Paul Gerhardt: Mehr Herz!

Datum24.05.2026 12:35

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Paul-Gerhardt-Preis rief 500 Musiker dazu auf, neue Melodien für seine Texte zu komponieren. Gerhardt, bekannt für seine emotionalen und lebensnahen Lieder, wird heute als tiefgründiger Dichter geschätzt. Gewinner Daniel Stickan wählte "Du meine Seele, singe", weil die alte Melodie unpassend war. Die Preise werden am 27. Mai, dem 350. Todestag Gerhardt, verliehen. Der Wettbewerb zeigt, wie seine Worte auch heute noch Menschen bewegen, auch wenn seine Sprache teils herausfordernd wirkt.

InhaltEr dichtete die schönsten deutschen Pfingstlieder. 500 Komponisten konkurrierten jetzt um den Preis für die beste neue Melodie zu Paul Gerhardt. Hören Sie hier rein. Du meine Seele, singe,wohlauf und singe schön,dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd;ich will ihn herzlich loben,solang ich leben werd. Du meine Seele, singe, Paul Gerhardt, 1653 Dieses Lied ist im Gottesdienst sehr beliebt und wird meist jubilierend gesungen, doch das widerspricht seinem Charakter. Wer genau hinhört, versteht: Der Sänger fordert sich selbst auf, zu singen, obwohl ihm nicht nach Singen zumute ist. Es ist kein reines Halleluja, deshalb passt es in unsere Zeit. Dass der Dichter hier missverstanden wurde, liegt auch daran, dass im evangelischen Gesangbuch die eher düsteren Strophen zwei und drei fehlen. Da heißt es: "Was Mensch ist, muss erblassen und sinken in den Tod; er muss den Geist auslassen, selbst werden Erd und Kot." Das Vanitas-Motiv, also die Mahnung, dass wir vergänglich sind, und die drastische Sprache sind typisch für Paul Gerhardt, seinen Mut zur Emotion. Da ich kein Kirchenmusiker bin, sondern Jazzpianist und Organist, war es für mich eine echte Überraschung, jetzt beim Paul-Gerhardt-Preis auf den ersten Platz zu kommen. Du meine Seele, singe habe ich zur Neuvertonung ausgewählt, weil ich die alte Melodie kantig und unpassend fand. Ich habe sie oft auf der Orgel gespielt, man merkt, dass sie für einen anderen Text geschrieben wurde. An ein stimmiges Lied wie Geh aus mein Herz hätte ich mich nicht herangewagt – es schreibt ja auch niemand Stille Nacht um. Ich bin ein Fan guter Melodien, die eingängig, aber originell sind, wie beim Volkslied. Die Vorgabe der Jury, dass die Komposition singbar sein soll, habe ich gern erfüllt. Musik soll vor allem eins: verbinden. Daniel Stickan, 45, ist Komponist, Organist und Jazzpianist in Lüneburg. Er veröffentlichte zwölf CDs, darunter ein Luther-Oratorium. Nun ist der Regen hin;wohlauf, mein Herz und Sinn,sing nach betrübtem LeidenGott, deinem Herrn, mit Freuden!Gott hat sein Herz gekehretund unser Bitt erhöret. Nun ist der Regen hin, Paul Gerhardt, 1653 In meiner Erinnerung sind seine schönsten Lieder mit meiner Großmutter verbunden. Sie hatte den Einmarsch der Sowjetarmee in Köslin, heute polnisch Koszalin, erlebt. Ihr Mann wurde verschleppt, sie selbst, ihre Tochter mit drei Kleinkindern und einige andere Frauen überlebten unter schrecklichen Umständen. 