Meinung: Hotspot der Klimakrise und der Rohstoffgier

Datum09.01.2026 17:40

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Artikel thematisiert den Wettlauf um fossile Brennstoffe und Rohstoffe in Grönland, verschärft durch die Klimakrise. Trotz des Klimawandels, der Grönland zu einem Hotspot der Erderwärmung macht, gibt es Bestrebungen, dort Öl, Gas und seltene Erden abzubauen. Die USA könnten dabei eine größere Rolle spielen, während Grönland selbst auf erneuerbare Energien setzt. Experten warnen vor den ökologischen Folgen des Rohstoffabbaus und bezweifeln die wirtschaftliche Rentabilität angesichts extremer klimatischer Bedingungen.

Inhalt2025 war eins der wärmsten Jahre bisher, trotzdem stürzt sich die Welt in neue Kämpfe um fossile Brennstoffe. In Grönland macht die Klimakrise möglich, was dort einst undenkbar war: einen Wettlauf um Öl, Gas und seltene Erden. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial. 2025 war laut dem Erdbeobachtungsdienst Copernicus wohl das zweit- oder drittwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Vorläufigen Daten vom Dezember zufolge lag die globale Dreijahresdurchschnittstemperatur in den Jahren 2023 bis 2025 erstmals 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau  . Auf diesen Wert soll der Temperaturanstieg der Erde laut Weltklimaabkommen möglichst begrenzt werden. Damit reiht sich 2025 in eine Entwicklung ein, die seit mehr als einem Jahrzehnt anhält. Die vergangenen elf Jahre waren durchweg die wärmsten des vergangenen Jahrhunderts. Das Temperaturdiagramm des Klimadienstes macht deutlich: Seit Jahrzehnten heizt sich die Erde auf. Von einzelnen Ausreißern kann längst keine Rede mehr, der Trend zeigt unerbittlich in eine Richtung: nach oben. Statt die Klimakrise abzumildern, stürzt sich die Welt 2026 in neue Rohstoffkonflikte. Donald Trump, der Klimawandelleugner im Weißen Haus, hat seine nächsten Ziele bereits markiert. Nach der völkerrechtswidrigen Intervention in Venezuela  – wo es vor allem um Erdöl ging, jenen Rohstoff, der die Erderwärmung maßgeblich befeuert – steht nun Grönland auf seiner Expansionsliste. Die dänische Insel ist ein Rohstoffparadies: Rund 36 Millionen Tonnen seltener Erden lagern wohl dort, wichtig sind diese für Elektroautos und Computer. Unter dem Eis liegen zudem Lithium, Grafit, Kupfer. Auch sind auf Grönland schätzungsweise bis zu 90 Milliarden Barrel Öl zu finden und 48 Billionen Kubikmeter Erdgas – davon 84 Prozent Offshore-Gebiete, heißt es in einer Studie des geologischen Dienstes der USA. Besonders reich ist Grönlands Südostküste: Die dortige East Greenland Rift Basins Province gehört zu den drei ölreichsten Regionen der gesamten Arktis. Grönland hat 2021 ein Moratorium verhängt. Es setzt nicht auf Öl, sondern auf seltene Erden und erneuerbare Energien. Das könnte sich aber ändern, wenn die USA in Grönland intervenieren und dort ihren politischen Einfluss verstärken. Ausgerechnet die Klimakrise macht es möglich, auf der Insel jene Rohstoffe zu fördern, deren Verbrennung das Klima weiter aufheizt. Grönland ist bereits jetzt ein Hotspot der Klimakrise. Das Eis schmilzt schneller als vorhergesagt. Bei einer Erwärmung von 1,7 bis 2,3 Grad Celsius droht laut einer Studie in der Fachzeitschrift "Nature"  ein "abrupter Verlust" des Eisschildes, dabei ist das noch ein eher optimistisches Szenario. Die Folgen wären apokalyptisch: Es droht ein sieben Meter höherer Meeresspiegel, sollte das Eis in einigen Jahrhunderten komplett verschwinden. Schon in diesem Jahrhundert könnte Grönland einen Meter zum Anstieg beitragen. Für Küstenstädte von New York bis Shanghai stiege die Überschwemmungsgefahr damit deutlich. Es wird viel darüber spekuliert, ob das Fördern der Rohstoffe unter verschiedenen Klimakrisenszenarien rentabel ist. Forscher betonen, dass sich die Bedingungen für Bergbau auf der Insel deutlich von der Öl- und Gasförderung vor der Küste unterscheiden. "Das Meereis vor der Küste geht schon jetzt massiv zurück, bis 2040 werden wir im Sommer erstmals komplett eisfreie Zeiten im Arktischen Ozean haben", sagt Geochemiker Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut (AWI). "Das erleichtert die Förderung der Offshore-Vorkommen erheblich." Die Schmelze könne auch dem küstennahen Bergbau nützen, so der Wissenschaftler: "Die geförderten Rohstoffe können dann viel besser mit Schiffen abtransportiert werden." Der Eisschild Grönlands brauche zwar etliche Jahrhunderte bis Jahrtausende, um komplett abzuschmelzen, erklärt Rachold. Viele Gebiete in Küstennähe, wo auch Rohstoffe liegen, seien jedoch eisfrei oder auch im Winter nur mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Der Forscher warnt vor den Folgen des möglichen Rohstoffabbaus für die Arktis: "Ein Ölunfall bei der Förderung oder beim Schiffstransport wäre unter den dort herrschenden Bedingungen verheerend, da sich die Region schlecht säubern lässt und das Öl sich extrem langsam abbaut." Beim Bergbau wäre es noch komplexer, aufgrund "des extremen Klimas, dem Fehlen jeglicher Infrastruktur, dem Mangel an Fachpersonal und den sehr hohen und ständig steigenden Energiekosten sowie den hohen ökologischen Risiken", wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schreibt. Viele Experten bezweifeln, dass ausländische Unternehmen hier wirklich Rohstoffe gewinnen wollen, selbst im Falle einer Annexion durch die USA. "Seit Jahrzehnten wird darüber geredet, Grönlands Rohstoffe zutage zu holen. Aber das sind oft Fantasien", sagt Paul Bierman, Geologe und Klimaforscher der University of Vermont und Autor des Grönland-Buchs "When the Ice is Gone", im Text meines Kollegen Claus Hecking . Claus schreibt zudem: "Schneestürme, Temperaturstürze auf minus 30 oder minus 40 Grad Celsius sowie der oft steinhart gefrorene Boden erschweren Produktion und Logistik." Zwar wirken die grönländischen Vorkommen verlockend, doch ob Unternehmen wirklich dort investieren, ist vollkommen offen. Die Arktis gehört zu einem der letzten intakten Ökosysteme des Planeten. Die Klimakrise verändert die Region ohnehin schon grundlegend. Bohrtürme und einen Klimaleugner als Verwalter sind das Letzte, was Grönland braucht. Der SPIEGEL berichtet für Sie über die Klimakrise. Alle Beiträge finden Sie immer laufend aktualisiert hier. Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier. Bleiben Sie zuversichtlich! Ihre Susanne GötzeRedakteurin Wissenschaft