Datum06.05.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDREin interaktives Theaterstück "Tod durch KI" lässt das Publikum als Geschworene über die Verantwortung bei einem Unfall mit einem autonomen Auto urteilen. Weiterhin berichtet der Artikel über Hamburgs wachsende Unterstützung der Venedig-Biennale mit Geldern für den deutschen Pavillon, die steigende Zahl möblierter Mietwohnungen und den Ausbau von Elektrotaxis. Ein weiterer Fokus liegt auf einem jungen Dirigenten, der trotz Erfolgen Unsicherheit empfindet, sowie politischen Entwicklungen in Schleswig-Holstein.
InhaltDie Elbvertiefung am Mittwoch – Mit Hamburgs Einfluss bei der Venedig-Biennale, Elektrotaxis, einem jungen Dirigenten und Danielismus aus Schleswig-Holstein neulich durfte ich darüber urteilen, ob ein IT-Genie den Tod eines Radfahrers verschuldet hat. Ich hörte die Argumente des Staatsanwalts, der Verteidigerin, einer Zeugin und die Aussage des Angeklagten. Danach überlegte ich ein paar Minuten, diskutierte kurz mit dem Pärchen neben mir und stimmte dann ab. Als der Richter das Urteil verlas, ging ein Raunen durch den Saal. Die Ganoven unter ihnen, deren Prozesstage gerade angesetzt wurden, kann ich beruhigen: Sie müssen nicht meinen langen Arm des Gesetzes fürchten. Ich saß nicht in einem Gerichts-, sondern im Theatersaal – als Zuschauerin eines interaktiven Gerichtsdramas namens Tod durch KI. Am Ende meines langen Arms befand sich mein Smartphone. Auf der Bühne wurde ein Prozess verhandelt, bei dem es um die Frage ging: Wer trägt die Verantwortung für den Fehler des KI-gesteuerten Systems? In der Geschichte ist ein Radfahrer durch einen Unfall mit einem autonom fahrenden Auto getötet worden, das wegen eines brenzligen Überholmanövers auf der Gegenfahrbahn auf den Radweg ausgewichen war. Die Staatsanwaltschaft klagte nun den Chef der Autofirma an. Wir im Publikum waren Geschworene, die nicht nur am Ende ihr Urteil abgaben, sondern auch ein-, zweimal den Prozessverlauf beeinflussen konnten, indem wir votierten, welche Frage beispielsweise dem Angeklagten gestellt werden sollte. Das alles funktionierte über ein Abstimmungstool, das jeder über sein Handy bediente. Es gibt verschiedene solcher Prozessformate. Entwickelt wurde The Jury Experience von Fever, einer internationalen Entertainmentfirma. Die Produktion ist quasi eine Franchise-Erfahrung, sie läuft gerade parallel in über 125 Städten weltweit. Das Konzept von Geschworenen im Gerichtssaal beruht auf dem US-Justizsystem, in Kalifornien spielt auch die Geschichte. Entsprechend amerikanisch klangen die Figuren auf der Bühne: Anthony Hulmer, Gina River, Scott Davis. Total fremd von der Hamburger Realität ist es trotzdem nicht. Fahrradtote haben wir hier ja bereits viel zu viele. Die Sicherheit von selbstfahrenden Autos könnte künftig ein Thema werden. Auch die Frage, wie man Fehler bewerten muss, die durch KI entstehen, ist international relevant, zum Beispiel für die Arbeitswelt. Dieses Stück kann nicht mit der virtuosen Schauspielerei oder den grandiosen Bühnenbildern großer Theaterhäuser konkurrieren. Ich fand es in seiner Kurzweiligkeit – etwa 75 Minuten – trotzdem unterhaltsam. Und mir gefällt die Idee, Menschen spielerisch zu bewegen, öffentlich mit anderen über Recht, Unrecht und die Dilemmata unserer Zeit nachzudenken. Besser als sich in den Kommentarspalten im Netz darüber anzuschreien. Zu einem einstimmigen Urteil muss die Jury in dem Theaterprozess übrigens nicht kommen, die Mehrheit entscheidet. Ob der Angeklagte in den verschiedenen Vorführungen öfter schuldig oder nicht schuldig gesprochen wird, wollten mir die Macher nicht verraten, damit zukünftige Geschworene nicht beeinflusst