Datum09.01.2026 16:57
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie britische Postpunk-Band Dry Cleaning präsentiert mit ihrem neuen Album "Secret Love" präzise Gitarrenriffs und den Sprechgesang von Florence Shaw. Die Songs thematisieren Einsamkeit und Alltagsrealitäten in einer ergreifenden Mischung aus Irrsinn und treffenden Wahrheiten, produziert von Cate Le Bon. Parallel werfen die Hamburger Sterne mit ihrem neuen Album kluge, hinterfragende Rockmusik gegen den allgemeinen Überforderungszustand auf. Zudem wird der Film "Marty Supreme" gelobt, der möglicherweise Oscar-Nominierungen für Hauptdarsteller Timothée Chalamet und Komponist Daniel Lopatin einbringen könnte.
InhaltDie britische Band Dry Cleaning begegnet dem hysterischen Allgemeinzustand mit präzisen Gitarrenriffs und dem beiläufigen Sprechgesang von Florence Shaw. Und: Die Sterne, ein oscarreifer Soundtrack und eine neue Playlist. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Florence Shaw wirkt manchmal wie eine dieser sonderbaren Personen, denen man an Bushaltestellen oder in der U-Bahn begegnet: Sie sitzen da, in sich gekehrt, und brabbeln vor sich hin. So wie Shaw in "Hit My Head All Day", dem ersten Song vom neuen Album der zu Recht gefeierten britischen Postpunk-Band Dry Cleaning, der den Beginn des neuen Jahres mit seinen neuen Krisen und Unbegreiflichkeiten auf den Punkt bringt: Man fühlt sich, als hätte man sich den ganzen Tag den Kopf angeschlagen. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. "Das Leben, eine Reihe von Erinnerungen und Signalen, die uns dies oder jenes sagen", sprechsingt Shaw, und man denkt, man erhalte einen Schlüssel zu den Songs über Einsamkeit ("Let Me Grow And You’ll See the Fruit"), Grill-Influencer ("Evil Evil Idiot"), Muskelkulte ("Joy") oder Kriegsabgebrühtheit ("Blood"), die dann folgen. Aber dann kommt, völlig aus jedem Zusammenhang, auch diese Zeile: "Als Kind wollte ich ein Pferd sein. Zwiebeln, Karotten und Sellerie. Wie bitte?" Genau: Hä? Irrsinnige Selbstgespräche einer Exzentrikerin, vielleicht. Aber wie in Bus oder Bahn muss man diesem Gemurmel trotzdem zwanghaft zuhören, es könnte ja auch der Weisheit letzter Schluss sein. So wird "Secret Love", das dritte Album des Londoner Quartetts, zu einer Pandorabüchse voller beiläufiger Rants und treffsicherer Alltagswahrheiten zu fies nadelnden Gitarrenriffs. Die sind noch pointierter als auf den beiden vorherigen Alben, ergänzen oder kontrastieren noch wirkungsvoller den nüchternen Vortrag Florence Shaws. Das liegt zum einen an der Produktion von Indie-Songwriterin Cate Le Bon und einigen offenbar sehr lehrreichen Studiosessions bei Wilco in Chicago. Zum anderen habe Gitarrist Tom Dowse, eigentlich ein eingeschworener My-Bloody-Valentine- und Postpunk-Adept, nach eigener Aussage erstmals die sparsame, aber ewig effiziente Gitarrenarbeit der Rolling Stones, speziell beim Zusammenspiel zwischen Keith Richards und Mick Taylor in den Siebzigerjahren allumfassend verstanden habe: "Der Song beginnt, sie kommen in Stimmung, und man möchte nicht, dass es aufhört", sagte Dowse in einem Interview . Preisabfragezeitpunkt 09.01.2026 16.57 Uhr Keine Gewähr Der Einfluss dieses Verstehens ist auf "Secret Love" nun zum Beispiel im klaren Riff von "The Cute Things" zu hören, aber auch im hypnotisierenden Loop-Groove von "Hit My Head All Day", das zwar kürzer ist, aber wie eine dieser sehr ausgedehnten Maxi-Single-Remixe aus den Achtzigerjahren wirkt. "Rage Hard" von Frankie Goes to Hollywood fiele einem als Referenz ein. Doch hart gewütet wird hier eben nicht, und wenn, dann wird der Unmut über die Verhältnisse unter strengste musikalische Präzision und Kontrolle gestellt, um ihn zu bewältigen. Gerade die kühle, klare und natürlich