Tiere: Mehr Störche in Sachsen trotz Nachwuchsmangel

Datum24.05.2026 05:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Weißstorch-Population in Sachsen hat einen Höchststand erreicht, mit über 500 Brutpaaren trotz geringer Nachwuchsrate. Das Wachstum wird durch "Westzieher" vorangetrieben, die im milderen Westeuropa überwintern und sich von Müllkippen ernähren. Dies ist gesundheitlich bedenklich und birgt Risiken, falls Spanien seine Müllkippen sichern sollte. Gefährliche Strommasten und Renaturierungsmaßnahmen tragen ebenfalls zum Bestandsanstieg bei.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Tiere“. Lesen Sie jetzt „Mehr Störche in Sachsen trotz Nachwuchsmangel“. Es klappert wieder auf den Masten und Schornsteinen in Sachsens Dörfern: Die Brutzeit der Weißstörche ist in vollem Gange. Dabei ist die Population der Vögel nach aktuellen Erhebungen des Nabu-Naturschutzinstituts in Dresden auf dem höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. So gab es den vorläufigen Zahlen zufolge im vergangenen Jahr 495 Brutpaare im Freistaat. Da noch Daten der ehrenamtlichen Regionalbetreuer aus den Bereichen Meißen und Chemnitz fehlen, liege die endgültige Summe voraussichtlich sogar über 500, sagt Sylvia Siebert vom Nabu-Regionalverband Dresden-Meißen. Zum Vergleich: 2024 gab es 471 Brutpaare.  Auch in der laufenden Saison setze sich der Trend gemäß erster Beobachtungen so fort, sagt Siebert. Die Brutzeit läuft allerdings noch, erste Küken sind Anfang Mai geschlüpft.  Damit zeigt sich auch in Sachsen ein Trend, der deutschlandweit anhält. "In den letzten 10, 15 Jahren ist der Bestand vor allem Dingen in Westdeutschland sehr stark angestiegen, sodass wir heute deutschlandweit etwa 14.400 Paare haben", sagt Storchenexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut des Nabu in Schleswig-Holstein. In Sachsen kommen die meisten Störche den Experten zufolge in der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft sowie im Oder-Neiße-Tal vor, gefolgt von der Röderaue (Kreis Meißen) und der Leipziger Tieflandsbucht.  Nach Angaben der Dresdner Nabu-Experten gibt es im Freistaat vor allem seit 2018 stetig mehr Störche. Maßnahmen wie die Wiedervernässung von Feuchtwiesen, die Renaturierung von Gewässern und auch die Maßnahmen der Energieversorger zur Entschärfung der bei den Großvögeln für die Brut beliebten Strommasten trügen dazu bei, erklärt Siebert.  Dass Störche Masten besetzen, kommt nach Angaben des Energieversorgers Sachsen Energie häufiger vor. Das sei für die Tiere unter Umständen lebensgefährlich, da die Nester etwa in Brand geraten können. Zudem könnten auch die Leitungen Schaden nehmen, sagt eine Sprecherin. Allein im Kreis Bautzen gebe es derzeit 22 Storchenhorste auf Strommasten. In jedem Fall werde einzeln entschieden, ob die Tiere gefahrlos auf den Anlagen bleiben könnten. Trotz der steigenden Anzahl an Brutpaaren vermehren sich Sachsens Störche aus Sicht der Experten nicht ausreichend für einen sicheren Erhalt des Bestands. Aktuell überleben demnach im Schnitt weniger als zwei Storchenküken je Brutpaar. Nötig wären mindestens 2,4.  Ursache für den Nachwuchsmangel ist nach Angaben der Experten, dass zu viele der Küken verendeten - insbesondere aufgrund von Nahrungsmangel. Um den übrigen Nachwuchs zu sichern, werfen die Brutvögel Jungtiere aus dem Nest oder verspeisen sie sogar. Hinzu kommen Unfälle bei flüggen Jungstörchen bei den ersten Ausflügen.  Wenn aber der Nachwuchs fehlt, woher kommen dann die vielen Störche in Sachsen? Verantwortlich für den "Storchen-Boom" sind nach Meinung der Experten die sogenannten "Westzieher". Gemeint sind damit Weißstörche, die nicht wie die bislang in Sachsen heimischen Vögel über den Nahen Osten nach Afrika fliegen, um zu überwintern. Stattdessen ziehen die Tiere im Winter ins westliche oder südwestliche Europa.  Dort treffen die Vögel nicht nur auf immer mildere Winterbedingungen im Zuge des Klimawandels, sondern auch auf offene Müllkippen, die ihnen als Nahrungsquelle dienen, wie Ornithologe Jan Schimkat vom Dresdner Naturschutzinstitut des Nabu erklärt.  Das Phänomen existiere schon seit Jahren und führe dazu, dass die Tiere mehr Nahrung finden, früher geschlechtsreif würden und auch früher zurückkehrten aus dem Winterquartier als ihre in Afrika überwinternden Artgenossen, sagt die Dresdner Nabu-Expertin Sylvia Siebert. Zudem verendeten weniger Tiere, da die Route weniger strapaziös sei. Im Ergebnis würden Sachsens bislang heimische Störche zunehmend durch die "Westzieher" verdrängt. Denn deren Brutgebiet verschiebt sich aus dem Westen Deutschlands immer weiter gen Osten.  Gesund und nachhaltig sei das aber nicht. Nicht nur sei die Nahrung auf den Müllkippen ungesund. Oft fräßen die Tiere auch Plastikmüll oder Gummibänder, die sie mit Würmern verwechseln, und verendeten daran. Wegen des Problems offener Müllkippen befinden sich die EU und Spanien schon seit Jahren im Streit. Denn eigentlich ist der Mitgliedsstaat per EU-Abfallrahmenrichtlinie verpflichtet, seine Müllkippen zu sichern und abzudecken. Die EU-Kommission hat Spanien im Juni vergangenen Jahres deshalb vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Das Verfahren läuft.  So sorgt also ausgerechnet eine Umweltsünde für den deutschen "Storchen-Boom". Mit Sorge blicken die Ornithologen darauf, was möglicherweise geschieht, wenn Spanien irgendwann seiner Pflicht nachkommt und die Müllkippen für die Störche als Nahrungsquelle wegfallen, meint Nabu-Ornithologin Siebert. Experten rechnen dann damit, dass die Population so drastisch einbrechen könnte, wie sie in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Denn noch bis weit in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der Weißstorch in Deutschland vom Aussterben bedroht. © dpa-infocom, dpa:260524-930-122309/1