werden, so die Erklärung. (Unter anderem für morgen Abend gibt es noch Tickets.) Ich spiele an dieser Stelle mit und verrate Ihnen nicht, wie die Jury an jenem Tag entschieden hat. Nur so viel: Es wurde nicht in meinem Sinne abgestimmt. Und als Anhängerin der Vierten Gewalt hätte ich da schon gern gewusst: Wie hätte dieses Urteil nun ein Experte eingeordnet? Bis morgen Ihre Viola Diem In Hamburg ist der Anteil möblierter Mietwohnungen an den gesamten Inseraten zwischen 2014 und 2023 von 3,5 auf 17,9 Prozent gestiegen. Das ergab eine von der Stadtentwicklungsbehörde in Auftrag gegebene Studie. Laut Senatorin Karen Pein (SPD) kommen teils sehr hohe Mieten an der Mietpreisbremse vorbei zustande; das bisherige Mietrecht habe hier offensichtlich Lücken. Rund ein Viertel der Hamburger Taxis fährt mittlerweile rein elektrisch. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion hervor. Seit 2025 dürfen Unternehmen ausschließlich Taxis und Mietwagen in Betrieb nehmen, die während der Fahrt kein Kohlenstoffdioxid ausstoßen. Zudem fördert die Stadt den Umstieg zur Elektromobilität mit 5.000 Euro pro Taxi. Hamburgs Kulturbehörde unterstützt künftig unabhängige Verlage mit 700.000 Euro im Jahr und will damit die kulturelle Diversität in der Literatur fördern. Bewerbungen seien noch bis zum 15. Juni möglich. Pro förderfähigen Verlag würden zwischen 10.000 und 25.000 Euro ausgeschüttet. In einem Antrag für die heutige Bürgerschaftssitzung fordert die CDU eine schnelle Interimslösung für den vakanten Posten des Antisemitismusbeauftragten in Hamburg. Der bisherige Amtsinhaber, Stefan Hensel, war Ende 2025 aufgrund persönlicher Angriffe gegen ihn zurückgetreten. Am Landgericht Hamburg hat ein Prozess gegen einen 63-jährigen Pastor begonnen. Der von der Nordkirche suspendierte Angeklagte soll einen 15-Jährigen in drei Fällen sexuell missbraucht und kinderpornografische Bilder besessen haben. Der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Hamburg Ost stellte sich in einer Mitteilung auf die Seite des Jugendlichen. Am Sonnabend beginnen die "Olympischen Spiele der Kunst", so wird die Kunstbiennale in Venedig manchmal bezeichnet. Hundert Länder von Albanien bis Vietnam präsentieren sich dort mit eigenen Ausstellungen. Hamburg ist dieses Jahr so stark in die Venedig-Biennale investiert wie noch nie. Erstmals beteilige sich die Stadt mit 150.000 Euro an der Finanzierung des deutschen Pavillons, teilte die Kulturbehörde mit. Sie bringe die öffentlichen Mittel zusammen mit der Wissenschaftsbehörde auf. Zusätzliche 155.000 Euro kommen demnach von Stiftungen aus Hamburg. Unser Pressefoto zeigt die Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu, die den deutschen Pavillon bespielen. Henrike Naumann, die im Februar unerwartet verstorben ist (Z+), war eine designierte Professorin der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Sung Tieu eine Absolventin. Auch drei weitere (designierte) Lehrende der Kunsthochschule stellen in Venedig aus: Jenna Sutela wird ihr Heimatland Finnland vertreten, Kader Attia in der länderübergreifenden Hauptausstellung zu sehen sein und Yalda Afsah während der ersten Biennale-Wochen im Projektraum Ca’Buccari. Es sei üblich, dass sich Bundesländer und private Stiftungen an der Finanzierung des deutschen Pavillons beteiligen, heißt es aus der Kulturbehörde. Hamburg bekräftige mit seiner Investition den Anspruch, ein "engagierter Kunst- und Kulturstandort" zu sein, sagte Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Außerdem wolle man die "Entwicklung und internationale Sichtbarkeit junger Künstlerinnen und Künstler" stärken. Die Venedig-Biennale läuft vom 9. Mai bis 22. November. Oskar Piegsa Der