Klimakrise: Meere steigen vor allem durch Ausdehnung wärmeren Wassers an

Datum24.05.2026 07:28

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Meeresspiegel steigt primär durch die thermische Ausdehnung wärmeren Wassers, so eine neue Studie. Während schmelzendes Polareis ebenfalls beiträgt, ist die Wasserausdehnung der Haupttreiber des Anstiegs. Meere absorbieren 90 % der zusätzlichen Wärme, was zu mehr Platzbedarf des Wassers führt. Die Studie nutzt verbesserte Satelliten- und Bojendaten, um diese Erkenntnisse zu untermauern. Bodensenkungen und lokale Entscheidungen beeinflussen die Küstenregionen zusätzlich.

InhaltDie Erde wird wärmer, in Arktis und Antarktis schmilzt das Eis. Aber das spielt beim Anstieg des Meeresspiegels nicht die wichtigste Rolle, zeigt eine neue Studie. Ein physikalischer Effekt ist der mächtigste Treiber. Das Symbolbild der Klimakrise und der steigenden Wasserstände in den Ozeanen sind schmelzende Gletscher und schrumpfende Eisschilde in der Arktis und Antarktis. Doch der Anstieg des Meeresspiegels während der vergangenen Jahrzehnte geht einer Studie zufolge zu einem großen Teil auf ein physikalisches Phänomen zurück – die Ausdehnung des Wassers infolge der Erwärmung. Im Zeitraum 1960 bis 2023 ist wie ein Forschungsteam um Lijing Cheng von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking in der Fachzeitschrift "Science Advances"  berechnet: Im Durchschnitt des mehr als 60-jährigen Zeitraums stieg der Meeresspiegel um 2,06 Millimeter pro Jahr. In den Jahren 2005 bis 2023 waren es im Mittel sogar 3,94 Millimeter pro Jahr. Grundsätzlich steigt der Meeresspiegel im Zuge des Klimawandels aus zwei Hauptursachen: Zum einen gelangt durch das Schmelzen von Gletschern sowie von Eisschilden der Polargebiete mehr Wasser in die Weltmeere. Zum anderen nimmt das Meerwasser etwa 90 Prozent der Wärme auf, die in der Atmosphäre gehalten wird – die Ozeane dämpfen also den Anstieg der Lufttemperaturen durch die Erderwärmung enorm. Weil Wärme durch eine stärkere Bewegung der Teilchen zustande kommt, benötigt wärmeres Wasser mehr Platz als kälteres Wasser: Das Meerwasser dehnt sich also aus. Jüngsten Messungen zufolge steuern die Weltmeere gerade auf einen neuen Wärmerekord zu: Nach Daten der Plattform "Climate Reanalyzer"  übertraf die globale mittlere Oberflächentemperatur im März und April bereits an mehreren Tagen Höchstwerte aus dem Jahr 2024. "Das Verständnis der Ursachen des Meeresspiegelanstiegs ist für Prognosen künftiger Meeresspiegelveränderungen unverzichtbar und unterstützt die Bemühungen zur Klimaanpassung und zum Klimaschutz", schreiben die Studienautoren. Cheng und Kollegen machten sich neue Beobachtungsmethoden, insbesondere durch Satelliten, zunutze, aber auch verbesserte Analysen, die systematische Fehler durch die Messmethoden korrigieren. Sie teilten ihre Analyse in mehrere Zeiträume ein: Beispielsweise setzt sich die Langzeitbeobachtung (1960 bis 2023) aus der verbesserten Analyse von Gezeitenpegeln (1960 bis 1992) und der Satelliten-Höhenmessung (1993 bis 2023) zusammen. Ab 2005 nutzten die Wissenschaftler zudem Daten der Treibbojen des mobilen Beobachtungssystems für die Weltmeere, Argo. Die Einzelbeiträge setzen sich im jüngsten Zeitraum etwas anders zusammen als in der Langzeitbeobachtung: So trugen die seltener werdenden Gebirgsgletscher zuletzt mit 19,3 Prozent weniger zum Anstieg bei, auf lange Sicht waren es 27 Prozent. Dagegen tragen die Eisschilde in Grönland und in der Antarktis inzwischen etwas mehr bei. Erst kürzlich hatte eine Studie im Fachjournal "Nature Communications"  erläutert, wie die Erwärmung der Meere das Schmelzen des antarktischen Eises forciert. Das Team um Tore Hattermann aus dem norwegischen Tromsø beschrieb Kanäle an der Unterseite des Schelfeises, in denen sich relativ warmes Wasser sammelt und das Eis von unten schmelzt. Mit dem Schmelzen des Schelfeises fällt mitunter die stützende Wirkung für das Festlandeis weg, weshalb dieses sich schneller zum Meer bewegt. Nach derzeitigem Kenntnisstand dürfte es allerdings Jahrhunderte dauern, bis die polaren Eisschilde vollkommen abgeschmolzen sind. Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) machen in einer aktuellen Studie, ebenfalls in "Nature Communications", auf eine weitere Gefahr für Küstenstädte aufmerksam: Bodensenkungen. Sie entstehen hauptsächlich durch eine übermäßige Entnahme von Wasser und Rohstoffen, die den Untergrund zuvor stabilisiert haben. Das hohe Gewicht von Städten sowie langfristige geologische Prozesse können die Absenkung zusätzlich begünstigen. "In vielen großen Küstenstädten ist die Entnahme von Grundwasser ein Haupttreiber der Landsenkung", wird Seniorautor Florian Seitz in einer TUM-Mitteilung zitiert. "Das bedeutet, dass lokale politische und wasserwirtschaftliche Entscheidungen einen großen Unterschied machen können." In Genf beraten Experten über die Zukunft der Weltgesundheitsorganisation. Ein Gremium fordert nun: Die WHO muss stärker vor der Klimakrise warnen. Diese bedrohe die Menschen stärker als jede Pandemie, besonders in Europa. Die Hintergründe lesen Sie hier.