1946 flohen sie nach Westen. Im Oktober 1947 kam dann ein Brief, der vom Tod ihres Mannes, meines Großvaters, auf einem Gefangenentransport berichtete: Er sei an der Ruhr gestorben, als einer von 6.000 – doch bis zum Schluss sei er getrost geblieben! So erlebte ich später auch meine Großmutter, die in der Küche gern Paul Gerhardts Klassiker sang: Befiehl du deine Wege. Ihre Grundzuversicht im Glauben ist mir Vorbild bis heute, da ich selber Enkel habe. Singen war für sie ein Herzstück des Glaubens: Wenn einem das Herz übergeht vor Glück oder wenn es schier bricht vor Kummer, dann musst du ein Lied kennen, das diesen Gefühlen Ausdruck gibt. Paul Gerhardt fand eine Sprache, die Menschen trifft und bewegt bis heute. Die überwältigende Zahl von 500 Einsendungen zum Kompositionswettbewerb beweist es. Eigentlich waren es sogar 640, weil ein Musiker alle 140 Gedichte Paul Gerhardts vertonte. Die Preise werden am 27. Mai, dem 350. Todestag des Dichters, in der Berliner Nikolaikirche verliehen. Hier hatte er als Diakon seine glücklichste Zeit, hier schrieb er die meisten seiner Lieder, hier wird man auch unbekannte hören, die nicht im Gesangbuch stehen, so das berührende Danklied: Nun ist der Regen hin. Margot Käßmann, 67, war Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der EKD. Sie ist Schirmherrin des Paul-Gerhardt-Preises. Befiehl du deine Wege,und was dein Herze kränktder allertreusten Pflege des,der den Himmel lenkt.Der Wolken, Luft und Windengibt Wege, Lauf und Bahn,der wird auch Wege finden,da dein Fuß gehen kann. Befiehl du deine Wege, Paul Gerhardt, 1653 Knappe Sprache, starke Verben, große Bilder: An Kunstfertigkeit ist dieser Dichter kaum zu überbieten, seine Lieder in ihrer Klarheit und Anschaulichkeit sind vermutlich das Beste, was es im Deutschen gibt. Geistliche Musik spielte für mich anfangs keine Rolle. Ich stamme aus Rostock, habe mein Klavierstudium an der dortigen Hochschule für Musik und Theater absolviert. Dann wurde ich überraschend Kirchenmusiker mit Schwerpunkt Popmusik, danach als Popkantor zuständig für den Bereich der Nordkirche. Über Paul Gerhardt würde ich heute sagen: Er ist ein ganz Großer, weil seine Lieder aus dem Leben geschrieben sind. Darin steckt alles, was man braucht: Freude und Trauer, Jubel und Demut. Eigentlich ist es schade, dass er für viele Menschen alt und fremd wirkt. Auch deshalb habe ich für den Wettbewerb jetzt einen Klassiker von ihm vertont: Befiehl du deine Wege ist heute ein Beerdigungshit. Aus dieser Ecke wollte ich das Lied rausholen. Mir war wichtig, dass es Freudvertrauen ausstrahlt, schnell singbar ist, aber nicht nach Kindergottesdienst klingt. Das ist bei kirchlicher Popmusik manchmal ein Problem. Ich glaube, es geht nicht darum, unbedingt Taylor Swift in jeden Gottesdienst einzubauen, sondern Glaubens- und Lebensthemen berührend rüberzubringen. Mein Lieblingslied von Paul Gerhardt ist übrigens recht fromm, es heißt: Gib dich zufrieden und sei stille. Jan Simowitsch, 46, ist Pianist und Autor, Komponist und Musikproduzent. Er schrieb Chor-Musicals, Jazz-Oratorien, Gospel-Psalmen. Demnächst erscheint von ihm als Herausgeber "God is a DJ" (mit Jan Meyer). O Haupt, voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn. O Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron. O Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: Gegrüßet seist du mir! O Haupt, voll Blut ..., Paul Gerhardt 1656 Es wäre wirklich gelogen, wenn man behauptet: Jeder Text von Paul Gerhardt kommt bei jungen Christen gut an, man muss nur den richtigen Sound dazu liefern. Meine Erfahrung als Songschreiber ist: Es gibt