Datum09.01.2026 20:08
Quellewww.zeit.de
TLDRIm Prozess gegen Shahriar J., auch bekannt als "White Tiger", wird ihm eine Vielzahl von schweren Verbrechen gegen Minderjährige vorgeworfen, darunter Mord und sexuelle Erpressung. Während seiner Isolation im Gefängnis wurde er angegriffen, was seine Verteidigerin Christiane Yüksel als Beweis für sein vermeintliches Opfer-Sein nutzt. Sie fordert mehr Empathie für ihn, während die Anklage seine Taten als vorsätzlich und sadistisch einstuft. Psychiatrische Gutachten bescheinigen ihm psychische Erkrankungen, halten ihn jedoch für schuldfähig.
InhaltZum Prozessbeginn gegen den mutmaßlichen Cyberkriminellen White Tiger geht dessen Anwältin in die Offensive. Den Vertreter eines Opfers macht das sprachlos und wütend. Am Tag vor dem Prozessbeginn wurde Shahriar J. angegriffen. Zusammen mit zwei anderen Gefangenen saß der Angeklagte in einem Warteraum des Untersuchungsgefängnisses am Hamburger Holstenglacis. Das sei ein Versehen, eigentlich solle der 21-Jährige strikt isoliert werden, so bestätigt es die Hamburger Justizbehörde. "Gib mal deine Uhr", sagt offenbar bald einer der Männer. Kurz darauf schlagen beide Mitgefangenen auf Shahriar J. ein. Was genau geschah, müsse noch ermittelt werden, heißt es in der Justizbehörde. Die Angreifer wussten möglicherweise, wer Shahriar J. ist, was ihm vorgeworfen wird, so stellt es zumindest seine Verteidigerin Christiane Yüksel dar. Erst nach Minuten sei ein Vollzugsbeamter dazwischen gegangen. Die Männer hätten nach Angaben ihres Mandanten noch gerufen: "White Tiger! White Tiger!" White Tiger – so soll sich Shahriar J., ein etwa 1,85 Meter großer, hagerer junger Mann, im Internet genannt haben. Nach einem Raubtier, das Jagd auf seine Beute macht, bevor er sie erlegt. 204 grausame Taten an Minderjährigen werden Shahriar J. zur Last gelegt, darunter ein Mord und fünffacher versuchter Mord. Er soll gezielt Kinder und Jugendliche im Internet angesprochen, ihr Vertrauen gewonnen und ihnen Liebe vorgespielt haben. Dann, so sieht es die Staatsanwaltschaft, hat er seine Opfer mit Nacktbildern erpresst und sie schließlich gezwungen, sich selbst zu verletzen. Ein 13 Jahre alter Junge im US-Bundesstaat Washington, der bereits psychisch labil war, nahm sich im Januar 2022 das Leben. Mehrere andere Mädchen und Jungen, die White Tiger und andere Mitglieder des pädokriminellen Netzwerkes 764 mutmaßlich über Monate gequält hatten, überlebten ihr Martyrium nur knapp. Am Freitagvormittag nun, zwei Stunden vor Prozessbeginn, steht die Verteidigerin Christiane Yüksel auf Treppenstufen im Foyer des Hamburgischen Oberlandesgerichts vor Fernsehkameras. Yüksel sagt, die anderen Gefangenen hätten Shahriar J. schlimm zugerichtet, seine linke Gesichtshälfte sei geschwollen, er klage über Schwindel und Kopfschmerzen, sei "ziemlich schockiert". Die Verteidigerin will die Botschaft senden, dass Shahriar J. kein Ungeheuer sei. Beinahe stellt sie ihn selbst als Opfer dar. Von einer "experimentellen Anklage" spricht sie im Foyer, der Mordvorwurf der Ermittler sei konstruiert und haltlos, sie spricht auch von erheblichen Ermittlungspannen, von einer Vorverurteilung ihres Mandanten durch die Staatsanwaltschaft und die Medien. Yüksel hat zudem eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der sie um Empathie für Shahriar J. bittet. Darin heißt es, das "Hauptproblem sei nicht er, der einzelne Mensch", sondern "die virtuelle Welt". Wenn junge Menschen "so stark abgleiten, ist es sinnvoll, die Umstände zu untersuchen, die dazu beitragen", schreibt sie, ohne direkten Bezug auf Shahriar J. oder die mutmaßlichen Opfer zu nehmen. Und einige Sätze später: "Vielleicht ist es ein entgleister Moment, der sich wieder verflüchtigt und wie vieles andere im Laufe des Erwachsenwerdens vorbeigeht." Die Anklage hingegen hält Shahriar J. für einen berechnenden Sadisten. Ein psychiatrischer Sachverständiger, so ist in Justizkreisen zu hören, solle ihm in einem vorläufigen Gutachten eine schwere seelische Erkrankung sowie Pädophilie bescheinigt haben, schätze ihn zugleich aber als "schuldfähig" ein. All die grausamen Taten könnten seiner sexuellen Erregung gedient haben. Ein leitender Hamburger Polizist sagt, schon der Gedanke sei unerträglich, dass jemand nun Mitgefühl für Shahriar J. verlange.