen, die einen Teil ihrer Flugstrecke im Weltall zurücklegen. Als Hyperschallraketen werden hingegen in der Regel Marschflugkörper bezeichnet, die auch auf einer lenkbaren Bahn und mit einem speziellen Antrieb Hyperschallgeschwindigkeit erreichen können. Derartige Waffen werden von den USA, China und auch Russland entwickelt. Die Oreschnik gehört nicht dazu. Zwar kann die Oreschnik mit nuklearen Gefechtsköpfen bestückt werden, das gilt jedoch auch für Kurzstreckenraketen wie die Iskander-M, die Russland im Krieg gegen die Ukraine regelmäßig einsetzt. Eine Besonderheit der Oreschnik ist, dass sie nicht mit einem Gefechtskopf, sondern mit bis zu sechs sogenannten MIRVs – individuell einstellbaren Gefechtsköpfen – ausgestattet ist. Die Gefechtsköpfe trennen sich außerhalb der Atmosphäre von der Trägerrakete und steuern anschließend jeweils ein eigenes Ziel an. Diese Technologie wird auch in Interkontinentalraketen eingesetzt. Da die Gefechtsköpfe einen sogenannten Streukreisradius von mehreren Hundert Metern haben – jeder Gefechtskopf sein Ziel also um diese Entfernung verfehlen kann –, gilt der Einsatz der Technologie nur bei atomaren Angriffen als sinnvoll. Dennoch führt die sehr hohe Geschwindigkeit der einzelnen Gefechtsköpfe dazu, dass sie auch in der konventionellen Ausführung großen Schaden anrichten können. Beim nahezu folgenlosen ersten Einsatz im November 2024 war die Rakete mutmaßlich nicht mit echten Gefechtsköpfen, sondern mit Dummys bestückt. Russland kann die Oreschnik nur in sehr begrenzter Stückzahl produzieren. Jede einzelne Rakete ist mit bis zu 30 Millionen Euro überdurchschnittlich teuer – und mit konventionellem Gefechtskopf, bedingt durch die geringe Zielgenauigkeit, nicht effektiver als andere ballistische Raketentypen. Zahlreiche Experten bewerten die beiden bisher einzigen Einsätze der Oreschnik 2024 gegen die ukrainische Großstadt Dnipro und im Januar 2026 gegen das westukrainische Lwiw daher vor allem als politisches Signal – etwa um westliche Länder von bestimmten Waffenlieferungen an die Ukraine abzuschrecken. So hat Putin den ersten Einsatz der Oreschnik als Reaktion darauf bezeichnet, dass die Ukraine die US-amerikanische Kurzstreckenrakete ATACMS gegen Ziele auf russischem Gebiet eingesetzt hat. Im Dezember 2025 hat Russland die Oreschnik in Belarus stationiert. Aufgrund der hohen Reichweite der Rakete wird die Ukraine dadurch nicht stärker bedroht. Vielmehr geht es bei der Stationierung in Belarus mutmaßlich darum, westlichere europäische Länder einzuschüchtern. Die Darstellung der Oreschnik als unbesiegbare Hyperschallwaffe dient ebenfalls diesem Zweck. Militärexperten, die von der Zeitung Nowaja Gaseta Europa befragt wurden, bezeichneten die Rakete als "noch nicht ausgereift" und sagten, sie verfehle nach wie vor ihre Ziele. Frühere Einsätze hätten eher demonstrativen und psychologischen Charakter gehabt, um die ukrainische Bevölkerung einzuschüchtern. Die Experten warnten allerdings, dass sich solche Angriffe schon bald wöchentlich wiederholen könnten. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte den Einsatz der Oreschnik-Rakete und bezeichnete den Angriff als "Vergeltungsschlag". Er steht wohl im direkten Zusammenhang mit einem ukrainischen Drohnenangriff auf Starobilsk im russisch besetzten Gebiet Luhansk. Nach russischen Behördenangaben, die sich nicht unabhängig überprüfen lassen, schlugen am Freitag ukrainische Drohnen in einer Berufsschule und einem Wohnheim ein. Der von Russland eingesetzte Besatzungschef Leonid Passetschnik behauptete, in dem Wohnheim hätten sich rund 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befunden. Die Zahl der Toten stieg russischen Angaben zufolge auf zwölf; 48 weitere Menschen seien verletzt worden. Die russische Kinderrechtsbeauftragte Jana Lantratowa sprach von mehr als 60 betroffenen Kindern. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete den Angriff als Verbrechen und behauptete, es habe keinerlei militärische Einrichtungen in der Nähe gegeben. Auf russischen Antrag berief der UN-Sicherheitsrat zudem eine Dringlichkeitssitzung ein. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Angriff auf Starobilsk; ein Sprecher sagte, jeder Angriff auf Zivilisten und zivile Infrastruktur werde verurteilt, "egal wo sie geschehen". Das ukrainische Militär wies Putins Darstellung zurück: In Starobilsk habe eine auf Drohnenangriffe gegen die Ukraine spezialisierte russische Militäreinheit operiert – sie sei das eigentliche Ziel des Angriffs gewesen. Der ukrainische Generalstab warf Russland Desinformation vor. Der ukrainische UN-Botschafter Andrij Melnyk bezeichnete die Notstandssitzung des Sicherheitsrats als "pure Propaganda-Show". Eine unabhängige Überprüfung der Angaben beider Seiten ist derzeit nicht möglich. Während die Trümmer in Kyjiw noch geräumt werden, bereitet Russland in Starobilsk eine eigene Informationsoffensive vor. Die Regierung in Moskau schickt nach Angaben der russischen Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa 50 Journalisten aus 19 Ländern an den Ort des angeblichen ukrainischen Drohnenangriffs. Unter ihnen seien namentlich nicht genannte Journalisten unter anderem auch Deutschland, Österreich, Frankreich und den USA. Die Einladung dürfte darauf abzielen, internationale Berichterstattung zu lenken und das Bild eines Angriffs auf Zivilisten zu festigen – zu einem Zeitpunkt, an dem Russland selbst gerade Museen, Schulen und Krankenhäuser in der ukrainischen Hauptstadt bombardiert hat. Bereits in der Vorwoche wurden bei Angriffen auf Kyjiw 24 Menschen getötet. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.