echte Sprachkonflikte zwischen damals und heute. Ein Hymnus wie O Haupt voll Blut und Wunden provoziert Abwehr, nicht nur wegen der drastischen Schilderung des Gekreuzigten, sondern auch wegen Vokabeln wie "büßen" und "erdulden". Selbst junge Theologen sagen: "Das ist toxische Schuldreligion!" Ich habe als Teenager meine erste A-cappella-Band gegründet und bislang mehr als 2.000 Lieder geschrieben, die meisten Popsongs. Obwohl ich als Popkantor in Hildesheim arbeite und mit meiner jetzigen Band zum Beispiel den Gottesdienst zum Christopher Street Day gestalte, klingt Paul Gerhardts Sprache für mich sehr vertraut – allerdings bin ich auch Sohn eines Dompredigers. Mir hat es jedenfalls Spaß gemacht, Juror beim Paul-Gerhardt-Preis zu sein. Um die vielen kreativen Einsendungen zu bewerten, haben wir sie gespielt und gesungen. Der Aha-Effekt ist, wenn ein Text plötzlich Kraft entwickelt. Ich denke, dieser Barockdichter war seiner Zeit voraus in der klaren, vielfältigen Art, sich auszudrücken. Musikerinnen und Musiker in deutschen Kirchen dürfen gern mutiger sein. Näher ran ans Publikum. Mehr Herz! Auch das kann man von Paul Gerhardt lernen: Man wird geduscht mit Emotionen. Til von Dombois, 45, ist Bandleader und Popkantor. Im Netzwerk "Lauter Segen" engagiert er sich für neue Formen von Kirche. Er ist das Licht der Blinden,erleuchtet ihr Gesicht,und die sich schwach befinden,die stellt er aufgericht’.Er liebet alle Frommen,und die ihm günstig sind,die finden, wenn sie kommen,an ihm den besten Freund. Du meine Seele singe, Paul Gerhardt, 1653 Ich glaube, was ich singe. Ich singe und schreibe mir alles von der Seele. Darin fühle ich mich Paul Gerhardt verbunden, auch wenn ich mich natürlich nicht mit ihm vergleichen will. Doch die Musik hat mich, als ich tief verzweifelt war, tatsächlich getröstet und gerettet. Zunächst hatte ich 15 Jahre als Fotografin gearbeitet, und weil mein Privatleben sehr schwer war, kam irgendwann der gesundheitliche Zusammenbruch. Es war lebensgefährlich, und deshalb beschloss ich, mein Leben zu ändern. Meine Rettung war, dass ich Gitarre spielen lernte, dann Harfe, Piano, Schlagzeug. Ich entdeckte, wie sehr ich die Musik liebe und brauche, fing außerdem an zu schreiben. Heute trete ich mit meinem Mann, der Pastor ist, als Musikduo Stille Poeten auf. Meinen eigenen Stil nenne ich Seelenschmerzsongs oder einfach Musik für die Seele – ich glaube, die braucht jeder. Für den Paul-Gerhardt-Wettbewerb habe ich mich mit vielen seiner Texte befasst. Vor allem die für verstorbene Kinder sind unendlich traurig, doch man spürt, dass er trotz des Todes von vier eigenen Kindern seinen Glauben nie verlor. Das beeindruckt mich, zumal ich mittlerweile selbst vierfache Mutter bin – und Popkantorin. Vertont habe ich Paul Gerhardts Du meine Seele singe, für eine Popband, weil es mich reizt, das Altbekannte für alle zugänglich zu machen. Ich will Menschen Hoffnung geben, denn ich glaube, viele sind heute voller Angst, weil sie nicht glauben können. Sonja Lenzer, 39, ist Popkantorin in Diepholz. Sie leitet einen "Just for fun"-Chor und einen Gospel-Worship-Chor. Der Paul-Gerhardt-Preis wird am 27. Mai, dem 350. Todestag des Dichters, in Berlin verliehen. Die Preisträger und alle 140 Lieder von Paul Gerhardt findet man auf der Website der Lutherischen Landeskirchen www.velkd.de