Pfingsten: Er tröstet noch 350 Jahre nach seinem Tod

Datum24.05.2026 12:35

Quellewww.zeit.de

TLDRPaul Gerhardt, Deutschlands berühmtester Kirchenliederdichter, trotzte auch im hohen Alter und nach persönlichen Tragödien, wie dem Tod seiner Frau und mehrerer Kinder, noch widrigen Umständen. Trotz Mobbing in seiner letzten Gemeinde und gesundheitlicher Probleme zeigte er bis zuletzt Gelassenheit und Gottvertrauen. Seine Lieder sind Ausdruck von Zuversicht und Demut, weshalb sie auch 350 Jahre nach seinem Tod noch inspirieren.

InhaltIn einer Zeit der Religionskriege schuf Paul Gerhardt Gedichte voller Zuversicht. Warum Deutschlands berühmtester Kirchenliederdichter bis heute populär ist. Am Ende ist er so müde und zermürbt, dass der gute Mann, einst als fleißiger und gewissenhafter Seelsorger beliebt, seine Mittwochsgottesdienste ausfallen lässt. Man sollte meinen, dass eine christliche Gemeinde ihrem bald 70-jährigen Hirten derlei gnädig durchgehen lässt, ja, dass sie sich über die unverhoffte Freizeit freut oder seine fortschreitende Gebrechlichkeit zum Anlass nimmt, ihm zum Dank für die lebenslange Pflege anderer nun unter die Arme zu greifen. Doch weit gefehlt. Die Leute von Lübben, einem sumpfigen Kaff in der Niederlausitz, letzte Station seines beschwerlichen Lebensweges, wo er mit 62 Jahren noch einmal ein neues Pfarramt übernommen hatte, erweisen sich als mitleidlose Denunzianten – und schwärzen Paul Gerhardt beim Landesherrn als faul an. Das hat er nicht verdient. Lübben ist bereits seine siebte Lebensstation und hat im Dreißigjährigen Krieg ähnlich gelitten wie seine Geburtsstadt Gräfenhainichen, drei Tagesreisen westlich gelegen. Von den Schweden geplündert, von der Pest dezimiert, seither nur notdürftig repariert. Da sollten die Überlebenden froh sein, keinen beliebigen grobschlächtigen Lutheraner, sondern einen feinsinnigen, in Berlin hoch verehrten Liederdichter zum Pastor bekommen zu haben. Doch nein, die Welt ist ungerecht, damals schon. In Lübben kümmert es offenbar keinen, dass ihm vor der Übersiedelung seine geliebte Frau Anna Maria verstorben ist, mit erst 46 Jahren. Oder dass sein einziger verbliebener Sohn lebensbedrohlich erkrankte, was den Vater furchtbar geängstigt haben muss, nachdem das Ehepaar Gerhardt vier seiner fünf Kinder bereits früh verloren hatte. Bislang hat er jedoch immer durchgehalten. Hat sich aus jeder Not beharrlich herausgekämpft, erfuhr auch Hilfe von einflussreichen Fans, zumal seine Wünsche fast immer bescheiden blieben. Nun aber, da er altersschwach wird, finden die Lübbener Banausen ihn schwierig, grollen ihm wegen beliebiger Nichtigkeiten. So neiden sie ihm, dass er ein Lesepult und eine Sitzbank nahe dem Altar benötigt; dass er Perücke trägt; sogar, dass er einst vor Amtsantritt in Lübben die viel zu kleine, heruntergekommene Bude, die sie ihm als Pfarrhaus anboten, höflich monierte. Kurzum: Erst wollten sie ihn hier haben, jetzt machen sie ihn madig. Ausgerechnet diesen genügsamen, demütigen Protestanten, der sein Leben lang noch kein Talent gezeigt hat, etwas für sich zu fordern, sei es nun Geld oder Macht. "Mein Gemüt ist mir dermaßen gekränket und beängstiget, dass ich fast nicht weiß, wo ich mich hinkehren und hinwenden soll", so hatte der frisch verwitwete Paul Gerhardt sich einige Jahre zuvor einem Freund anvertraut, als sein Sohn erkrankt war. Eine rare Gelegenheit, bei der Paul Gerhardt sich erlaubte, verzweifelt zu sein. Auch jetzt, wegen der Sache mit den Mittwochspredigten, muss er sich furchtbar fühlen, doch er klagt nicht, er schimpft nicht auf die, die ihn mobben, sondern bittet untertänigst den Herzog Christian I. von Sachsen-Merseburg um Hilfe. Leider ist dessen Geduld aus anderen, alten Gründen aufgebraucht, daher wirft er dem "Archidiakonus" Nachlässigkeit und Eigensinn vor, statt zu helfen. Die Quälgeister freut es, sie piesacken den Alten noch die letzten drei Jahre seines Lebens. So sehen sie nicht ein, warum sie ihm den beschwerlichen Weg zum Friedhof, der durchs Moor führt, erleichtern sollten. Umso erstaunlicher ist Paul Gerhardts Testament, das er kurz vor seinem Tod für den Sohn Paul Friedrich schreibt. Darin rät er dem 14-jährigen nicht etwa, seine Interessen besser zu wahren als der Vater, sondern empfiehlt ihm dieselben Tugenden, die ihn selbst auszeichneten: Bete fleißig, studiere etwas Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich. Es ist eine fromme Wegweisung, und trotz aller Widrigkeiten, die der Verfasser einräumt, klingt sie erstaunlich unverbittert. "Nachdem ich nunmehr das 70. Jahr erreicht, auch dabei die fröhliche Hoffnung habe, dass mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe: so danke ich ihm zuvörderst für alle Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf die jetzige Stunde erwiesen hat." Freundlich bittet der Verfasser seinen Gott um "eine sanfte Ruhe", bis er "mit allen Meinigen" wieder erwache – um "meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubt und ihn doch nie gesehen" habe, von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Man darf vermuten, dass Paul Gerhardt auf den letzten Metern seines Lebensweges die eigene Not klar sah. Im Abschiedsbrief an den Sohn gesteht er jedoch fast freudig, dass er an irdischen Gütern wenig hinterlasse, dafür einen ehrlichen Namen. Der geniale Liederdichter, der am 27. Mai 1676 in der Provinz stirbt (und dem die Gemeinde Lübben in seiner letzten Kirche keinen Gedenkstein setzt, sodass heute unklar ist, wo genau er ruht), bleibt bis zuletzt voller Gottvertrauen. Er stirbt, wie er gelebt hat. Mehr noch. Die Art, wie Paul Gerhardt auf die finalen Kränkungen gegen seine Person reagiert, zeichnet auch sein gesamtes dichterisches Werk aus: Gelassenheit und Zuversicht angesichts der Tragödien, die dem einzelnen Menschen widerfahren. Demut und Unverzagtheit angesichts der Kriege, die über die Welt hereinbrechen. Frohgemut bleiben, egal was kommt: Das ist sein Thema. Und es ist der Kontrast, der sich durch alle seine Lieder zieht.