Freizeit: Wenn Bierbrauer oder Prinzessin die Stadt zeigen

Datum24.05.2026 11:42

Quellewww.zeit.de

TLDRGästeführungen, oft in historischen Kostümen wie Bierbrauer oder Prinzessinnen, erfreuen sich in Thüringen großer Beliebtheit. Sie bieten authentische Erlebnisse jenseits von KI und Audioguides. Städte wie Erfurt und Weimar verzeichnen hohe Besucherzahlen, während Nachwuchsgewinnung in anderen Regionen eine Herausforderung darstellt. Ungewöhnliche Führungen, darunter Naturerlebnisse und sogar High-Tech-Angebote, ergänzen das klassische Stadtführungsangebot.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Freizeit“. Lesen Sie jetzt „Wenn Bierbrauer oder Prinzessin die Stadt zeigen“. Ob in den Städten oder in der Einsamkeit der Thüringer Wälder: Praktisch überall im Freistaat werden Gästeführungen angeboten, die Einblicke in die Geschichte oder die kulturellen Besonderheiten einer Region oder Stadt geben.  "Menschen möchten nicht nur konsumieren, sondern Geschichten erleben, Fragen stellen und mit jemandem ins Gespräch kommen, der für seine Region brennt und sie mit dieser Begeisterung ansteckt", erklärt Christoph Gösel, Geschäftsführer der Thüringer Tourismus GmbH das Interesse an solchen Formaten. Gerade in Zeiten von KI, Audioguides und ständig verfügbarer Information seien echte Erlebnisse und authentische Persönlichkeiten das, was viele Gäste suchten. Ganz vorn dabei sind bei diesem Thema die Städte Erfurt und Weimar. So wurden einem Sprecher zufolge im vergangenen Jahr von den insgesamt 85 Guides der Erfurter Tourismus und Marketing GmbH rund 9.300 Führungen durchgeführt, hinzu kämen weitere Angebote von anderen Unternehmen. In Weimar finden einer Sprecherin der Weimar GmbH zufolge in der Hauptsaison zwischen 90 und 100 Führungen pro Woche statt. Dort seien etwa 70 Guides unter Vertrag.  Doch auch in Gotha würden in der Hauptsaison im Schnitt 40 Führungen pro Woche durchgeführt, erklärt die Leiterin der Gothaer Tourist-Information, Nicole Köllner. Und laut der Gästeführer-Zunft in Bad Langensalza stehen dort Führungen zu etwa 40 verschiedenen Themen auf dem Programm, die ausnahmslos in historischen Kostümen durchgeführt würden.  Auch in Eisenach, Gera, Suhl, Bad Langensalza, Arnstadt, Bad Liebenstein und Schmalkalden werden solche Angebote den Sprechern zufolge nachgefragt. Gleiches gilt für den Naturpark Thüringer Schiefergebirge und den Nationalpark Hainich. Hier steht den Sprechern zufolge das Naturerlebnis im Vordergrund. Je nach Standort gibt es jedoch Unterschiede: Während es in Erfurt und Weimar den Sprechern zufolge kein Problem ist, Nachwuchs-Guides zu finden, werde es etwa in Suhl, Eisenach, Bad Berka oder in den Gemeinden des Thüringer Walds und im Hainich zunehmend schwer, geeignete Kandidaten zu finden; zumal das Engagement als offizieller Gästeführer in der Regel von erfolgreich bestandenen Kursen an den Volkshochschulen oder andere Stellen abhängt, die es durchaus in sich hätten, hieß es. Nicht jeder schaffe den Abschluss. Eine Ausnahme bei der Nachwuchsgewinnung ist Bad Langensalza, erklärt Patrick Kosiol von der Gästeführer-Zunft: Durch die geschickte Einbindung von Kindern und Jugendlichen in städtische Feste und Traditionen würden junge Menschen bereits ab der ersten Klasse für ihre Stadt begeistert. So werde der Grundstein dafür gelegt, leichter neue Städteführer zu finden. Neben Begeisterung für ihre Heimat müssten Bewerber unter anderem Offenheit, Interesse an Geschichte oder Natur und das nötige Kommunikationstalent mitbringen, heißt es übereinstimmend. Talente, über die nicht jeder Bewerber verfüge. Den Gästeführer zu einem geschützten Beruf zu machen, ist eines der Anliegen von Befragten.  Bis heute leide die Branche zudem unter den Nachwirkungen der Corona-Lockdowns, erklärt Köllner, die seit etwa zehn Jahren unter anderem als "rebellische Prinzessin Luise" im Kostüm Gäste durch Gotha führt. "Busreisen sind seitdem stark eingebrochen, weil viele Unternehmen Insolvenz anmelden mussten." Diese Entwicklungen wirkten bis heute nach.  Andere Städte leiden hingegen unter der Bekanntheit der nahen oder entfernten Nachbarn. So habe es Gotha aufgrund der Lage zwischen Wartburg und Erfurt nicht immer leicht, Gäste anzuziehen, hieß es. Manchmal haben auch ganze Regionen zu kämpfen. "Ostthüringen wird oft nicht wahrgenommen, obwohl unsere Stadt sehr viel zu bieten hat", erklärt etwa Karin Schumann, Gästeführerin in Gera. Dort vermittelt auch Uli Braumann etwa kostümiert als Bierbrauer Touristen unter anderem bei Touren durch die früheren Bierlagerstätten im Untergrund Wissen und Anekdoten über die Otto-Dix-Stadt.  In den meisten Kommunen seien die klassischen Stadtführungen am beliebtesten, heißt es weitgehend übereinstimmend. Doch es gibt auch viel Ungewöhnliches: In Gotha lassen sich im Rahmen einer Führung Orte wie der alte Fischkeller unter dem Hauptmarkt besuchen, die normalerweise nicht zugänglich sind. In Eisenach können Gäste den "Stimmen des Friedhofs" nachspüren und so nicht nur etwa über die Stadtgeschichte, sondern auch über Begräbnisrituale erfahren.  Im Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale kann eine – mit Augenzwinkern benannte – "Wanderung für werdende Witwen" gebucht werden, bei der ein Apotheker giftige Wald- und Wiesenpflanzen vorstellt. High-Tech gibt es etwa auf dem Erfurter Petersberg, wo Gäste mit einer 360-Grad-Brille auf der Zitadelle herumgeführt werden und an neun Stationen Einblicke in den früheren klösterlichen Alltag dort erleben können. © dpa-infocom, dpa:260524-930-123207/1