Datum09.01.2026 16:56
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel kritisiert das Bündnis von Sahra Wagenknecht, welches wie ein Franchise-System funktioniert und somit innerparteiliche Vielfalt einschränkt. Es wird aufgezeigt, dass lokale Mitglieder kaum Freiheiten haben und Entscheidungen ausschließlich vom Hauptquartier vorgegeben werden. Dies führte zu Spannungen, da einige Abgeordnete, wie Katja Wolf, sich gegen diese straffen Vorgaben auflehnten. Der Autor argumentiert, dass eine politische Partei Demokratie und Diskurs fördern sollte, anstatt der strikten Kontrolle eines Fast-Food-Unternehmens zu gleichen.
InhaltWas passiert, wenn eine Partei wie ein Fast-Food-Unternehmen funktionieren soll? Das ist derzeit beim BSW zu besichtigen. Mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht ist ein spannendes Experiment in der deutschen Politik gescheitert, zumindest vorläufig: die McDonaldisierung der Parteienlandschaft. McDonald’s ist bekanntlich eines der erfolgreichsten Franchiseunternehmen der Welt. Franchise bedeutet, dass ein Oberboss sich ein Produkt ausdenkt, dann genau festschreibt, wie dieses Produkt zu sein hat, und wie die Räumlichkeiten aussehen sollen, in denen das Produkt verkauft werden soll, ehe dann andere, sogenannte Franchisenehmer, die einzelnen Filialen zwar irgendwie leiten dürfen, im Kern aber fremdbestimmt sind. Vom Oberboss oder besser: von irgendeinem Headquarter. Denn das gehört zum Prinzip Franchise zwingend dazu: dass die Subunternehmer nicht mal die Dicke des sauren Gürkchens im Cheeseburger ändern dürfen, ohne Ärger mit dem Headquarter zu bekommen. Auch die Arbeitskluft der Mitarbeitenden oder die Farbe der Filialwände werden nicht dem Zufall überlassen. So ähnlich hatte sich Sahra Wagenknecht das offenkundig auch mit ihrer Partei vorgestellt. Alle Vorgaben aus dem Headquarter, das in diesem Falle im saarländischen Merzig-Silwingen liegt, sollten penibel befolgt werden. Auch deshalb sollte es erst mal möglichst wenig Mitglieder geben. Denn je weniger Mitglieder, desto straffer die Führung. Ein paar lokale Gliederungen musste es dennoch geben, schließlich gibt es ja Landtagswahlen. Die Freiheiten der lokalen Subunternehmer des BSW in den Ländern aber ähnelten denen der McDonald’s-Kollegen. Sie lagen nahe null. Da anders als bei McDonald’s zudem nicht genau definiert war, worin genau das Angebot des BSW besteht, musste es früher oder später schwierig werden. Wagenknechts Thüringer Franchisepartnerin Katja Wolf nahm sich heraus, nicht nur die Dicke des sauren Gürkchens zu variieren, sie trotzte auch sonst den Vorgaben aus dem saarländischen Headquarter. Dort wollte man partout vermeiden, dass das neue Bündnis gleich nach einer der ersten Landtagswahlen in eine Regierung einzieht – und dann noch in eines unter Führung der CDU. So würde der Markenkern des Produkts verwässert. Wolf tat es trotzdem. In der Folge wurde aus dem Headquarter vieles versucht, um Wolf den politischen Alltag zu erschweren. In Brandenburg wiederum durfte der lokale Spitzenkandidat Robert Crumbach mit Wagenknechts Segen ein Bündnis mit der SPD eingehen. Dieses ist nun aber geplatzt , Crumbach ist aus dem BSW und der Fraktion ausgetreten, andere BSW-Abgeordnete ebenso. Sie hielten die Anfeindungen aus den eigenen Reihen nicht länger aus. Ihr Vergehen? Sie hatten sich das Recht herausgenommen, in inhaltlichen Fragen wie der Rundfunkreform anderer Meinung zu sein. Eine Partei ist keine Fast-Food-Kette. Sie besteht aus Individuen, die nicht nur einen Businessplan, sondern Überzeugungen und Meinungen haben. Sie lebt vom demokratischen Diskurs, auch unter den Mitgliedern. Wer die Stromlinienförmigkeit des Produkts für wichtiger erachtet als die innerparteiliche Demokratie, der sollte vielleicht doch besser auf Burger, Kaffee oder Donuts setzen.