provokante Empfindungslosigkeit dieses Albums machen es zu einer tröstlichen Geheimwaffe gegen das Verzweifeln. (8.5/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Wie es funkelt, dann doch noch! Das letzte Album "Hallo Euphoria", auf dem die altgediente Hamburger Diskurspopband Die Sterne manchmal allzu rentnermäßig ins Element-of-Crime-Schunkeln geriet, gehörte offenbar noch zur Neufindungsphase nach der personellen Umbesetzung mit Keyboarderin Dyan Valdés sowie einer Hälfte der Kölner Kraut-Dance-Gruppe Von Spar. Jetzt haben sich die neuen Sterne um Frontmann und Texter Frank Spilker eingegroovt und demonstrieren mit dem "Riff-Rock" (Spilker) von "Ich nehme das Amt nicht an" gleich zu Beginn ihres 14. Studioalbums, dass sie aus dem allgemeinen Überforderungszustand immer noch widerständige, klug hinterfragende, aber eben nicht querdenkende oder verschwörerisch-esoterische Rockmusik schlagen können. "Vielleicht wäre es gut/ Und die Vernunft würde siegen/ Sie dürfen uns nicht kriegen/ Mit ihrer Brezellogik/ Ausgedachten Geschichten/ Gerüchten und Berichten", formuliert Spilker in "Ändern wie je den Akkord?" zu hektisch sägendem Psychobillysound das Credo der Klarsichtigkeit, denn nur bei klaren Gedanken sieht man die Sterne am Himmel strahlen. Oder so. "GNZRZND" und das von Valdés gesungene "Open Water" knüpft an die großen Groovemonster der Band an, in denen sich Funk und Postpunk miteinander verkrauten; "Ich habe nichts gemacht (außer weiter)" ist nach unfassbaren 30 Jahren eine Art Fortsetzung des Sterne-Gassenhauers "Was hat dich bloß so ruiniert" – und "Wenn es Liebe ist" ein überraschender, aber natürlich hinterlistiger Popschlager. Wir wollen mal nichts gesagt haben. (8.0/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. "Marty Supreme" ist ein irrwitziges, adrenalingeladenes Drama über einen ehrgeizigen amerikanischen Tischtennis-Crack, der Anfang der Fünfzigerjahre groß rauskommen will. Der Film, in den USA bereits mit sehr ordentlichen Einspielergebnissen und reichlich Kritikerlob gestartet, wird Hauptdarsteller Timothée Chalamet vielleicht den Oscar bescheren, den er vergangenes Jahr als Bob Dylan in "Like a Complete Unknown" dann doch nicht bekam. Der Film ist wirklich sehr, sehr gut (Trailer hier ). Und hat einen Soundtrack, der auch dem gefragten Experimental- und Elektronik-Musiker Daniel Lopatin eine Oscar-Nominierung einbringen könnte. Lopatin hat erst im November sein aktuelles, ebenfalls sehr gelungenes Album als Oneohtrix Point Never herausgebracht, für die New Yorker Regisseure Benny und Josh Safdie komponiert er jedoch auch Filmmusik, bisher für "Good Time" und "Uncut Gems", nun auch für Josh Safdies "Marty Supreme". Dazu muss man wissen, dass der Film zwar 1952 spielt, aber zahlreiche Szenen mit Achtzigerjahre-Hits begleitet, unter anderem von Tears For Fears, Alphaville und New Order. Wer das schräg findet, missachtet, dass sich in den Achtzigern ein popkulturelles Fifties-Revival abspielte, das auch im damals boomenden Synthiepop reflektiert wurde. Lopatin ergänzt diesen Sinnzusammenhang auf brillante Weise, indem er in seinen kristallin perlenden Score-Stücke Eighties- und New-Age-Soundtracks wie "Blade Runner" (von Vangelis) oder "Thief" (von Tangerine Dream) zitiert, aber auch neoklassische Artefakte wie Constance Dembys "Novus Magnificat, Part 2: The Flying Bach" von 1986 (in "Holocaust Honey"). Analoge und digitale Elektronik-Sounds mischt Lopatin mit organischen Instrumenten wie Saxofon oder Trompete sowie Kinderchören, um das im Film thematisierte Spannungsfeld zwischen alter Welt und jugendlicher Moderne aufzugreifen. Ohne die Kinobilder nicht ganz so atemlos, aber dafür atemberaubend schön. (8.2/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)