Komponist Emanuel Meshvinski leitet sein eigenes Orchester und spielt damit in der Elbphilharmonie – mit 24 Jahren. Angekommen fühlt er sich dennoch nicht. ZEIT-Autorin Miriam Amro hat ihn getroffen; lesen Sie hier einen Auszug aus dem Portrait. Am Morgen nach dem Konzert, auf das er so lang hingearbeitet hat, lag Emanuel Meshvinski im Bett und wartete auf das Glücksgefühl. Wenn ich das geschafft habe, bin ich der zufriedenste Mensch auf Erden, hat er sich gesagt. Nur: Das Glücksgefühl kam nicht, so wird er es später erzählen. Er fühlte sich anders. Unsicher. Die Fragen in seinem Kopf, sie hörten nicht auf. Bin ich das? Kann ich das? Dabei war alles so gelaufen, wie Meshvinski sich das Konzert ausgemalt hatte: Er trat mit seinem Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie auf, vor ausverkauftem Saal. Meshvinski, der Dirigent des Jewish Chamber Orchestra Hamburg vorn, die Zuschauer im Rücken. Sie spielten Arrangements von jüdischen Komponisten, Irving Berlin, George Gershwin und Albert Ballin. Dazu flogen Lichtkegel über die Köpfe des Publikums hinweg, eine Jazzband ergänzte das Orchester – und Meshvinski stand, das war ihm wichtig, ohne Frack am Pult: in Jeans und weißen Sneakern. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda kam und das Hamburger Abendblatt schrieb von einer "genialen Uraufführung". Nach dem Konzert aber, in der Nacht des 6. Dezember, stand Emanuel Meshvinski noch mit Freunden auf den Stufen der Elbphilharmonie, sie tranken Bier, einer holte eine Magnumflasche Sekt aus dem Auto und ein anderer sagte: "Mensch, Emu! Was soll jetzt noch kommen?" Anfang März sitzt Meshvinski in einem vietnamesischen Restaurant in Hamburg-Winterhude und studiert die Mittagskarte. Er bestellt Salat mit Reisbällchen, eine Litschi-Limonade und berichtet von seinem Leben. Meshvinski ist 24 Jahre alt, er ist Dirigent, Komponist und Erzähler, wie er sagt. Er leitet sein eigenes Ensemble und hat es mit ihm auf den Spielplan der Elbphilharmonie geschafft. In der Welt der klassischen Musik würde man sagen, er hat alles erreicht, was man als Musiker erreichen kann. Und trotzdem, sagt er, fühle er sich noch nicht angekommen. Wenn man ihn darauf anspricht, woher dieses Gefühl kommt, wird er nachdenklich. Ja, warum? Wie Emanuel Meshvinski zu der Position kam und was er für seine Zukunft plant, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) Und falls Sie den jungen Dirigenten live sehen wollen: Am morgigen Donnerstag spielt das Jewish Chamber Orchestra ab 19.30 Uhr im Tonali Saal. Daniel Günther ist der Anti-Söder aus Schleswig-Holstein. Ein Grünen-Versteher von der CDU, der die Berliner Bühne meidet. Und die radikale Rechte? Hat es schwer, schreibt ZEIT-Redakteur Stefan Willeke. → Zum Artikel (Z+) Im Rahmen der "Magic Days", des Hamburger Zauberfestivals, findet in der Gleishalle im Oberhafen erstmals der "Tag der Offenen Geheimtür" statt. Während die Shows des Festivals im Hansatheater bereits ausverkauft sind, geben alle Künstlerinnen und Künstler, die während des Festivals auftreten, Workshops in kleineren Gruppen. Kinder ab 10 Jahren (oder ab 5 Jahren in Begleitung) und Erwachsene können dort lernen, wie Tricks aufgebaut sind. "Tag der Offenen Geheimtür", 9. Mai, Workshops ab 10 Uhr; Gleishalle im Oberhafenquartier, Stockmeyerstraße 43; Tickets gibt es hier. Auf Kampnagel am Wochenende bei einer Veranstaltung von Kinder Kinder. Die Künstlerin mit starkem französischem Akzent sagt zu Beginn: "Bon Voyage." Von hinten erklingt eine empörte Kinderstimme: "Mama, die hat Arsch gesagt." Gehört von Inga Schade Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. 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